Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 7.1902, Band 1 (Nr. 1-26)

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Nr. 13

J UGEND

1902

jjlnnrrirhr, rotljr EDirnr,
üjörot Du nicht ürs jEirbstrn Gnitz?
üjnt jmri chörnchrn auf Drr Stirne
ölnb im Schuh örn JMerörfufj.

Jul. Diez

hat Dich heut zur Dräut erlesen,
Dringt Dir Ding und Jungfernkran;,
jflnnerieke, nimm den Lesen I
Leite mit jutti üjr-mitanj! e. st.

Der Duschgraben

Don flnton 'Frcibcrrn von Pcrfall

/ß’inc klaffende Wunde von oben bis unten, wie
Üg2 von einem sinnlos geführten Titanenstreich,
ein frevelhafter pohn auf alle Gesetze der For-
mationslehre, ein Aerger für alle Steigmachcr,
wcgprojektler und polzwürmer, eine Freude für
alle Phantasten und Gemsböcke, — das ist der
„Duschgrab'n."

poch oben spaltet er die katschen, weithin
leuchten die gelben wnndränder inmitten des tie-
fen Grün, — schartig, weit ausgebogen, als ob
das Riesenschwert recht wohlig sich darin gerekelt
hätte. — Da ist er langweilig: graßgelb im
Sonnenschein, ein wüstes Schneeloch im Winter,
ohne Leben und Regung. Rasch unterhalb aber
zieht er sich zusammen; die Felsränder nähern
sich, auf dem zerklüfteten Grund spielt das Wasser.
Bald fchieß^cs in stahlglattem Kamine herab, bald
quirlt es in runden, selbst gebohrten Trichtern,
bald strömt cs in zarten Schleiern über grün-
trunkenes Moos.

Plötzlich verschwindet er.

Die Latschen der Ränder berühren sich fast,
bilden ein grünes Dach. Er benützt die Heimlich-
keit, sich tiefer zu bohren. Jetzt wachsen die wände.
Zn ewigem Schatten zischen und schäumen und
brausen die Wasser, schleichen um riesige Blöcke,
bilden lustige Laseaden und donnernde Fälle, um-
tosen zornig gestürzte Fichten, uralte, modernde
Stämme, — dann auf einmal ist es ein Ende
mit dem Drängen und Stürmen; —- die wände
treten zurück, gehen in zahme Grashalden über,
die Wasser gewinnen Raum und Ruhe und tän-
deln friedsam dem Pochwald zu. Eine schnee-
weiße Steinrinne spaltete ihn, aus der es endlos
herausquillt auf die Almfläche, vom mächtigen
Felsblock abgesprengt hoch oben im Gewänd vom
winterfrost, herabgepoltert vom Gewitterstrom,
bis zum feinsten, von beharrlichen Mächten ge-
riebenen Sand.

Erstarrt war der Berg, unbefriedigt die dunkle
Sehnsucht der Materie nach Wandlung und Leben;
ein zielloses Rücken und Drücken und Spannen.

Da fiel der erlösende Streich, und ans der
klaffenden Wunde wurde der Spalt des Lebens.

„Das hat duscht!" sagt der Bergler, wenn ein
pieb richtig sitzt; Ohrfeige oder Axthieb, ganz gleich.

Und das ist der „Duschgrab'n." —

Man sagt von der größten Stadt: da kenne ich
jeden Winkel, Ein Anderer kennt gleich ein ganzes

Land wie seine Tasche. Pom Duschgrab'n wird
das Keiner behaupten, — ich selber nicht, sein
allerbester Freund.

Ja, oft habe ich's geglaubt. Mein Gott, wenn
man seit 20 Jahren — ans und nieder, und nie-
der und auf, im Sommer, wenn kein Tröpferl ge-
ronnen ist, und wenn die Steiner g'schnallt haben
wie die Böller im wasscrprall, im Winter, wenn
die Eiskapellen blitzen und die heimlichen Schnee-
grotten, — aber immer war cs Einbildung. Im-
mer wieder fand ich Neuland. Auf der Karte
hätte cs nicht Staat gemacht, aber darauf kommt's
ja nicht an.

Man kann unter der Stiefelsohle ein Märchen-
land entdecken, wenn mau sich darauf versteht,
und ein bischen größer wie eine Stiefclsohle war
es fast immer, was ich Neues fand.

Das letzte, — jetzt fährt sich's bald, — war
das schönste, ein heimliches Idyll, vielleicht noch
nie geschaut. — Ich habe es zerstört — verrathen!

Das Gewissen quält mich — diese düstere Zier
des Menschen, — ich muß es erzählen.

Es war im August — Blattzeit, Liebesfest der
Rehe, für Nichteingeweihte. Line Knall-, Brut-
und pundehitze. Trotzdem sprang nichts den gan-
zen Pormittag.

Da wußt' ich noch so einen alten Latschenbock
hoch oben, — vielleicht war heut' der Tag der
Einsiedler und weltflüchtigen. — Ans dem Dusch-
graben wehte cs so verführerisch kühl mir ent-
gegen, der Steig auf seiner rechten Seite durch

das Gewänd führte gerad in die Gegend.-

Also! Auf!

Es war eine Lust in der feuchten Kühle.
Ich pflegte Zwiesprach mit den alten, lieben Be-
kannten; mit den Moosplatten, über deren saftiges
grünes Feld von unendlicher Nüauce der Farbe
das Wasser als feiner, durchsicbtiger Silbcrfchlcicr
sich ergießt; mit der blauen Gumpeu und dem
gespenstigen Stein auf ihrem klaren Grund, der
heraufblickt wie ein Todtenantlitz, mit der Grotte
des pan, wie ich die pöhlung einer wand ge-
tauft, die jetzt frei lag, nach einem Gewitterregen
aber den reinsten pcxenkessel tobender Wasser
bildete. —

Und ich vergaß darüber Latschenbock und Steig,
der mich rechts abführen sollte. — Teufel! Zu-
rück! — Paßt mir nicht.. Steigst'nauf bis zu:n
„Fall", dann kommst auch 'naus.

Ich trat sozusagen in meine alten Fußstapfen,
stieg in dieselben Scharten, schwang mich an
denselben Kanten in die pöhe — und doch kam
es mir mit einmal so fremd vor.

Den Kamin rechts, von Almransch ganz ver-
wachsen, Hab'ich mein Lebtag nicht gesehen, und
das Wassergerinnsel zwischen dem blinkenden Ge-
bläkter! Unter meinen Füßen sammelte es sich
und floß in einer Rinne dem Pauptgraben 3«!

Die Entdeckerlust erwachte. .

was war da Oben? wenn man das Naß-
werden nicht scheute, schien es keine Kunst.

Schien es, — ja wohl! Mir schlug das
grüne Zeug um die Ohren, und das Gerinnsel
blendete mich -— und kein Ende ging her. — Das
bog links, das bog rechts. — Das kleine Stück!
blauer Pimmel über mir floh förmlich zurück.

Jetzt erst extra.

Endlich wird es frei über mir. Ich schliefe
noch auf pänden und Füßen, unter einem über-
häugenden Felsblock durch — komme aber nicht
mehr ganz heraus vor Staunen.

Steil, etwa 2 Meter unter mir, liegt ein
smaragdgrüner runder See im sanftgehöhlten,
kreisumgürteten Becken. Am gegenüber liegenden
Ufer nähert sich eine steile graue wand, zwischen
wand und Wasser liegt die bräune pütte, vor
ihr von Fels zu Fels, spannt sich ein feines Netz,
triefend vom glitzerndem Thau. Ein dunkler
Kahn liegt auf dem Kies, von sanften wasser-
ringen benetzt.

Das Alles sah ich und freute mich nicht wie
ein Mensch, der so schönen Ausblick entdeckt, son-
dern — wie ein richtiger Riese. Denn der See
war nicht größer und nicht tiefer wie ein recht-
schaffener Waschzuber, die braune pütte nicht
höher und nicht breiter als eben eine krause
Wurzel, die ich mit dem Fuße von mir stoße,
der Kahn war ein Stück schwarze Latschenrinde.
Das Netz hatte die Spinne in ungestörter Ruhe
von Stein zn Stein gezogen.

Ich rührte mich nicht, mich entzückte die köst-
liche kleine Welt, ich hätte sie um kein paar
größer gewünscht. —

Plötzlich — der Schreck! — In der griinklaren
Fluth lauert ein Ungeheuer! Größer als der
Kahn, länger als die pütte. Blauschwarz mit
Feuertupsen.

Regungslos starrt es gegen die wand. —
Da pfeift ein Gams ober mir. — Das Ungeheuer
schießt wie ein Pfeil in die Tiefe. — Noch ein-
mal pfeift es. — Ich sehe noch einen schwarzen
Schatten über den See huschen.

Steine rasseln herab, einer plumpst mitten in
den See und wühlt seine Tiefe auf. — Grüne
Wasserringe ziehen gegen das Ufer bis zur pütte.
Der schwarze Kahn schwankt und schlägt den Sand

ror
E. St. [1]: Ein Besuch
Julius Diez: Titelornament zum Gedicht "Ein Besuch"
Anton Frh. v. Perfall: Der Duschgraben
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