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Eine Zeichnung Tizians

Von Franz Wickhoff f

Ich lege den Lesern dieser Zeitschrift eine der schönsten Zeichnungen Tizians vor (Taf. III),
die nie veröffentlicht, ja, soviel ich weiß, bisher niemals in der Literatur erwähnt wurde.
Sie befindet sich in der reichen Zeichnungensammlung des Louvre unter den als falsch oder
zweifelhaft ausgesonderten Blättern. Das mag der ganz hinfällige Grund ihrer Nichtbeach-
tung sein, während die wirklichen Fälschungen vielfach hervorgezogen und als Original
veröffentlicht wurden. Sie ist leicht laviert, d. h. auf gelbes Papier mit der Kreide entworfen
und dann mit Tusche und Bianco weiter ausgeführt. Sie dürfte aus der Zeit der Frari-Madonna
sein, d. h. in den Beginn des zweiten Jahrzehnts des XVI. Jhs. gehören. Wer mit Tizians
Werken vertraut ist, dem dürfte es auffallen, daß Tizian hier ein Motiv aus früherer Zeit
benutzte, eine Erfindung, die er etwa io Jahre früher gemacht hatte. Wie der Mann in
Rückansicht sich über die auf dem Boden liegende Frau stürzt, werden wir an das Fresko
in der Scuola del Santo erinnert, wo der Eifersüchtige seine Frau erdolcht, die der Heilige,
der von ferne herankommt, dann auf das Flehen des Reuigen wieder zu neuem Leben er-
weckt. Was den Unterschied ausmacht, ist, daß die ältere Komposition gegen die neue
befangen erscheint, die es nicht verleugnet, daß ihre Reife und Fülle auf ein inzwischen
eingetretenes Kunstereignis hinweist, die Aufdeckung der Sixtinischen Decke. Die Zeich-
nung dürfte eine Studie für eine mythologische Komposition sein; ein Frauenraub etwa.
Ist es denn die Stammutter aller dieser Geraubten, Helena, oder diente der Entwurf für
einen Raub der Leukippiden durch Castor und Pollux? Rubens hat in dem berühmten
Bilde desselben Gegenstandes in München eine fast identische Gruppe gebildet. Oder ist
es Orytha oder noch eine andere dieser Frauen? Jedenfalls bleibt es eine der schönsten
Zeichnungen Tizians, ja eine der schönsten Zeichnungen dieser Zeit überhaupt, die unter
dem Einflüsse Michelangelos stehen. Tizian hat selten so gezeichnet, die Zeichnungen für
seine Holzschnitte müssen so ausgesehen haben, besonders die für den großartigen Triumph
der Kirche, nur hat sich von diesen Zeichnungen keine erhalten.

Palma Giovane in seiner Tizianischen Periode sucht Tizian in dieser Zeichenweise nach-
zuahmen. Es fehlt natürlich die Großartigkeit, aber es sind erfreuliche Leistungen. Sie sind
nicht eben sehr selten. Besonders möchte ich ein Blatt mit einer Grablegung in der Albertina
hervorheben, eine Vorstudie für das schöne farbige Bild in der Galerie in Madrid, das dort
fälschlich Tizian selbst zugeschrieben wird. Gerade durch eine solche Vergleichung sieht
man erst die Energie und das blühende Leben in Tizians Erfindung, wie sie sich hoch über
eine sonst so vortreffliche Arbeit, wie die Zeichnung Palmas, erhebt, ja wie sie überhaupt
zu den vorzüglichsten italienischen Zeichnungen gehört, die sich uns erhalten haben.
 
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