Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 4.1899, Band 2 (Nr. 27-52)

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1899

JUGEND

Nr. 37



Der Götze

frühmorgens beim Anziehen waren sie sich
in die Haare gerathen, und der erste Schiffs-
junge hatte dein zweiten den Stiefelknecht an
den Schädel geworfen. Dort war er abgeprallt
und reiselustig über Bord von dannen geflogen.

Jetzt schwamm er behäbig aus der licht-
grünen Fluth, lag aus dem breiten, hölzernen
Rücken, sonnte sich und streckte die kurzen Beine
patzig in die Luft. Das war freilich schöner,
als den Leuten die Stiefel auszieh'n! Die
Wellen sangen und wiegten ihn angenehm,
und er fand es vergnüglich, daß ihm das Meer
die Reise so lieblich machte.

Schuppiges Gethier kam geschwommen und
beschnupperte ihn gefräßig. Aber er hielt es
für den bei wilden Völkern beliebten Rasen-
gruß und lächelte gnädig, während man ihn
ungenießbar fand und nicht weiter beachtete.

Auch eine Möve flog über ihn weg und
ließ was fallen. „Gut gemeint!" dachte der
Stiefelknecht, „aber ich mache mir nichts aus
Manna!"

Als es dunkel geworden war, blitzte es auf
in den wassern, Funken tanzten blau über die
wogenkämme, und wie von Irrlichtern sprühte
die Brandung.

„wie schön ich leuchte!" dachte der Stiefel-
knecht und seufzte, daß kein weibliches Wesen
vorhanden war, ihn zu bewundern. Doch da
fühlte er auch schon, und es war kein übles
Gefühl, wie etwas weiches ihn zärtlich be-
rührte.

„wo kommst denn Du her?" fragte er nicht
eben unfreundlich die Oualle, denn eine solche
hatte sich an ihn gemacht.

„Aus der Tiefe des Meeres!" lispelte sie.
„Da ist es viel herrlicher als hier oben. Da
glühen Rorallen, da funkelt Gold, Märchen-
blumen durchduften die Dämmerungen und
süße schauerliche Geheimnisse. Perlen sind hin-
gestreut und alles leuchtet und flimmert!"

„Das möcht' ich auch einmal sehn!" seufzte
der Stiefelknecht.

„So tauche doch nieder!" sagte die Oualle.
„Es g.eht nicht!" ächzte er nach einer vergeb-
lichen Anstrengung, „ich bin nun einmal zu
Höherem geboren!"

Als er bei Sonnenaufgang erwachte, sah
er vor sich gebreitet ein grünüberwuchert wil-
des Gestade; Palinen, die im Morgenwinde
sich höflich neigteil, bunte Vögel, die ihn schnat-
ternd begrüßten, Affen im Gezweige schaukelnd,
die ihm Kußhändchen zuwarfen.

„Unter die Palmen!" gebot er beit Wellen,
und sie trugen ihn hin, g'ehorsam, und zogen
sich ehrerbietig zurück.

Da lag er nun, und die Affen rutschten an
beit Ranken herunter und bewunderten ihn.
Uild so fehlte ihm nichts am Glücke.

Aber plötzlich raschelte es, schaurig raschelte
es im Gebüsch, und schon brach es heraus,
heuleird, braunes, barfüßiges Volk mit breiten
Rasen und spitzen Zähneu.

Da war es verzeihlich, daß ihm die Gänse-
haut über den Rücken lief.

Aber er hatte sich unterschätzt.

Das Gesindel hatte ihn kaum erblickt, als
es stand wie vom Donner gerührt und stau-
nend die Mäuler sperrte.

„Er ist vom Himmel gefallen!" murmelte
der Häuptling.

Und so kam ihm plötzlich der Muth wieder.
„Rur näher liebe Rinder!" sagte er gemüthlich.

Da trugen sie ihn auf einer Bastmatte
jauchzend in's Dorf. Die Mädchen brachten
ihm Lotos und Orchideen, die Männer Mu-
scheln und Zähne, der Hofmaler vergoldete ihm
die Beine und machte ihm eine schöne Fratze
auf den Bauch, mit Glotzaugen von Perlen
und einem rothen grinsenden Rorallenmaule.

Und so war aus dem Stiefelknechte ein
Götze geworden. Der Häuptling verlieh Ihm
den Hausorden und selbst der Oberpriester
nannte Ihn Ew. Hochwohlgeboren.

Da eiues C.ages- kribbelte alles aufgeregt
durcheinander. Weiße Leute waren gelandet
und mit allerhand waaren ins Dorf gekommen.

„Da ist ja der Stiefelknecht!" rief plötzlich
einer mit schallender Stimme. Es war der
Schiffsjunge, und er kugelte sich vor Lachen.

„Es wird Feuer vom Himmel fallen!"
mahnte der Häuptling.

„Komm einmal her, alter Freund!" sagte
der Bengel, setzte Ihn auf den Boden und
stellte Ihm den Fuß auf den Rücken.

„Es wird Feuer vom Himmel fallen!"
jammerte der Häuptling.

Der Götze knirschte vor wuth, aber es kam
über Ihn wie ein innerer Drang, und — Er
konnte nicht anders —, Er zog dem Jungen
wieder die Stiefel aus. Reinhard Volker

M> e \ rt q h Angelo Jank (München)

?°n 6en Ruinen das Laub in alle winde weh'n — > M holde Frau i.n knaxven rlleide, wie zeigt sich da Dein schlanker wuchs,
^eizr girr s oen Kelter aufzuzaumen und frohem Waidwerk nachzugeh'n l \ Jagst Du im Flug auf welker Haide den Sechzehnender und den Fuchs!--

(Srrachwitz)
Angelo Jank: Zeichnung zum Gedicht "Hetzjagd"
Reinhard Volker: Der Götze
Moritz Graf v. Strachwitz: Hetzjagd
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