Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 70.1920

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JOSEF GANQL

Medaille (Bronze)

heit oder Beziehungssucherei zu magischen
Hintergründen. Und darum dann schon tot-
geboren, denn tiefe Kunst ist einfältig wie ein
Kindersinn und deshalb rätselhaft. Kompli-
zierte Naivität ist ein verdammtes Erbstück
der allzu Gelehrten: sie ist leicht zu schaffen
und nie zu glauben für den, der ins Tiefe will.
Darob halte ich's für ein Verdienst, wenn ein
Werk, wie obige Geburtstagswidmung, ein-
fachen Humors genannt werden kann.

Gangl schuf mancherlei dieser Art. Vielleicht
ist's seine stärkste Seite, jedenfalls seine beste.
Da sind die Wachsarbeiten für Gautsch, obenan
das liebe Christkindl (Abbildung S. 49), dann
das Ofenmodell für eine Wiener Werkstätte
(S. 52), die Spinnerin und die zwei geschnitzten
Engel (S. 58—59). Mir scheint doch in dieser
Art künstlerischer Fröhlichkeit, in dem glück-
lichen, leichthändigen Humor, der aus den
Werken dieses Schlages lacht, sein Eigenstes
zu stecken. Wackerle, um einen Vergleich zu
brauchen, aber — ausdrücklich gesagt — ohne
werten^zu wollen, ist feierlicher in seiner Art,
größer wohl auch, aber es ist eine Linie des
Temperaments: oberbayerischer Sonnenschein.

Es gibt noch einen anderen Gangl. Das ist
der, der sich um Plaketten müht. Ich denke
an die Pfaff-Medaille (Abb. S. 50). Vom Stand-
punkt des Medailleurs wohl eine ernste Arbeit,
plastische Schönheit und Wirklichkeit heiß

zusammengebunden, ein ernster Ton zu Weihe-
vollem im Schriftbild. In dieser Art sind vor
allem seine Kriegsmedaillen konzipiert. Die
Pfaff-Medaille ist zweifellos das Reifste unter
diesen — Versuchen. Man verarge mir den
Ausdruck Versuch nicht, denn eine eigentliche
Zusammenfassung zwischen dem Gestaltungs-
reichtum, der aus den oben genannten Ar-
beiten zeugt, und dem Ernst geschlossener
Wirklichkeit, wie ihn die Porträtplakette haben
soll, will mir noch nicht ganz glaubhaft werden.
Ansätze dazu sind genug da: der müde Wan-
derer (S. 53), die Münchener Bürgerrechts-
urkunde (S. 57), um nur die hier abgebildeten
Werke zu nennen, aber zum Zusammenschluß
hat es doch noch seinen Weg. Der wohl nicht
ausbleiben wird.

Wir brauchen heute Humor, mehr als je.
Wem sollte die Kunst nicht im besten Sinn
ein emportragend Lied sein ohne den bitteren
Affront kaltstirniger Programme. Das Neue,
dem mit Recht alle Zukunft gehört, sei aber
wahrhaft neu geboren aus dem Mutterschoß
der Heimat. Wer Neues zu bringen meint,
weil er Ungewohntes oder Abgelegenes bringt,
der täuscht sich und die Welt, und er ist der
Kunst nicht wertvoller wie jeder der billigen
Künstler, der sein Tun darin befriedigt, daß
er sich nur eine Vorbildersammlung alter
Kunst hält. Hans Karlinger.

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