Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 20.1909

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INN EN-DEKORATION

GEH. STADTBAURAT LUDWIG HOFFMANN—BERLIN.

Raum für Fischerei, Handel und Gewerbe.

Sollen wir in die Höhe oder in die Breite bauen?

Diese Frage ist von eben so großer baukünstlerischer
wie wirtschaftlicher Bedeutung. Baukünstlerisch
in sofern, als das Bauen in die Höhe das rein
künstlerische Moment zu Gunsten des bautechnischen
zurücktreten läßt, wirtschaftlich dadurch, daß das Bauen
in die Höhe eine ungemein große Ausnutzung der
verhältnismäßig kleinen Bauflächen zuläßt. Wir wissen,
daß die wahnsinnige Steigerung des Bodenpreises in
amerikanischen Großstädten die dortigen Geschäftshäuser
zu ungeahnten Bau-Riesen werden ließ, für welche sich
der Rekord in der Höchstleistung noch gar nicht ab-
sehen läßt. Wir wissen aber auch, daß hier nicht
nur die Auswüchse einer gewissenlosen Bauspekulation,
sondern auch eines skrupellosen Ehrgeizes nach bau-
technischen Triumphen zum Ausdruck gekommen sind.
— Es sei auch daran erinneit, daß der Eifelturm, der
Clou der Welt-Ausstellung Baris 1889, — im Vergleich
zu seinen enormen Kosten von belanglosem Wert —
lediglich ein Werk bautechnischer Spekulation ist, der
dem Bauingenieurwesen an sich nicht einmal besonders
große Dienste geleistet hat, da er gerade bei seinem
riesigen Materialaufwand nicht ohne Fehler geblieben ist.
Es tauchte ja auch bereits wieder der Gedanke auf,
ihn abzutragen, bis sich die Wissenschaft für ihn ins
Zeug warf, um ihn nunmehr für sich zu erhalten. Rein
künstlerisch bietet jedes Hochbauen weitaus mehr
Schwierigkeiten als nach der Seite der rein bautechnischen
Lösung. Alles Gestalten über die dem Auge erreichbaren

Grenzen hinaus, das heißt für die Gewinnung eines
Totaleindrucks, ist widersinnig, wenn darin zugleich
die Schönheit der Erscheinung zum Ausdruck gebracht
werden soll. Im hochstrebenden Bauwerk ist die
Broportion der Unterteilungen ausschlaggebend für die
Schönheit des Gebäudes.

Gehen wir auf Einzelheiten bei wirklich hohen
Gebäuden ein, so finden wir, daß hier die verzweifeisten
Versuche gemacht werden, die proportionale Aufteilung
der Vertikalen leidlich befriedigend zu lösen. Im
großen und ganzen bleibt es häufig nur ein Über-
einanderstellen gleicher Wiederholungen, die sich, je
höher sie steigen, vereinfachen und verkleinern. Das
Vereinfachen mag gut sein, ja ist aus optischen Gründen
notwendig, weil das Auge übergroße Feinheiten, so an
Hauptgesimsen und Fensterumrahmungen, schon bei
fünf- und sechsstöckigen Gebäuden nicht mehr wahr-
nimmt. Etwas anderes ist es dagegen mit dem Ver-
kleinern, so namentlich der Fenster, die dann noch
kleiner wirken und damit das Haus in seinen oberen
Fartien übermäßig schwer erscheinen lassen. Streng
genommen müßte jeder ungewöhnlich hochstrebende
Bau, wie die mit ihm konkurrierenden Türme, in einer
angemessenen Verjüngung eine natürliche Endigung
erhalten, sei es auch nur in einer giebelartigen Lösung
mit Satteldach. Die Horizontale ist eben bei großen
Höhenmaßen ein künstlerisch unbefriedigender Abschluß.
Eine natürliche Begründung für übermäßiges Hoch-
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