Schäfer, Georg
Kunstdenkmäler im Grossherzogthum Hessen: Inventarisirung und beschreibende Darstellung der Werke der Architektur, Plastik, Malerei und des Kunstgewerbes bis zum Schluss des XVIII. Jahrhunderts: Provinz Starkenburg: Ehemaliger Kreis Wimpfen — Darmstadt, 1898

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KÜRNBACH

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Nebengebäude, sind Fachwerkanlagen, die stellenweise an ihren Untergeschossen
durch verjüngte stämmige Holzpfeiler frei gestützt sind und offene Räume bilden.
Die Pfeiler haben im Schaft polygone Gestaltung und wollen auch in Kämpfern und
Basamenten den Gesetzen der Holzbautechnik gerecht werden. Gleiches ist der
Fall hinsichtlich der Gliederung der Konsolen, welche die Auflager der Stockwerke
tragen. Einzelne Fachwerkbautheile gehören dem 16. Jahrhundert an und lassen in
ihren Formen, u. a. in der geschweiften Form des sogen. Eselsrückens über einer
Lichtöffnung, spätgothische Nachklänge erkennen. Aber auch die spätere Renais-
sance, das Barocco, hat seine Spuren im Inneren des Burgstadels zurückgelassen,
insofern eine Thüre der Holzarchitektur, theils in der Gliederung ihrer Gewände
theils in den Formen ihres Sturzes, auf den Beginn des 18. Jahrhunderts hinweist.
Aus der nämlichen Zeit datirt der Treppenaufgang zum Obergeschoss, dessen Wohn-
räume, mit Preisgebung des Alterthümlichen, in anspruchsloser Weise modernisirt
sind. — Das seit Jahren nur selten bewohnte, fast verödete Gebäude macht im Zu-
stande der Verwahrlosung, worin es theilweise sich belindet, einen nichts weniger als
vornehmen Eindruck. Dem von Unkraut überwucherten Burghof wird höchstens ein
malerisches Auge einiges Interesse abgewinnen können. — Das Schlösschen gilt als
Stammsitz der Herren von Sternenfels von der Kürnbacher Linie und war eine Zeit
lang Eigenthum des Hessischen Domänenärars. In der Folge kam das Gebäude
durch Veräusserung in verschiedene Hände. Schliesslich gelangte es aus dem Besitz
der Kürnbacher Familie Lachenauer an die Gräfliche Familie Waldeck von der
Bergheimer Linie.

Unweit vom Schlösschen dehnt sich ein langgestrecktes Kellergebäude Keiicrgcbäude
aus, das ursprünglich im ärarischen Besitz des Kondominats sich befand, dann längere
Zeit Hessischer Zehntkeller war und jetzt zum Waldeckischen Besitz gehört. Die
halbunterirdische mit Giebelbedachung versehene Bauanlage bildet eine einzige gross-
räumige Halle von 75 Schritt Länge und 14 Schritt Breite. Durch seine gediegene
Mauertechnik und insbesondere durch die kräftige Struktur des Einganges, der Wöl-
bung und der Lichtüffnungen gemahnt das Werk weniger an einen gewöhnlichen
Kellerbau als vielmehr an einen ausgedehnten kasemattirten Unterkunftsraum. Auf
dem Schlussstein der weitgespannten Thorfahrt, die dem wuchtigsten Lastwagen be-
quemen Zugang verstattet, liest man die in Relief gehauene Jahrzahl \606 über
einem jetzt verdeckten Wappen; darunter stehen die Initialen G Z, die von Manchen
als Abbreviatur für »Condominat - Zehntkeller« erklärt werden.

Das auf der Nordseite der Kirche gelegene vormalige Pfarrhaus des
Deutschherrenordens, schlechtweg Deutsclies Haus genannt, jetzt Privatbesitz, Deutscliordcns-
ist ein stattliches Gebäude aus der Mitte des 18. Jahrhunderts. Eine Freitreppe mit
Steinbalustrade führt zu dem hochgelegenen Erdgeschoss. Den Thürsturz des Haupt-
einganges ziert ein schwarzes Relietkreuz, das Abzeichen der ritterlichen Genossen-
schaft. — An der Südostecke des Hauses bemerkt man auf reich gegliederter Konsole
eine Nische, deren ursprünglicher Skulpturschmuck — wahrscheinlich eine Madonna
als Patronin des Deutschherrnordens — verschwunden und durch eine Holzstatue er-
setzt ist, die eine Schrifttafel in den Händen hält und ein faltiges Gewand trägt,
dessen Formgebung über das spätgothische Zeitverhältniss keinen Zweifel lässt. Die
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