Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 10.1905, Band 1 (Nr. 1-26)

Page: 368
DOI issue: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/jugend1905_1/0395
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile

1905

JUGEND

Nr. 20

Hotel zum schwarzen Bären einnehme. DaS kam
mir. wie Du Dir denken kannst, zunächst etwas
spanisch vor, zumal jeder meiner drei Tischgeuossen
seine kleine Eigenheit hatte.

Der Amtsrichter schnupfte, und das schwärzliche
Reizmittel bildete in seinem Schnurrbart die aus
alter Zeit bekannte nasse 11, auch nieste er, zwar
selten, aber gründlich, was der in der Mitte der
Tafel prangenden Compotschüssel nicht immer zum
Vortheil gereichte.

Der Obersteuerkontrolleur aß mit dem Messer,
wobei er eine fast märchenhafte Geschicklichkeit ent-
wickelte, und der Apotheker, sonst ein sehr patenter
Herr, trug „Röllchen," die er meist vor der Suppe
umdrehte, um seine Dinertoilette zu markieren. Das
sind alles schließlich keine Verbrechen, aber Du kennst
niich ja, solche Sachen sind mir einfach unerträglich.

Es war nicht leicht, den im übrigen ganz prächtigen,
liebenswürdigen Herren ihre kleinen Fehler abzu-
gewöhnen, aber endlich gelang es doch. Eines
schönen Abends, als ich allein mit dem Amtsrichter
bei dem alten Herrn C. G. einen besonders guten
Tropfen trank, brachte ich das Gespräch vorsichtig
auf unsere Tischgenossen und sagte so nebenbei:
„Sehen Sie mal, unser lieber Obersteuerkontrolleur
ist ja zweifellos ein ganz vortrefflicher Mensch, aber
das Essen mit den» Messer müßte er sich wirklich
abgewöhnen. Es macht mich ganz nervös, ihm zu-
zusehen, wie leicht könnte er sich einmal ernstlich ver-
letzen, und das wäre für ihn und uns gleich be-
dauerlich. Könnten Sie, als sein alter Freund, nicht
in dieser Beziehung auf ihn einwirken? Ich bin
überzeugt, Sie werden das in einer so geschickten,
diplomatischen Art thun, daß er ohne Widerstreben
das gefährliche Instrument mit der friedlichen Gabel
vertauschen wird."

In ähnlicher Weise hetzte ich den Obersteuerkoir-
trolleur auf den Apotheker und diesen wieder auf
den Amtsrichter. Mit dem war es am s hwersten.

Er wollte durchaus nicht von seiner geliebten Prise
lassen, berief sich auf Friedrich den Großen und
Leo XIII., kurz, er wehrte sich, was er konnte. End-
lich gab er aber doch nach, — ich hatte auf der
ganzen Linie gesiegt. Nur die Kegelabende machten
mir anfangs noch viel zu schaffeu, sie verführten zu
leicht zu Rückfällen. Na, ich brachte aber glücklich
meine drei Freunde so weit, daß sie sich Vornahmen,
durch ihr gutes Beispiel erziehlich auf die anderen
Kegelbrüder zu wirken. Nach der Seite bin ich also
gesichert. Wenn keine bösen
Einflüsse von außen sich
geltend machen, — Donner-
wetter, schon halb zwei, nun
aber Schluß! ich muß um
sechs Uhr zum Felddienst
ausrücken, und Du wirst
Dich auch endlich ein bischen
ausstrecken wollen."

Am nächsten Morgen konn-
te ich mit Freuden feststellen,
daß Ungarwein,auch in größ-
eren Mengen genossen, keine
nachtheiligen Folgen hinter-
läßt, wenn er nur gut ist,
und bei meinem Bummel
durch die engen Straßen
Sorgaus machte mir das
kleine Städtchen einen so
idyllischen Eindruck, daß ich
säst bedauerte, es am näch-
sten Tage schon wieder ver-
lassen zu müssen.

Auf dem Rückwege stattete
ich einem höchst einfachen
Wäschegeschäft und einen,

Cigarrenladen einen kurzen
Besuch ab, und kam knapp
eine Viertelstunde vor mei-
nem Freunde nach Hause zu-
rück. Frühstück und Spazier-
fahrt verliefen programm-
mäßig, und wir hatten ge-
rade noch Zeit unsere Toi-
lette etwas in Ordnung zu

fc,™“. "" u»s -um Das Kunstgewerbe

Mittagessen begaben. Dem Diplomaten schien irgend
etwas an mir nicht zu gefallen, er beruhigte sich aber,
als er meiner allermodernsten Kravatte und der dis-
kret in sie versenkten einsamen Perle ansichtig wurde.

Der „Schwarze Bär" war in der That schwarz,
der Eingang glich mehr einer Höhle, und aus dem
Hofe kam uns ein Dust entgegen, der bestenfalls
das Herz eines fanatischen Landwirths erfreut haben
würde. Ein Piccolo mit verschlafenem, grünem
Gesicht und einem kurzen Rock von unbestimmbarer
Farbe öffnete uns die Thür zu dem Honoratioren-
zimmer. Mir zu Ehren war ein neues, blauweißes,
halbfeuchtes Tischtuch aufgelegt worden, die obligate
Compotschüssel zeigte Verzierungen von Zimmt und
Corinthen. Zwei Oeldrucke, Kaiser und Kaiserin, so-
wie eine Lithographie: das Mädchen von Saragossa,
bewiesen, daß der Wirth Patriotismus und Kunst-
verständniß in sich vereinigte. Die drei Herren
waren schon anwesend und begrüßten mich höflich,
aber mit einer gewissen Zurückhaltung. Sie fürch-
teten das kritische Auge des Großstädters. Der
Apotheker zog mit ruckweisen Bewegungen seine festen
Manschetten vor, an denen ich große, runde Elfen-
beinknöpfe mit einer rätselhaften Krone bemerkte.
Der Obersteuer kontrolleur studierte eifrig das Menü,
und der Amtsrichter als der Aelteste, frug mich,
wie mir Sorgau gefalle. Mein ungeheucheltes Lob er-
wärmte die Stimmung um einige Grade, und bald ent-
wickelte sich eine lebhafte Diskussion über das Getränk.

Endlich siegle der Apotheker mit seinem Vorschlag:
Burgunder mit Sekt. „Es schmeckt gut, und es
wirkt," meinte er erläuternd. Der Mann hatte ent-
schieden Recht. Als der Braten kam, war auch der
letzte Rest von Befangenheit geschwunden, nur der
Amtsrichter bewies durch ein eigenthümliches Schnup-
pern mit seiner Nase, daß noch etwas zu seiner vollen
Zufriedenheit fehle. Feierlich entnahm ich den Tiefen
meines Rockes eine Horndose, klappte den Deckel
kunstgerecht aus und bot dem mir gegenübersitzenden
Hüter des Rechtes eine Prise. Tief fuhr er mit
spitzen Fingern in den geliebten Schneeberger, seine
Augen erglänzten in Seligkeit, — die des Diplo-
maten schossen Blitze. Schüchtern sahen ihn die
andern Tischgenossen an, aber er bezwang sich, rückte
nur unmerklich von mir ab und schwieg. Nun er-
hob sich der Amtsrichter und ließ nach einem kräftigen
Nieser den Gast aus der Ferne leben. Die Gläser
wurden geleert, und ein heftiges Zutrinken begann.
Als,der Käse kam, waren wir schon in jener gc-




.r

x


5

ö-

ffer


C

1

m



.6.


hobenen Stimmung, die in Deutschland dadurch zum
Ausdruck kommt, daß man seine Nachbarn für taub
hält. Ich hatte mir ein großes Stück Emmentaler
genommen, schnitt es in lange Scheiben, und schob
mir eine nach der anderen todesmuthig mit dem
Messer in den Mund. Der mir zur Linken sitzende
Obersteuerkontrolleur drückte mir still, aber warm
unter dem Tisch die Hand. Der Diplomat war
leichenblaß geworden und schien mehrere Ellen ver-
schluckt zu haben.

Endlich war das Diner zu Ende, unsere Köpfe
glühten, und wir beschlossen, zur Abkühlung in dem
benachbarten Billardzimmer eine Partie zu spielen.
Ich sollte beginnen, und Alle harrten gespannt aus
den ersten Stoß. Da schob ich meine Nockärmel
zurück, knöpfte erst das eine, dann das andere
„Röllchen" ab und stellte beide mit zufriedener Seelen-
ruhe auf den in der Nähe befindlichen Schrank. Der
Apotheker schloß mich mit Thränen der Rührung in
die Arme. Als er mich endlich losließ, war der
Diplomat verschwunden. Er hatte zum ersten Mal
in seinem Leben eine Thür mit lantem Krach hinter
sich zugeworfen.

Von dem Rest des Abends habe ich nur unklare
Erinnerungen. Wir scheinen noch in zwei Bier-
kneipen gewesen zu sein, und der Nachhauseweg kam
mir für das kleine Städtchen sonderbar lang und
hügelig vor.

Die liebe Sonne schien auf keinen übertrieben
glücklichen Menschen, als sie mich mit Sonntag
Morgen weckte, und es bedurfte einer großen Menge
kalten Wassers, äußerlich und innerlich, bevor ich
den Muth faßte, mein Frühstück in Angriff zu nehmen.

„Der Herr Rittmeister sind ausgegangen, in einer
halben Stunde wird der Wagen Vorfahren," meldete
der Bursche Katschmarek mit vorwurfsvoller Miene.
Da er sich stets bemühte, dasselbe Gesicht zu machen
wie sein Herr, wußte ich, was die Glocke geschlagen
hatte. Schweren Herzens bestieg ich den Krümper-
wagen und rasselte dem Bahnhof zu. Vor der Apo-
theke hielt der Kutscher wie auf Kommando an. Der
Apotheker stürzte, noch etwas blaß und übernächtig,
heraus, und als er mir mit zitternden Händen seinen
besten Magenschnaps einschenkte, senkte sich langsam
und feierlich das schlecht angeknöpfte Röllchen über
seine Rechte. Mit der Sicherheit langjähriger Uebung
schnepperte er es zurück, drückte mir kräftig die
Hand, und bald war ich seinen Blicken entschwunden.

In der Bahnhofsrestauration begrüßte mich der
Ober-Steuerkontrolleur. Er-
saß fuchsmunter vor einem
Schinkenbrödchen, hatte die
Gabel verächtlich beiseite ge-
schoben und handhabte das
geliebte Messer mit unnach-
ahmlicher Grazie.

Als ich in mein Coupe
gestiegen war, kam athem-
los der Amtsrichter ange-
laufen. Es blieb ihm ge-
rade noch Zeit, mir durchs
Fenster eine Prise zu reichen,
aber sein rührend dankbarer
Blick sprach Bände.

Das Abfahrtssignal er-
tönte, ein letzter Gruß, und
mit würdevollem Schnaufen
setzte sich der Bummelzug in
Bewegung. Noch einmal glitt
mein Auge suchend über den
Bahnsteig, die Taschentücher
meiner beiden neuen Freunde

flatterten im Winde,-von

dem Diplomaten war weit
und breit nichts zu sehen.

Als ich am späten Abend
in meine Garnison zurück-
kehrte, fand ich auf meinem
Schreibtisch das Militär-Wo-
chenblatt vor. Rasch überflog
ich die erste Seite' Ritt-
meister Baron Langen
war zur Garde versetzt,
ich erhielt die Schwa-
dron in Sorgau!


Bernh. Pankok (Stuttgart)
Bernhard Pankok: Das Kunstgewerbe
loading ...