Schäfer, Georg
Kunstdenkmäler im Grossherzogthum Hessen: Inventarisirung und beschreibende Darstellung der Werke der Architektur, Plastik, Malerei und des Kunstgewerbes bis zum Schluss des XVIII. Jahrhunderts: Provinz Starkenburg: Ehemaliger Kreis Wimpfen — Darmstadt, 1898

Seite: 193
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WIMPFEN A. B.

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3 m breiten Vorsprang der westlichen Chorseite die Einfügung der dortigen Drillings-
Schlüsselscharte (s. o. Fig. 62) behufs Bestreichung der Neckarhälde stattgefunden zu
haben. Zur Bestimmung des Zeitverhältnisses dieses Theiles der städtischen Wehr-
mauer ist der Umstand beachtenswert!!, dass Schlüsselscharten, im Gegensatz zu ge-
schlitzten Scharten für Bogenschützen, erst mit dem Gebrauch der Feuerwaffen in
Aufnahme kamen. Auch sind Drillingsscharten in Schlüsselform, zumal in obiger
Anordnung, ein selteneres Vorkommniss beim alten Wehrbau. — Die Palasarkaden
der Kaiserpfalz traf ebenfalls das Loos der Vermauerung; erst im gegenwärtigen
Jahrhundert wurden ihre reichen Säulenstellungen unter Bürgermeister Riedling
wieder freigelegt. — Besondere Beachtung verdienen die technischen Unterschiede

F*g' >>3- Wimpfen a. B. Bollwerk am Schiedsee.

in den geschilderten Bestandtheilen der Stadtbefestigung. Das Palatialmauerwerk
wirkt durch Kraft und Gediegenheit einer Epoche des Glanzes; die jüngeren dürftigen
Aufsattelungen hingegen verrathen Zeiten des Niederganges und der Noth.

Aehnlich wie am Burgring in der Schwibbogengasse und an den Kaiserpfalz-
ruinen haben auch an der Fortsetzung der Stadtbefestigung zwischen Steinhaus und
Wormser Hof kleinbürgerliche Wohnbauten sich angesiedelt. Aus der ansehnlichen,
theilweise auf Substruktionen der Stadtmauer errichteten Gebäudegruppe des Mathilden-
bades erhebt sich ein ziemlich erhaltener kleiner Wehrthurm, ehedem Schnecken- Schnede,
thürmchen genannt. Im Innern führt eine Wendelstiege zum Zinnenkranz, woran thürmcI"
Spuren der vermauerten Schartenzeile erkennbar sind. Die Zeltbedachung des Thürm-
chens ist neu. — Westlich vom Mathildenbad, an der Stelle wo der Wehrzug die
steile Neckarhälde verlässt und ebenes Terrain durchzieht, begann der Stadtgraben,
der hier in einem mit Böschungsmauern versehenen, Ochsenloch genannten Ueber-
rest seine ursprüngliche Beschaffenheit bewahrt hat.

Die Richtung von Wall und Graben wendet sich allmählich gen Süd, ist jedoch
stellenweise infolge von Neubauten fast unkenntlich geworden. Am oberen Ende

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