Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 5.1900, Band 2 (Nr. 27-52)

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1900

Nr. 47

Hscbenbrödel

„Das Klima von Aew-Pork scheint der „Frei-
heit" d. I). dem Standbilds auf der Insel am Lin-
gang in den Hafen, nicht günstig zu sein • .

(„Köln. Zig “)

6s ist um freibeit eben
f)ier in der alten Melt
Crot? unentwegtem Streben
Hiebt sonderlich bestellt.

Die freibeh krankt an Zehrung;

Sie leidet bitter Kotb

Clnd wird oft von Verheerung

and antergang bedroht.

6s war ein Crost, zu wissen,

Dass in der neuen Melt
Die freibeit, Kümmernissen
Zum Crotj, ihr feld bestellt.

Hun kommt die trübe Kunde
Huch aus Amerika:

Die freibeit gebt zu Grunde
and ist dem 6nde nah . . .

Sie kracht bis in die Spitzen
and hat bald ausgelebt,

Menn man nicht alle Kitzen
and fugen gut verhiebt. —

Die arme freibeit findet
fast nirgendwo ein Zelt.

Klan pflegt sie nicht und schindet
Sie in der ganzen Melt. tst

Latest fashion

Die Herrlichkeit des ungesunden
Bcgriissungshusses auf den ffiund
Mard von der fflode überwunden
Ond modert jetzt im Hintergrund

Die neuen Satzungen verlangen
Von frauen für die Gegenwart
Das Küssen auf die beiden Mangen
Als chic» modern und höchst apart;

Doch ist der Brauch nur Spisode
and wird von Damen bald in Acht
and Bann erklärt, weil diese Klode
Das Schminken ganz unmöglich macht.

Sfr.

Das „Ueberbrettel"

Sie: Unter „Theater-Nachrichten" steht schon
wieder eine Notiz über das „Ueberbrettel"; was
ist denn das eigentlich?

Er: Das „Ueberbrettel"? Iessas, des is g'wiß
die Sarah Bernhardt!

Auf eine Anfrage der barmherzigen Schwestern,
was mit den in Krankenhäusern amputirten Glied-
maßen zu geschehen habe/ antwortete die „heilige
römische In g ui siti on": „In der Sitzung re.
befehlen die erlauchten und hochwnrdigsten
Herren Kardinale, Folgendes auf die vorgetragene
Anfrage zu antworten: „Gehörten die amputirten
Glieder Nicht-Katholiken an, so können die
Schwestern die bisher befolgte Praxis (diese
Glieder zu verbrennen oder in »»geweihter
Erde zu vergraben) ruhig weiter befolgen. Die
amvntirten Glieder der getauften katholischen
Gläubigen sollen aber nach Möglichkeit in ge-
weihter Erde bestattet werden."

Den Mitgliedern derheiligenInguisit > on
muß ja das Wasser im Munde znsammengelaufen
lein bei dem Gedanken, daß jetzt wieder Ketzerfleisch
gebraten wird, wenn auch nur „klei niveife-"

. JUGEND .

Der neue Mttarch

Vov SO Jahren saßen einige Studenten auf
dem Franziskanerkeller. Ihr Durst war
größer, als ihr Geldbeutel.

„Du, Riedel," rief Einer, „i wett, Du
hast noch a paar Spieß — geh zua, zahl noch
a Maßll"

„Ma moanet schs," brummte der sparsame
Jüngling, „i waar a Finanz minister,
weil 's alleweil grad zu mir keinmal"*)

*) Finanzminister von Riedel feierte jüngst sein
üü jähriges Franziskauerkellerstammgast-Jnbilanm.

„Sic können sich auf Ihre Sozialpolitik
nicht gerade viel einbilden," sagte Bebel zum
Grafen posadowskp.

„lind Sie können mit Ihren sozialistischen
Theorien k e i n c n S t a a t machen," erwiderte
Graf posadowskg schlagfertig.

„Sie haben also Transvaal glücklich an-
nektirt," begrüßte den heimkehrenden General
Roberts ein Journalist, in der Absicht,
daran ein Gespräch zu knüpfen.

„Hören Sie mir auf mit solchen Annek-
doten . . I" wehrte jener ärgerlich ab.

Es waren einmal Derwische, die schick-
ten ihre Anhänger vor einen Berg, und da
mußten die rufen:

„Berg Sesam, Berg Sesam, thu Dich

auf!"

„Ich heiße nicht Sesam, sondern Bundes-
rath l" murrte der Berg und blieb verschlossen.

„Schrecklich," sagte ein englischer Pa-
triot, „bei dem Einzug der zurückgekehrten
Lityfreiwilligen in London sind eine Unzahl
von Frauen und Rindern zum Opfer gefallen."

„wird nach ihrem Einzug in Südafrika
auch nicht anders gewesen seinl" brummte ein
Nörgle r.

„Sie sind doch früher sehr lebenslustig ge-
wesen," sagte ein Rritiker zuiit Grafen Tolstoj
„wie kommt es, daß Sie jetzt so gegen allen
Lebensgenuß eifern?"

„Das machen die Jahre und die Erfahr-
ungen," gab der Graf zur Antwort. „Man
wird eben reifer."

„Ja. und dann fallt man ab," erwiderte
der Rritiker.

Es war einmal Streit zwischen Chinesen
und Europäern.

„Sa-krai" sagte ein Lhinese zu einem an-
dern. „Die Ham a g'fährlichs Ding derbei -
den »Rnüppel im Sack*! Nur guet, daß
f ihn net außilajsenI"

„wie siecht denn der aus?"

„No, so ungefähr wie a Marschallstab!"

(Zeichnungen von Arpad Schmidhammerj

Wie die „Daily Expr." melden, macht man
sich in London noch ans eine weitere sechsmonat-
liche Dauer des Krieges gefaßt. Obwohl die Trans-
portschiffe schon bereit liegen, um die Truppen
heim zu befördern, hat das englische Kriegs-
ministerium sich doch entschlossen, vorläufig keine
lveitere Schwächung der in Afrika befindlichen
Streitkräfte eintreten zu lassen. — Als ob das die
Buren nicht schon in eigener Regie besorgten!

Ein rvth angeftrichener Tag

Der Fremde: Nun, wie lange erfreust Du Dich
schon der Segnungen der Tivilisation?

Philipp ino: Seitdem meine Hütte niederge-
brannt und meine Frau und Kinder gemordet
wurden. (Life)

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[nicht signierter Beitrag]: Auf eine Anfrage der barmherzigen Schwestern...
[nicht signierter Beitrag]: Aus "Life": Ein roth angestrichener tag
Plutarch [Pseud.]: Der neue Plutarch
Arpad Schmidhammer: Illustrationen zum Text "Der neue Plutarch"
Ist.: Latest fashion
Ist.: Aschenbrödel
[nicht signierter Beitrag]: Wie die "Daily Expr." melden...
[nicht signierter Beitrag]: Das "Überbrettl"
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