Schäfer, Georg
Kunstdenkmäler im Grossherzogthum Hessen: Inventarisirung und beschreibende Darstellung der Werke der Architektur, Plastik, Malerei und des Kunstgewerbes bis zum Schluss des XVIII. Jahrhunderts: Provinz Starkenburg: Ehemaliger Kreis Wimpfen — Darmstadt, 1898

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WIMPFEN A. B.

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Ueber das Pfosten- und Maasswerk der in-der Ostung hochaufschiessenden Spitz-
bogenfenster ist bei Erörterung des Chor-Aeusseren das Nöthige bereits gesagt worden.

Sämmtliche Fenster enthielten ehedem farbensprühende Glasmalereien aus dem Fragmente von
Schluss des 13. Jahrhunderts, von denen an Ort und Stelle nur noch dürftige Spuren Gla!,BLm''lden
in einzelnen Bogenschlüssen vorhanden sind, nämlich: das Wappen Derer von Weins-
berg mit drei kleinen weissen Schilden in einem grösseren rothen Schilde, ein blauer
Schild mit drei gelben Oliphantenhörnern, vier kleine Wappenzeichen in Form des
heraldischen sogen. Stursfch auf dunkelblauem Grunde und eine Wiederholung des
Weinsberger Wappens. Die alten Glasgemälde waren in ihrer leuchtenden Pracht
ein hervorragender Schmuck des Chorhauptes bis zum Jahre 1802, wo sie — man
sollte es kaum für möglich halten — durch den Konventsprior gegen gewöhnliche
weisse Glasscheiben einfach umgetauscht wurden. Von dieser kunstgeschichllich wie
kunsttechnisch wichtigen frühgothischen Bilderfolge, bestehend in Konkordanzschilde-
rungen aus der heiligen Schrift und in Darstellungen aus dem Leben des h. Domi-
nikus, kam ein beträchtlicher Theil in die Gräfliche Kunstsammlung zu Erbach im
Odenwald und bildet jetzt den Fensterschmuck des dortigen Rittersaales.*) — Die
neuere bunte Verglasung des Chorhauptes hat kein Recht mitzusprechen, wo von
Kunst die Rede ist.

Erfreut der Innenbau des Chores durch seine ungetrübten gothischen Formen,
so überkömmt den Kunstfreund eine arge Enttäuschung, wenn er, dem Langhaus- Langhaus-
Inneren sich zuwendend, den Eindruck erhält, dass zwischen den beiden ursprünglich ""eres
in gleichem Stil geschaffenen Bautheilen kaum noch eine ästhetische Berührung
besteht. Die Gothik ist verbannt; Barocco und Rococo herrschen allenthalben und
geben dem geweihten Raum, ungeachtet seiner sakralen Ausstattung, einen gewissen
profanen Zug. — An die Stelle der alten Flachdecke ist ein leicht geschwungenes
Spiegelgewölbe getreten, das über schmalen, basamentirten Pilastern und korinthi-
sirenden Antenkapitälen auf karniesförmig ausladenden Kämpfern seine Stützpunkte
findet und in vier Kompartimente zerfällt. Letztere umschliessen seitlich die oberen
Lichtöffnungen, aus deren Schildbögen Stichkappen tief in die Spiegeldecke ein-
schneiden. Sämmtliche Kompartimente enthalten Stuccoverzierungen von theils
geraden, theils geschwungenen Linear- und Arabeskenzügen ; auch die Umrahmungen
der Fenstergewände zeigen verwandte Ornamentmotive. An den Scheiteln der
Wölbeabtheilungen sind in ähnlichem Rahmenwerk stilisirte Monogramme der Namen
Jesus und Maria angebracht, ferner das Dominikaner-Emblem des fackeltragenden
Hundes, sowie eine Abbildung des im Kirchenschatz befindlichen Reliquiars des
heiligen Kreuzes, auf welches am Triumphbogen die Inschrift sich bezieht:

IN LIGNO LINQVENS VITAM
DAT VIVERE CHRISTVS.

Eine andere Majuskel-Inschrift in Cartouchen-Umrahmung an der westlichen
Hochwand ist in Folge roher Ueberpinselung dermassen verunstaltet, dass jeder

*) Näheres über diese Glasgemälde nebst Abbildungen enthält der von mir verfasste II. Band
der Kunstdenlimäler der Provinz Starkeuburg, Kreis Erbach, S. 74 u. 75.

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