Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 5.1900, Band 1 (Nr. 1-26)

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Nr. 11

JUGEND

1900

Die Promenade

von Arthur Holitscher.

Sn unserer Stadt zieht sich längs des Flusses
. eine kleine, kaum fünfhundert Schritte
lange Promenade hin. Sie ist sehr eng und
unscheinbar in der Anlage, die Bäume, die sie
einfassen, sind ohne Liebe hingepflanzt worden
und rasch verdorrt, auch sonst ist die Prome-
nade recht trist und verwahrlost, niemand
kümmert sich um sie. Tagsüber mögen ja dort
Menschen vorüberkommeu, viele wahrscheinlich,
nach der Dämmerung aber ist sie so gut wie
verlassen. Zwei Gaslaternen brennen an ihren
beiden Enden, für wen, mein Gott? für drei
Menschen — für zwei, für einen einzigen —
für niemand. Gewiß, für niemand; denn oft
genug lief ich dort stundenlang auf und ab,
ohne einer Seele zu begegnen, und wäre ich
nicht dort auf und abgelausen, nun, so wäre
eben überhaupt niemand auf der Promenade
gewesen.

Aber ich liebe die kleine Promenade, so
herzlich und aufrichtig, wie man einen kleinen
verwahrlosten Mrt in einer geräuschvoll leben-
digen Stadt nur lieben kann! Dort führte ich
uianch ein Mal meine Träumereien spazieren
u!ld manches Tiefheimliche hat sich schon her-
vorgewagt und Leben gewonnen in der leben-
digen Stille. Denn sie lebt, die kleine proinenade,
sie lebt, ich lasse mir's nicht ausreden, sie führt
wohl ein enges, kümmerliches und verfchüch-
tertes Dasein, ja, aber sie lebt. Ich habe mit
ihr nicht gesprochen, wahrhaftig, das nicht,
aber sie hat mir hie und da Zeichen ihrer
Existenz gegeben und zwar recht deutliche mit-
unter. Sie liebt es ebensowenig, wie manche
stille, ungerecht leidende Menschenseele, gar zu
auffällig bemitleidet zu werden und eines
Tages, da ich mich hinstellte und vor lauter
Mitgefühl um ihrer Verlassenheit willen in
Thränen ausbrechen wollte, fing ein L)uud
irgendwo vor mir, zwischen den Bäumen, so
gottesjämmerlich zu heulen an, daß ich mich

beschämt und beleidigt davonmachte und zwei
Tage lang dort zur gewohnten Zeit nicht
sehen ließ. Doch das und ähnliches, was ich
nicht alles herzählen will und kann, trage ich
ihr nicht nach, sondern freue mich im Gegen-
theil, wenn ich sehe, daß sie sich neue und
womöglich treue Freunde erwirbt, denn um
die Passanten und Liebespaare, die ganz andere
Sachen im Sinne haben, ist's uns beiden nicht
zu thun, weiß Gott nicht!

Jüngst — habe ich ihr zwei Freunde er-
worben, ich bin sogar stolz darauf, es gethan
zu haben, und so will ich erzählen, wie es zu-
gegangen ist, damit man's nur weiß und sich
der kleinen verwahrlosten Promenade vielleicht
ein wenig in Liebe anninnnt. Nun, ich war
um die Dämmerungszeit wieder dorthin ge-
kommen und lief auf dem schlechten Kies einein
Heim, ich weiß nicht mehr, einem Wort, mag
sein einen: Ton, irgend einem winzigen Stück-
chen Schönheit nach, das sich hartnäckig vor
mir verbarg und gar nicht an die Oberfläche
wollte, da kam vom Ende der Promenade eine
seltsame, breite, verschwommene Forn: näher.
Und als die Forn: und ich einander nahe
genug waren, da sah ich, daß es zwei junge
Frauenzimmer waren, eng aneinandergeschmiegt
und in flüsterndem Gespräch; die eine gewiß
noch ganz jung, die andere etwa in meinen
Jahren. Der Hei in war natürlich auf und
davon. Nun konnte ich ihn: nachjagen! Dafür
aber hörte ich die Aeltere, als sie knapp an
mir vorbeigingen, die jüngere leise fragen:

„Und er, was sagte er?"

Dann waren sie vorbei.

Sie hatte so leise gesprochen! Und die
andere hatte so leise gelächelt! Es war ein
kleinwenig wind am Flusse, die dünnen Bäume
fröstelten davon. Ich ging bis zur Laterne und

kehrte um. Fast an der selben Stelle kamen
mir die beider: wieder entgegen. Und ich hörte,
wie sie leise mit einander tuschelten und die
Aeltere frug die Jüngere:

„Und er, was sagte er?"

Als sie hinter mir waren, blinzelte ich der
Promenade zu: he, und was sagen wir denn
dazu? Da der wind etwas stärker wehte,
schüttelte die Proinenade sich, wie eine alte
Jungfer, in deren Gegenwart von Liebe ge-
sprochen wird, fouft aber sagte sie nichts. Als
sie mir zum drittenmal begegneten, sprach
wieder die Aeltere, diesn:al aber:

„Und die anderen, was werden die anderen
sagen?" Die junge gleich darauf laut und :nii
lachendem Mund: „Mh, die anderen!!" Au
diesen: Abend kamen sie mir nicht mehr ent*
gegen, obzwar ich noch drei-, viermal auf und
ablief.

Auch meinem Heim bin ich nicht begegnet,
meinem bische:: Schönheit. Aber ich verzichte
großmüthig darauf zu Gunsten der kleinen
Proinenade. Denn wie dies auch ausgeheu
mag, heiter oder traurig, nach langen Jahren
wird noch eine junge Frau sich an eine ältere
schmiegen und leise zu ihr sprechen: „weiß.
Du noch? Der Abend im gerbst? wir gingen
durch die alte Promenade, es war ganz finster
und nur ein Mensch da außer uns beiden,
weißt Du noch, es war ein bischen windig
auf der alten Promenade . .

(Einfäffc

(Wenn eine (Unwahrheit einen Tag
akt ist, heißt ste eine Züge, wenn ste em
Jahr akt ist, eine (Unrichtigkeit, wenn ste
ein Jahrhundert akt ist, eine Zegende.

KparfamKeit ist eine Tugend, doch
wie die meisten anderen Tugenden ent-
feßkrch unöequem. v. w.

Erich Kleinhempel (Dresden)

18.I
Erich Kleinhempel: Zierleiste
v. W.: Einfälle
Arthur Holitscher: Die Promenade
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