Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 20.1909

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INNEN-DEKORATION

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ZEHN GEBOTE FÜR BRAUTPAARE.

L

So Ihr heiraten wollt, bedenket bei Zeiten die
Ausftattungsfrage Eurer Wohnung. Kaufet nicht
Möbel in den legten drei Wochen oder acht
Tagen. Benutzet die Brautzeit dazu, Euch auf den
großen Gebieten moderner Wohnungs- Aus-
härtungen umzufehen - es ift vielleicht das
einzige Mal in Euerm Leben, daß Ihr diefem
Kulturgebiet fo nahe tretet.

IL

Denket daran, daß Euer künftiges Leben, daß
Glück, Behaglichkeit, Gemüt und Charakter ein
gut Teil abhängig ift von der (händigen Umgeb-
ung, in der Ihr jähr aus Jahr ein, Tag aus Tag ein
leben werdet. Euer Gefchmack lehafft Euer
Milieu; Eure Umgebung bildet oder verbildet
aber auch Euern Gefchmack. Ihr feid auch Euern
Kindern verantwortlich für das Milieu, das Ihr
ihnen bietet; ihr Werden hängt von Eurer
Wohnungskultur mehr ab, als Ihr ermeffen könnt.

III.

Die Frau richte ihre Räume ein, der Mann die
feinen; es braucht nicht alles über einen Kamm
gelchoren zu fein. Es laffen (ich auch gemein-
lame Räume zugleich männlich charaktervoll
und weiblich traulich herrichten. — Ihr braucht
Euch bei Streitigkeiten nicht gleich zu entloben.

IV.

Streitet nicht, ob Ihr Euch »modern« oder
»alt« einrichten wollt. Es laffen [ich fehr wohl
zu alten ererbten Stücken neue Ergänzungen
Ichaffen. Kauft aber nicht alten Kram dazu.
Das Problem der Zeit lautet: fich nicht in alte
fremde Stücke fetjen, fondern die Motive der
alten erprobten Kultur neu geftalten!

V.

Wenn Ihr die Summe für den Ankauf oder
die Beftellung der Möbel feftfe^et, vergeffet
nicht, daß damit Eure Ausftattung nicht ge-
macht ift. Beftimmet für jedes Zimmer einen
wenn auch kleinen Betrag für Tapeten, Vor-
hänge und jene Dinge, die den Raum und die
Möbelftücke in Farben und Formen erft zu-
fammenftimmen und das Ganze zu einer künft-
lerifchen und wohnlichen edlen Einheit machen.

VI.

Schafft Euch keinen Staatsfalon mit verdeckten
Repräfentationsmöbeln, fchafft Euch Wohn-
räume. Könnt Ihr Euch einen Salon leiften,
ftimmt ihn fo, daß Ihr Euch täglich darin feier-
täglich fühlt; hocket aber nicht eines Salons
wegen im engen Wohnzimmer.

VII.

Das Schlafzimmer fei groß und luftig und
hell. Wohn- und Eßzimmer feien nicht übervoll
an Möbeln, Zierat, Nippes. Wenige gute Stücke
im ruhigen Einklang der Farben und Formen.
Keine finnlos gefammelten fremden nicht zu-
gehörigen Eckenfteher! - Kinderzimmer, Küche,
Bad und Mädchenzimmer verlangen nicht
mindere Sorgfalt als die Haupträume; vernach-
läffigt de nicht, weil fie feiten jemand fieht!

VUL

Ein Tifch ift ein heiliges Gerät; er trägt
Eltern und Kindern und oft Generationen die
tägliche Speife. Das Bett ift die Wiege Eurer
Gefundheit. Ein Schrank ift ein Kunftwerk der
Kultur. Bedenket danach, daß alle Möbel ihre
gehaltvolle Form haben mülfen, auf daß fie
Euch und den Eurigen lange etwas bedeuten.

IX.

Kaufet darum keine Fabrikware. Kaufet
Euch nicht ultramoderne oder pfeudomoderne
Innen-Einrichtungen, die Euch zwar fein er-
fcheinen, aber doch ganz fremd find. Sprechet
mit den Firmen und Künftlern und laffet Euch
nach Euern Gedanken die Stücke machen.
Gefchäftund Künftler wollen folche Anregungen.
Ihr follt in den Möbeln wohnen, nicht jene.

X.

Wenn Ihr den Grundftock Eures Heimes
habt, die Möbel, die Teppiche, die Vorhänge,
wenige Bilder und Vafen, dann füget langram
hinzu, was dem Ganzen noch ftarke Noten
gibt, ein gutes Bild, eine Plaftik, ein fonftiges
Möbelftück. Wenn Ihr Euch gut eingerichtet
habt, werdet Ihr bald merken, wie wenig fich
in eine anfangs gut geftimmte Einrichtung nach-
tragen läßt. Darum legt gleich das Nötige an
und fpart lieber hinterher.

Und auch der Junggefelle und die hinggefellin mögen darnach ftreben,
in eigenen Möbeln zu wohnen, auf daß in Deutfchland der Brauch der
Ichrecklichen gelchinack- und charakterlofen Mietswohnungen und »möblierten«
Zimmer auf das notwendigfte Maß befchränkt werde und fich bald eine
neue Wohnungskultur mit felbftändigem Charakter ausbreite. Georg Mulchner.
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