Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 5.1900, Band 1 (Nr. 1-26)

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1900

• JUGEND

Nr. 14

Dann schrie er, so laut er konnte, langge-
zogen: „Für 'nen Soldo Zwei!! Zwei!"

Während dem lud Girone der Feuerwerker
unter den Thoren des Hospitals die Mörser,
bummelten die Musikanten, ihre blitzenden
Instrumente unter den Armen, hierhin und
dorthin über den Platz. Die Weiber mit den
gebrannten Mandeln und Zuckerwaaren schrien
gellend in die Vorübergehenden hinein.

„Ich Hab' zu wenig gekriegt-

ich geh nicht mehr mit." „willst du gleich
laufen, du hinkender Teufel," schrie Kather-
ine ihm geärgert zu, „sonst laß ich dich hier
ganz allein zurück. Soll mir das bischen
Gefrorene denn zu Gift und Galle werden?"

Sie und Ninetta packten den sich sträuben-
den an den Armen.

Auf der breiten staubigen Straße lag die
Sonne, der schwere stahlfarbene Gluthimmel
breitete sich über das weite flache Land hin,
das zu dieser Stunde schon wie erschöpft aus-
sah. Das Meer und die fernen Bergzüge
waren kaum mehr zu sehen, sie hatten sich
mit der Farbe des Pimmels gemischt. Das
Korn schlief tief gebückt in dem flimmernden
hüpfenden Sonnenschein.

„wir wollen Kaufladen spielen," schlug
Ninetta vor. Sie strich sich die rothblonden
paare aus der weißen schwitzenden Stirn und
fächelte sich mit dem Schürzchen Kühlung zu.
„wir setzen uns da drüben beim Fontänchen
in den Schatten. Du verkaufst — hundert
Sachen in diesem Laden, und Gennarino und
ich, wir kommen und kaufen lange Maccheroni

und Sternnudeln, und Käse und —-"

„Soll ich auch Mehl verkaufen?"

„Jawohl, auch Mehl."

Und plaudernd machten sie sich hinüber.
Nun füllten sie die Schürze Gennarinos
mit grünen Aehren, die sie die niedrige pecke
durchkriechend auf dem Felde gerupft hatten,
mit rothen Mohnblumen und blauen Tyanen.
Auf dem feuchten Stein vor dem Fontänchen,
hinter der kleinen Brücke, ordneten sie Alles
und gaben jedem Dinge seinen Namen. „Das
Aehrenkorn sind die Sternnudeln, der weiße
Staub das Mehl, die Mohnblätter das rothe
Fleisch."

„Und die Maccheroni?"

„warte ein bischen," sagte Katherine, „jetzt
laufe ich rasch nach Neapel, Maccheroni kaufen.
Liebe Gevatterin, paßt mir solange auf meinen
Laden auf. Ich gehe fort, komme aber bald
wieder. Adje!"

Fünfzig Schritte etwa machte sie, kletterte
nach dem rechts von der Straße liegenden
Gemüsegarten hinauf, wo langes breites
Gras unter der: schwarzen pollunderbitzchen
undMehlfäßchensträuchernwuchs Sieraufte
volle pände davon, hastig, rechts und links
mit gerecktem palse umschauend, ob etwa
die Gärtner kommen, dann riß sie an den
Neben, die durch die pecke rankten.

Da plötzlich fuhr der rauhe Kopf eines
bellenden pundes aus dem Grün auf sie
los. Ein Schrei, das erschrockene Mäd-
chen suchte zu fliehen, stürzte aber mit
einem lauten Anruf der Madonna in den
Graben unter der pecke und blieb liegen,
das Kleidchen voll Schmutz, die Schürze
voll Gras ulld pecklaub, mit bleicher Stirn,
all der aus eineur breiten Niß das rothe
Blut sickerte-*-

Rothe Ostern

HMie beiden Mädchen kamen aus
derKarmelitenkirche ulld schlepp-
ten den flennenden Bruder Käthe-
riilens hinter sich her, der hatte den
Fuß verbunden, hinkte bei jedem
Schritt und jammerte.

Katherine, die größere, war ein
frühreifes Ding mit rothen vollen
Lippen, großen lebhaften Augen
ulld kastallienfarbigem paar, das
in eineill Kllotell aufgesteckt war.

Die aildre, Nillette, war eill blon-
der Bausback, sie lachte immer
ulld zeigte schileeweiße Zähne.

wohlgefällig, mit der komischen
würde einer Venus Kallipygos aus
der Proviliz, beugte sie sich zurück,
ihrell Ailzug voll hilltell zu sehen,
ulld lächelte vor Vergnügeil, denil sie
hatten die neuen Dsterfestkleidchen
von perkal all: das eine weiß ulld
blau, das andre kaffeebraun mit weiß
und rotheil pünktcheil, die Schürz-
cheil wareil gestärkt, auch die mit
dicken Spitzen besetztell Taschentücher
waren steif.

Zwanzig Schritt vor der Kirche
stand der Sorbethändler, vor dem
blieben sie stehen. Die Heilten plum-
peil Tulpengläschen sch im liierten, der
wohlbedeckte Behälter barg das in
Noth ulld weiß Gefrorene. Katha-
rine kllüpfte die Soldi aus dem
Tascheiltuchzipfel, streckte den Arm
aus und sagte bedeutungsvoll:

„Zwei große-eines weiß,

eines roth!"

Der Verkäufer, die Aufmerksamkeit
Allderer auf diesen Pandel zu len-
keil, fuhr fort zu schreien, die linke
geöffnete pand gegen die blatter-
llarbige Wange gestemmt, um sie
als Schallrohr zu brauchen, bückte
sich dann, nahm das Geldstück ent-
gegen und reichte den Kiildern zwei
volle Gläschen dar und ein abge-
llutztes schwarzes Blechlöffelchen.

„Erst mir!" schrie Gennarino mi
gierigen Augen, den Arm
streckend.

„warte!" sagte Katherine, „ein
Löffelchen für jeden, erst das Weiße,
dann das Nothe."

Niitetta klatschte in die pände
und brach in lustiges Lachen aus.
Gellnarillo vergaß seinen Fuß, hüxfte
ulld lachte, er wendete dabei
aber kein Auge voll der paild
der Schwester.

„Zerbrecht mir meille Gläser
nicht," warnte der Verkäufer,
blinzelte aber gleichzeitig etwas
lltalitiös nach der jungen Frau
Peppinos, des Bäckers, hinüber,
der hübschen Brünette, die mit
der Schwägerin vorüberkam, steif
und kerzengerade in dem weit-
bauschigen Kleide aus himmel-
blauem Seidenstoff, mit weißem
Krep besetzt, die dicke palskette
uln den Nacken, die perlenge-
hällge in dell Ghren.

H. Meyer-Cassel (Starnberg)

Woldemar Kaden
Woldemar Kaden: Rothe Ostern
Hans Meyer-Cassel: Zierleiste
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