Kunsthistorische Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses <Wien> [Editor]
Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses (ab 1919 Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien) — 35.1920-1921

Page: 177
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DIE ALTEN KIRCHEN INNSBRUCKS.

Von

Josef Weingartner.

it Ausnahme der Bartholomäuskapelle in Wilten und der alten Pfarrkirche von
Hötting, an welcher der Chor in die erste Hälfte, der östliche Teil des
Schiffes in das Ende des XV. Jahrhunderts zurückreicht, findet sich in Innsbruck
und in seinen Vororten kein kirchlicher Bau von ausgesprochen gotischem
Charakter. Ein Grund hiefür mag darin liegen, daß Innsbruck überhaupt erst
seit der zweiten Hälfte des XV. Jahrhunderts als Stadt eine größere Bedeutung
erhielt und beispielsweise außer dem Prämonstratenserstift Wilten weder
innerhalb noch unmittelbar außerhalb seiner Mauern ein mittelalterliches Kloster besaß. Und mit
dem Wenigen, was an kirchlicher Architektur doch auch in dieser Zeit schon vorhanden war, hat
dann die Barockzeit aufgeräumt. Aber schon lange vor der vollen Ausbildung der Barockarchitektur
und der damit zusammenhängenden, das Alte wenig schonenden Schaffensfreude hatte ein anderer
Faktor in die Entwicklung der Innsbrucker Kirchenarchitektur mächtig eingegriffen und die Zahl
der Kirchen verdoppelt, nämlich die von Kaiser Ferdinand I. eingeleitete und dann von der
tirolischen Seitenlinie der Habsburger eifrig fortgesetzte Gegenreformation.

Schon die Hofkirche war nicht etwa nur zur Aufstellung des Maximiliangrabes erbaut worden
sondern dankt ihre Existenz ebenso der Absicht Kaiser Ferdinands I., zur Besserung der kirchlichen
Verhältnisse ein Stift für höheren theologischen Unterricht zu gründen. Der Plan kam aber nicht
zur Ausführnng, und zwar hauptsächlich deshalb nicht, weil der Kaiser unterdessen die Jesuiten
nach Innsbruck gerufen hatte und infolge ihrer eifrigen Lehrtätigkeit ein eigenes Schulstift über-
flüssig oder doch nicht mehr so notwendig schien. Dafür wurden an die Hofkirche Franziskaner
berufen. Die Gründung neuer Ordensniederlassungen, die als vornehmlichstes Hilfsmittel für die
Gegenreformation diente, war aber auch damit noch nicht abgeschlossen. Die Gründung des Damen-
stiftes durch die Schwestern des neuen Landesfürsten Erzherzog Ferdinand kommt für uns nicht un-
mittelbar in Betracht, da als Ort der Neugründung nach manchem Hin und Her nicht Innsbruck sondern
Hall ausersehen wurde. Und im übrigen zeigte Erzherzog Ferdinand zunächst größere Freude an
weltlichen Bauten. An seinem Lebensabend aber wurde auch er durch seine zweite Gemahlin Anna
Katharina von Gonzaga aufs neue für kirchliche Gründungen interessiert. So berief er auf ihre Bitten
die Kapuziner nach Innsbruck und baute ihnen nahe an der Sommerresidenz Kloster und Kirche.
Später, nach dem Tode ihres Gemahls, wandte Anna Katharina ihre Gunst hauptsächlich dem Ser-
vitenorden zu, gründete das Regelhaus und das Versperrte Kloster für Frauen, außerdem eine Nieder-
lassung für männliche Ordensmitglieder, baute für diese Stiftungen zwei Kirchen und trat auch
selber als Anna Juliana in das Regelhaus ein. Die Servitenkirche brannte 1620 ab. Ihre Wieder-
herstellung nahm noch Anna Juliana selber in Angriff. Vollendet aber wurde sie durch Erzherzog
Leopold V. Der weitgehenden Förderung Leopolds verdankt endlich auch die Jesuitenkirche ihre
heutige Gestalt. Den Jesuiten wurde ursprünglich (1561) das von Maximilian I. gegründete Kaiser-
spital mit der Salvatorkapelle zugewiesen. Aber schon 1570 mußte die Kapelle erweitert werden,
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