Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 10.1905, Band 1 (Nr. 1-26)

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£ied an der Wiege

s war eine jNacht im jViaien,

Gar still und mondenklar und warm —
€r schwur, er wolle mich freien
Gnd hielt mich fest und weich im )\rm;
€s war eine flacht voll Süsse,
pie Xu/t von schwülen püften schwer —
pa that ich, was ich büsse,

Chat alles sein pegehr.

pie Schwestern schliefen daneben —
Jch schlich hinab ins Gartengrün
Gnd hab’ mich ihm gegeben,

Vo flieder und Xevkojen blüh’n;

€s war eine jNacht voll Vonnen
Gnd manche jNacht noch hinterdrein —
Gnd als der Mi verronnen,
pa liess er mich allein!

Jch hätt’s wohl still verschwiegen,
poch an die Sonne bracht’s die ^eit —
Gnd warten muss ich’s, wiegen
Gnd tränken muss ich’s, wenn es schreit,
pie Schwestern geh’n zum Canze
Gnd spotten mein, den l^ranz im Haar,
für mich ist’s mit dem Kranze
Gnd Canz auf immer gar!

Mrie Schnür (München)

)\ch! Heute jährt sich wieder
pie süsse, sündige Maiennacht,

Jm Garten steht der flieder
Vie dazumal in vollster pracht,

;Mir schwillt in heissem Sehnen
pie prust, und war der falsche da,
Geschah’ trotz aller Chränen,

Vas einmal schon geschah!

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Marie Schnür: Zeichnung zum Gedicht "Lied an der Wiege"
L. L. L.: Lied an der Wiege
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