Kladderadatsch: Humoristisch-satyrisches Wochenblatt — 9.1856

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Wrnn dort eine Taufe wird vorgknonzink», da-muß ein Hrälat ans Rom erst koiiinik», als ob nicht dcr Srqn, der simpelst«,,
Hände verliehe dieselbe SegenSspcndr, als ob <> Domine misererc Gott anderswo ein besserer wäre!

Qui nobis dederunt mundi lucem ipsi tulerunt sanctnm crucem, es haben die Jünger einst, die
froin»,en, bas Kreuz selbst auf ihr Kreuz genommen; doch ihm, de», Prälaten soll es im Wagen voran bei», Fahre,,
werden getragen. Sie hüteten schlicht daS äußre Dccorum und gingen per pedes Apostulorum.

Vox liaeret mihi iracundo: quid debct fieri ex mundo? Was soll auS dieser Welt seht werben, wenn also
sich die Menschen gebehrdeu? Wenn falscher Glanz und falscher Schein selbst in die Tcnipcl dringt hinein, wenn keine Geißel unver-
zagt die Wnchrcr aus dem Tempel jagt? Wenn alle Weisheit geht davon und die ganze Welt wirk ein Babylon!

Ihr Gaffer, qui Ine stupentes statis. ich bi» jetzt fertig — —

Ohe jam satis!

Jffoööeraöatfcfj.

rf r u, r r p i o n. s*-

Hasscnpflug soll beschlossen haben, auf die Insel Rügen überzusiedeln. ^ Die I» Frankfurt a. M. erscheinende Zeitung „Deutschland" kündigt
Man wundert sich über diesen Entschluß, da der große Staatsmann bekannt- : ihren Lesern an, daß in ihrer Expedition „Mcver'S weißer Brustsprup"
lich nie etwas auf Rügen gegeben hat. ! «Nein echt zu haben sei. Wenn „Deutschland" schon mit Syrnp

! bandelt, denn ist cS gewiß — Essig.

Ein Industrieller Berlin« fordert Eapitaliste» auf. sich mit ihm zu ver-
einigen, um russischen Spiritus billig bei uns einjuführcn und dadurch die
hohen Preise »nscrS Spiritus zu drücken. Obwohl wir wissen, wie hoch
im Anschn bei gewisse» Leuten der ihnen bisher aus Rußland gelieferte Spi-
ritus steht, wie sic sogar ihre» ganzen eigenen Spiritus daran setzten, um
jenen zu verbreiten, so fürchte» wir doch, es könnte» sich bei uns gewichtige
Stimmen und zwar in unsrer Kammer gegen den neuen Spiritus erklären,
den man setzt in Rußland gegen den Willen der Beamten anSzuführcn
beginnt.

Man schreibt der A. A. Zeit, aus Cassel: Noch immer ist es nicht
gelungen, eine» passenden Ersatz für Herrn Hassenpflug zu finden. Erscheint
bei unS ganz an dem Holze zu fehlen, au» dem große StaatS-

Wir sind begierig zu erfahren, welche „Holze" Hassenpflug
»öthig hatte, »m ein fertiger Staatsmann zu werden?

Wü üch au» dö» Zeutungen ersöhn, hat der Dökan der Mödüßünüschcn
Fakültöt dü mosaüschen Etudönten von dön Prömüenarbeuten ausge-
schlossen. Da lobe üch mür dü Börse, wo wür öS fast alleun sünd, dü
müt „Prömüe" arbeiten.

Ja, ja, meun Wörther Hörr Prosössor Jüngken,

An dör Börse macht öS nücht bloß dör Schünken!

Dör bekannter Feund düse« ThüreS.

Kjcroi, der berühmte Koch des Herzogs von Nemours ist dieser Tage
in Berlin angelangt, um sich hier häuslich niederzulassen. Hosscntlich wird
die, besonders in aristokratischen Kreisen so sehr herbei gewünschte, neue
Französische Restauration, nunmehr nicht lange auf sich warten
lassen. Lc roi cst mort, vivc Leroi!

Der hiesige Berichterstatter einer auswärtige» Zeitung will den General
Williams mit feinem ehemaligen Gegner Murawieff Arm in Arm
unter den Linden erblickt haben. Es war leicht, ihn zu widerlegen, da der
russische General gar nicht in Berlin gewesen ist. Hätte er dagegen behaup-
tet: General Murawiess und Lord Palmerston sind Hand in Hand
gegangen, so wäre cS viel schwerer gewesen, ihn Lügen zu strafen.

Als Lola Monte; den Redacteur Scekamp in Melbourne auf Pistolen
sorderte, wurde sic von Freunden gewarnt, da es doch möglich wäre, daß sie
im Duelle bliebe.

Die stolze Spanierin aber erwiderte: Fürchten Sic nicht, Sire, daß ich
falle — ich bin daran gewöhnt!

Man fabelt von einem bevorstehende» Congreß, welcher in Teplitz
abgehalte» werden soll. Wir zweifeln, ob cS gelingen wird, die politischen
Brüche hier zu heilen, da wir wissen, daß sich in Teplitz nur Contralcte
und — Lähmungen — Herstellen lassen.

Um ein gelinde» Abführungsmitt cl ersuchen schleunigst .Deutsch-
land,'seine _ Abonnenten.

Bei genauer Untersuchung der beiden an» Sebastopol entführten und
jetzt im Louvre ausgestellten Sphynxe hat man i» jeder der beiden einen
Zettel gesunde», auf welchem ci» Räthsel geschrieben stand. Nach der uns
zugegangcnen Ucbcrsetzung lautet das Räthsel der ersten Sphynx:

ES ist ein Hauch, der in der Lust zerstiebt,

Ein Anker ist'S für den, den man es gicbt,

Es ist oft hart und doch ist» leicht gebrochen,

Ei» schweres Urtel und doch leicht gesprochen,

Ein Ding daS nie der Freund vom Freund begehrt,

Und das doch unter Männern hochgeehrt,

Ein Schall, der Völker weckt und hilft gestalten,

Gar leicht zu fassen und doch schwer zu halten
Oft hing an ihm der ganzen Welt Geschick,

Doch war» gleichgültig stets der Politik,

Mit einem Worte: es macht zwar den Mann,

Doch kehrt kein Diplomat sich je daran,

Und wer des Friedens Ende wird erleben,

Dem ist de» Wortes Lösung bald gegeben.

Da» Räthsel der zweiten Sphynx.

Wann wird verbannt Censur und Polizei?

Wann wird der Pole und der Holste frei,

Wann wird die Sonne niemals »ntcrgchn,

Wan» wird die Erde plötzlich stille stehn?

Wann sprießt der Lorbeer aus Stechapfels Keim?

Wan» ziehn aus Rom wohl die Franzosen heim?

Wann wird mit Rußland England sich verschwestern,

Wann werden Weibcrzungen nicht mehr lästern?

Wann hängt der letzte Räuber in Athen,

Wann wird der Deutsche froh aus Frankfurt sehn?

Nun saget an, ihr weisen Diplomaten,

Wollt, oder könnet ihr die» nie errathen?

Der Glöckner von nos-gcns in Pari».

.Diese ohncArbcit erworbenen Reichthümer
sind eines Mannes von Ehre unwürdig' hat
Montalembcrt gesagt. Ich meine aber, cS ist heu>
besser, ei» Kind de» Glücke» als ein Mann
von Ehr« zu sein!

Fritzche» Mießnick.
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