Kladderadatsch: Humoristisch-satyrisches Wochenblatt — 9.1856

Page: 78
DOI issue: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kla1856/0078
License: Public Domain Mark Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
s

78

L^Ein Stündchen in der Schisle»^)

Der Schulmeister. Paßt auf, Kinderchen! Heut wollen wir wieder
einmal die Geschichte non dem schönen Sande Frankreich repctiren. Wie weit
waren wir gekommen, Nottebohm?

Nottebohm. Bis zu dem Könige Ludwig dem Vierzehnten.

Schulmeister. Was machte er, Kielhammer?

Ki e l h a m m e r. Er schwuf aus, schuf eine Schuldenlast von lXD Millionen
Franc» und siechte dahin.

Schulmeister. Weiter, Reibedanz! Was machte Ludwig der Fünf'

Reibedanz. Er that alles, was ein gesitteter Knabe nicht ihun darf.

Schulmeister. Richtig. Wa« bekam er zuletzt dafür?

Reibedanz. Die Marquise von Pompadour, eine abscheuliche

Schulmeister. Wer war sie ursprünglich, Ballfuß?

Ballfuß. Die Tochter von der Birchpfeiffcrn.

Schulmeister. Verdammter Bengel! Woher weißt du da»?

Ballfuß. Ich war jestcrn mit meine Mutter auf die Jallerie ins
Königliche.

Schulmeister. Wa« entstand hieraus?

Ballfuß. Die Französische Revolution.

Schulmeister. Affcnburg! Fortsahren!

Affenburg. Ludwig der Sechs zehnte war ein guter und frommer
Monarch. Aber er konnte nicht davor; denn feine Vorfahren hatten e« rin»
gebrockt, und so mußte er es auSeffen.

Schulmeister. Was entstand aus diesem Blutbadc, Dümmler?

Dü m ml er. Die Französischen Hutmacher in Berlin. Sie wanderten
als aller Adel au», um dem Fallbeil zu entgehen, und ließen sich hier als
Evlonie nieder.

Schulmeister. Falsch! Becker!

Becker. Napolcjong.

Schulmeister. Richtig. Napoleon machte diesem Menschenschlachten
ein Ende und — Hc^ebrandt, weiter!

Heidebrandt. Mehr als zehn Millionen Menschenleben fielen seinem

Ehrgeiz, der keine Gränzen kannte. Doch de» Himmels Strafe blieb »ich,
aus. Er, der die Welt beherrschte, liegt jetzt einsam im weiten Weltmeer,-
auf einer kleinen In —

Schulmeister. In-

Hcidebrandt. Jnvalidendom.

Schulmeister. Richtig. GanSauge, weiter!

GanSauge (schweigt).

Schulmeister. Jetzt kamen die Bour — die Bour -

GanSauge. Die Burschenschafter.

Schulmeister. Die Bourbon«, Esel! Was war der Grün'.gedankt
ihrer RegierungSprincipien?

GanSauge. Ich bin voriges Mal nicht dagewefen.

Schulmeister. Das ist keine Entschuldigung. GanSauge der
Zweite, waS machten Ludwig der Achtzehnte und Karl der Zehnte?

GanSauge N. (schweigt).

Schulmeister. Katzkopp!

Katzkopp. Sic haben Beide gefehlt.

Schulmeister. Richtig. Sie begingen Beide Fehltritte, welche die
Jnlitage zur Folge hatten und Ludwig Philipp auf den Thron brachten.
Wodurch zeichnete sich dieser Fürst au», Müller? — Nun? Durch seinen

Müller. Regenschirm.

Schulmeister. Durch seinen regen Geist, Schafskopf! Ihm folgte -

Müller. Keiner.

Schulmeister. Richtig. Da ihm Keiner folgen wollte, so folgte die
Februarrevolution, im Jahre achtzehnhundcrt und drei Kreuze, weil wir ek
nicht auSsprechcn dürfen. Hierdurch kam wieder ein Napoleon an die Ri-
gi -rung. WaS haben nun die Franzosen dnrch alle diese Kümpfe und Re-
volutionen erreicht?

Müller. Die Preßfreiheit -

Schulmeister. Die Preßfr eiheit inBclgienund in anderen
Länder» unterdrücken lassen zu können! Richtig. Damit wollen
wir aufhören, denn damit hört Alle» aus!

ri JTteöeaspreötflteri."

Der Derwisch spricht:

8»Iem alcikum! Der Friede ist fertig. Wir haben erreicht, wa» wir
wollten! Russe ist so gut als todt — wir leben. Russe jetzt kranker Mann,
wir gesund. Christen frei, werden Schade» besehen. Müssen jetzt Soldat
werden, müssen Steuer für Kopf zahlen, müssen tragen Muskete und Säbel
und Fez, müssen sich lassen schießen todt für Sultan. Salem alcikum! Müssen
lernen Türkisch und pariren, wa» Pascha commandirt. Müssen mit halten
Ramasan und fasten, wenn Türke fastet. Aber dürfen nicht haben Harem
und nicht kaufen Sclavinncn, und nicht cinspcrren ihre Frauen. Wenn Christ
stirbt, kommt bloß in ersten Himmel, wenn Türk — in siebenten. Wenn Christ
selig, bloß mit Abraham und Isaak und Jakob, wa» da sind alte Juden mit
langen Bärten und Knoblauch; wenn Türk selig — mit hundert schönen
Huri», so da duften nach Weihrauch und Tabak und sind engelrein und
ohne Tugend. Allah kcrim! Salem alcikum! Russe ist geschlagen und
muß herauSgcbcn groß Stück von fein Land, so groß, daß man noch gar
nicht weiß, wie groß. Und er darf nicht mehr haben Schiffe im Schwarzen
Meer und uns anstecken bei Sinope und muß schleifen seine Vesten und ra-
siren sein Haupthaar vor Trauer. Wir aber werden tanzen mit unser»
Weibern und singen zu unfern Pfeifen:

Salem alcikum!

Es lebe der Sultan

Oer Pope spricht:

vage Czarachnie! Friede sei mit euch und unü, denn der Krieg ist
zu Ende und sein Zweck erreicht. Der Türk wird sich nimmer erhebe» und
elendiglich umkommen, ei» Schmaus für unsere Adler. Und die Christen in
Türkei sind jetzt gleichgestellt den Moslemim und dürfen erhalten Armier
und Ehren und Orden und werden Pascha» und Großvezier». Und sie
werden kaufen alle Häuser und gebieten über allen Acker und niederreißen
lassen alle Moscheen. Und werden treiben Handel und Türk über» Obr
hauen, und werden sein Richter und nur ihresgleichen Recht geben, und
Aerzte und den Türk vergeben, und Lehrer und die jnngen Heiden dureb-
bläuen, und Generale und die Türken anführen. Wenn Türk stirbt -
bleibt liegen und steht nicht wieder auf. Wenn Russe stirbt in Türkei, steht
auf in heilig Rußland. Türk darf in Himmel nur rauchen Tabak und Opium,
Russe darf trinken Viuum und Wodki und essen himmlische Schweinsohren
mit Caviar und Kohl. Wa» ist gelegen an fünf Meilen Sumpf in Bessarabien 1
Türk mag drin versaufen! WaS ist gelegen an Flotte? Russe geht zu
Lande nach Constantinopel! Dazu werden kommen die Brüder Baring
und unS bringen Gold von ganze Welt und un» machen Eisenbahnen und
Dampfschiff« und Kanonen und neue Büchsen, wa» noch todter schießen al»
die von Türken. Und wir werden groß, so groß; und Knute wird zu Ebren
kommen in ganze Welt, und wir werden jauchzen und singen:

Noxe Czarachnie! ES lebe der Czar!

Kladderadatsch.

SW



T-i,

uletHnB**1
*ii*t» «1

& ii if;«»i* i™1
utj ti h* f"1’

I •. z«, die Sprache »r
stutz Sie fit ja aber in
Kr So, eben iestrt/en!

itfctttllafttFatf.Jlji

di grefit Sin


:Vk„,

.

V'«Ä? «3.



N

AVi

MW
loading ...