Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 3.1898, Band 1 (Nr. 1-26)

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mm.

Nr. 22

JUGEND

1898



'■■■=■*' ••

MMW

WFärchen

von

Karat) Ncrnßardt.

Um die wiege eines Kindes
standen die Zeen versammelt.

voll ehrerbietiger Scheu
lauschten die Eltern den wün-
schen, die ihrem Knaben gespen-
det wurden:

„Du wirst zum schönen
Manne heranwachsen, güldene
Kronen sollst Du tragen! —
Lin Held wirst Du sein — aus
taufen Kehlen wird Dir Jubel
entgegenschallen — vor Deinen
wagen werden sich, trunken vor
Begeisterung, Deine Bewunderer
spannen! Lachen und weinen
wirst Du die Menschen machen,
beben vor Wonne und zittern
vor Angst wird man vor Dir —
Die Dichter werden Dir ihre
perlen zu Füßen streuen, die
Sänger ihre Harfen stimmen,
um Dein Lob zu künden! —
UnzähligeHerzen eroberstDu! —
Gift und Dolch werden Dir
nichts anhaben können — Dein
Ruhm wird höher denn die
Berge steigen, weit über alle
Meere dringen!" —

voll heißen Dankes war die
Mutter auf die Knie gesunken.

Da öffnete sich die Thüre
und die Fee des unsterblichen
Ruhmes erschien.

„Die Gaben, die meine
Schwestern Dir dargebracht,"
sprach sie, „kann ich Dir nicht
mehr nehmen, doch um Euer
vergessen zu strafen, hört diesen
meinen Wunsch:

„Die güldenen Kronen wer-
den von Larton sein; er wird
lachen, weinen, lieben — nicht
aus eigenem willen, sondern
auf eines Andern Geheiß. Die,
welche ihm zugejauchzt, werden
ihm das Zeichen der Anerkenn-
ung, das den Großen ihres
Landes verliehen wird, grausam
verweigern. Das Volk, dessen
Abgott er gewesen, wird ihn
herabreißen von der Höhe seines
Ruhmes und ihn, in dessen Seele
die jubelnden Zurufe von gestern
noch nachzittern, zu dem Tri-
umphwagen seines neuen Hel-
den schleppen! — Die Lorbeeren
auf seinem Haupte werden sich
in Immortellen wandeln, ein-
sam und vergessen wird er
sterben und nichts, gar nichts
von ihm wird bleiben!" —
„was soll denn aus ihm
werden?" — rief der entsetzte
Vater. —

„Ein Schauspieler wird er
sein."

Da erhob sich langsam die
Fee des Todes.

„Ich werde Dich rächen, mein
Kind," — sprach sie. „Rach
Deinem Tode soll Dein Anden-
ken denjenigen zerschmettern,
der seinen Ruhm an Deinem
Glanze entfachte!" —

sAutorifir»« Uedersthung von Rini K.j

Marie Stttler-WoWe (Mfmctien).
Sarah Bernhardt: Märchen
Marie Stüler-Walde: Zeichnung ohne Titel
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