Kockel, Valentin [Editor]; Universitätsbibliothek Augsburg [Editor]
Ansicht, Plan, Modell: zur Darstellung antiker Architektur am Beispiel von Pompeji und Herculaneum ; [dieses Heft begleitet die Ausstellung, die vom 27.11. bis zum 16.12.1996 in der Universitätsbibliothek Augsburg stattfindet] — Augsburg, 1996

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einer solchen Veröffentlichung gekommen wäre. Die Pläne scheinen recht maßgenau zu
sein, bleiben aber im Vergleich zu den Arbeiten Anderer bieder. Im Übrigen war
Francesco La Vega (1737-1804) seit 1764 der erste Grabungsleiter mit einer richtigen
Architektenausbildung. Seine'gleichfalls nie publizierten Bauaufnahmen des Isistempels
und des Theaters von Herculaneum - um nur die zwei wichtigstens zu nennen - ent-
sprechen in ihrer Genauigkeit und zeichnerischen Umsetzung den damaligen internatio-
nalen Standards. Auf sie bezieht sich das vorangestellte Zitat eines durchreisenden eng-
lischen Architekten, dem La Vega seine Pläne gezeigt hatte.

Wie man heute weiß, hatte die königliche Administration für eine sehr viel bessere
Grabungsdokumentation gesorgt, als schon die Zeitgenossen glaubten. Doch die zum Teil
sehr schwierigen Grabungsbedingungen, die bis zur Absurdität gesteigerte Geheimhal-
tungspolitik und eine deutliches Desinteresse des maßgeblichen Ministers verhinderten,
daß davon etwas bekannt wurde. Selbst Bauten, die damals im Zentrum der architek-
turhistorischen Diskussion hätten stehen können, blieben bis heute weitgehend unbe-
kannt. Das trifft insbesondere für das Theater von Herculaneum zu. Man hatte zunächst
gehofft, daß diese vollständig konservierte Anlage die Lösung einiger Probleme bringen
könnte, die bestimmte Passagen bei Vitruv stellten, und die auch für die Diskussion um
den modernen Theaterbau von Bedeutung waren. Vermessungsprobleme untertage und
der Einbruch von Grundwasser verhindert zunächst eine vollständige Erfoschung. Ein
1758 erschienener Vitruv-Kommentar Berardo Galianis (t 1771), eines der Mitgliederder
Accademia Ercolanese, ging dann aber auf das Theater in Herculaneum nicht einmal ein.

Ein erster Plan wurde später intern unter anderem als falsch bemängelt, weil er dem
Text Vitruvs nicht entsprach! Nicht nur die Widrigkeiten der Grabung, auch die mehr
durch die literarische Überlieferung als durch die konkrete Anschauung geprägten
Architekturkonzepte der Akademiker behinderten die Wahrnehmung dieses Gebäudes.
Für sie verstellte Vitruv den Blick auf die Wirklichkeit.

In Ermanglung offizieller Publikationen versuchten die reisenden Architekten, sich
Pläne auf andere Weise zu besorgen. Für das unterirdische Herculaneum war das ein
hoffungsloses Unterfangen. Im Gegensatz dazu waren die Bauten Pompejis jedoch sicht-
bar und zugänglich. Durch Bestechung, wie Saint-Nons Truppe, bei nächtlichen Besuchen
oder auch durch einfaches Kopieren derart-entstandener Pläne versuchte man dennoch,
sein Portefeuille mit mehr oder weniger authentischen Blättern zu füllen, die man dann
später vielleicht für seine Entwürfe verwenden konnte. "Die Skizzen entstanden heimlich
bei Mondschein und sind, glaube ich, genau" notierte sich der Architekt John Soane
(1753-1837) auf einem Plan des Isistempels, den er selbst wieder nur kopiert hatte.

Davon wurde jedoch nichts veröffentlicht, so daß die Voyage pittoresque und ab
1804 Piranesis Stiche zunächst die einzigen Architekturpublikationen für die Vesuvstädte
blieben.
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