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Nr. 5

JUGEND

1897

der schwere Kampf, den ich ihn still und
tapfer kämpfen sah, zogen mich zu ihm
hin. „So sieht ein deutscher Professor
aus, wenn er jung ist“, sagte ich oft zu mir.

Beim heissen Punsch und in der warmen
Erinnerungsstimmung des Sylvesterabends
schwand die Zurückhaltung, mit der er
bisher einer Aussprache über alle per-
sönlichen Verhältnisse ausgewichen war.
Ich war ihm damit vorangegangen; es war
ja zu natürlich, am Neujahrsabend im
fremden Lande von der Heimat, vom
schönen Heidelberg, wo auch er studirt
hatte, von Eltern, Brüdern und Schwestern,
von Plänen und Hoffnungen zu sprechen.

„Ich werde Ostern Paris auch ver-
lassen“, erzählte er im Laufe des Gesprächs,
„aber mich zieht’s nicht nach Deutschland.
Vater und Mutter sind todt, meine ältere
Schwester hat eine Stelle angenommen,
und die jüngste ist bei Verwandten. Es
gehtihnen beiden gut,so viel ich wenigstens
weiss. Wir sind in unserer Familie keine
Freunde vom Briefschreiben.“

„Und wohin wollen Sie gehen?“

„Nach Mailand.“

„Mailand? Studiren Sie denn auch
Italienisch?“

„Ein wenig, nebenbei. Aber das ist nicht
der Grund. Ich wollte in der Biblioteca
Ambrosiana arbeiten, dort hoffe ich-“

Er brach ab, und wieder flog das ge-
heimnissvolle Lächeln um seinen Mund.

Erwartungsvoll sah ich ihn an.

„Nun, ich darf es Ihnen gestehen,
natürlich unter strengster Verschwiegen-
heit, auf Ehrenwort —“

„Auf Ehrenwort.“

Und leise, in flüsterndem Tone, als
ob Jemand uns belauschen könne, in
halben Sätzen und Worten, wie ein junges
Mädchen seine Liebe stammelt, gestand
er mir, er habe es nach langem Suchen
und Forschen herausgebracht, dass in der
Biblioteca Ambrosiana die Urhandschrift
des Rolandslieds stecken müsse, die Ab-
fassung aus dem 10. Jahrhundert. Ja, er
glaube sogar, genau zu wissen, wo; doch
das könne er mir noch nicht sagen, das
stände noch nicht wissenschaftlich fest.
Aber da sei sie, müsse sie sein, und Ostern
reise er hin, um sich seiner Entdeckung
zu vergewissern. Nun?

Ich sagte nichts, ich war Philister genug,
um bei der ganzen grossen wichtigen Ent-
deckung eigentlich nichts zu empfinden,
weder Erstaunen, noch Freude, noch Zwei-
fel. Nur eine Frage beschäftigte mich
lebhaft.

„Schön, mein lieber Weite, ganz vor-
trefflich, aber woher wollen Sie das Geld
zur Reise und für den Aufenthalt drüben
nehmen ?“

„Das hab’ ich mir erspart.“

Ich sah ihn ungläubig an.

„Ich habe in diesem Jahr 1000 Mark
Stipendien gehabt, davon hab’ ich die
Hälfte erübrigt.“

„Mensch, wie ist das möglich, in Paris?“

„Gerade in Paris, es lässt sich nirgends
billiger leben.“

„Aber Wohnung, Frühstück, Mittag-
und Abendessen?“

„Das Mittagessen habe ich mir abge-
wöhnt.“

Ich prallte mit einem Schrei zurück.

„Mensch, Landsmann, Freund, Bruder!“
stiess ich hervor. „Mittagessen abgewöh-
nen, das ist ja noch nie dagewesen, das
ist ja eine Erfindung allerersten Ranges,
eine kapitale Erfindung, ja buchstäblich,

Karl Riss (viugsburg).



eine kapitale. Darauf müssen Sie sich ein
Patent geben lassen! Der Menschheit ist
geholfen, die soziale Frage ist gelöst. Wie
einfach! Das Mittagessen hab’ ich mir ab-
gewöhnt!“

Ich lachte lautauf, hielt aber erschrocken
inne, als ich in sein bleiches, ausge-
zehrtes Antlitz sah. Da stand es zu lesen,
um welchen Preis er die Erfindung gemacht.

Er nahm meinen Spott gelassen hin,
und ohne sich beleidigt zu fühlen, erklärte
er gleichmüthigen Tones: „Sie finden das
so merkwürdig, warum sollte das nicht
gehen? Die Bauern haben sechs Mahl-
zeiten, die Städter kommen mit dreien aus,
warum sollte ein Student sich nicht mit
zweien begnügen können? Es kommt nur
auf den Willen und die Gewöhnung an.“

„So haben Sie doch den Willen, sich
das Essen ganz abzugewöhnen.“

„Es hat alles seine Grenze, nach unten
und nach oben.“

„Und das Entbehren um der Wissen-
schaft willen doch auch?“

„Ich entbehre nichts. Ich nehme mei-
nen Kaffee um neun Uhr, gehe um zehn
zur Bibliothek, arbeite bis vier, wo sie
leider geschlossen wird, gehe dann eine
Stunde spazieren und esse um fünfMittag-
und Abendbrod zusammen. So spare ich
Zeit und Geld und befinde mich sehr wohl
dabei.“

„Ja sehr wohl!“ rief ich ärgerlich aus.
„Es wird Ihnen dabei gehen wie jenem
Esel, welchem die Brüder das Fressen ab-
gewöhnen wollten. Just, als er es gelernt
hatte, starb er.“

Er stand auf und griff nach seinem
Hute.

„Nein, mein lieber Freund“, rief ich,
„so scheiden wir nicht. Ich bin der Aeltere,
und ich habe das Recht und die Pflicht,
Sie auf die Folgen Ihrer unvernünftigen
Lebensweise, oder sagen wir’s gerad her-
aus, Ihres unvernünftigen Hungerns auf-
merksam zu machen. Ich muss das wis-
sen, ich hatte ja in meiner Muluszeit die
Absicht, Medicin zu studiren“, und nun
setzte ich ihm, halb scherzhaft, halb im
Ernste, mit tausend Gründen auseinander,
dass das nicht so weiter gehen könne.

Er hörte ruhig zu und hatte für alles
nur eine Erwiderung:

„Stimmt für and’re, aber nicht für mich.“

Und dabei blieb er, und wollte unter
keiner Bedingung mir das Versprechen
geben, von nun an regelmässig mit mir
zu speisen.

Ich war ärgerlich über seine Halsstarrig-
keit, und er empfand, ich sah’s ihm an,
mein ganzes Vorgehen als zudringlich. Wir
fanden den alten gemüthlichen Ton nicht
wieder, und der Abend, der so fröhlich be-
gonnen, sah uns im Missmuth von einander
scheiden.

Wenige Tage später rief mich eine
Familienangelegenheit nach Hause, und
erst kurz vor Ostern konnte ich nach Paris
zurückkehren. Vergebens hoffte ich Weite
zu treffen. Ich sah ihn in keinem Kolleg,
auch in der Bibliothek nicht. Sollteerschon
nach Mailand gegangen sein? Auf- meine
Karte, dass ich wieder da sei, erhielt ich
keine Antwort. Da ging ich nach seiner
Wohnung. Im Hötel-Dieu, seit acht Tagen!
Ich hätt’s mir denken können.

Noch am selben Nachmittag suchte ich
ihn auf.

Ich sprach zuerst mit dem Assistenz-
arzt, der ihn behandelte. Keine Hoff-
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