Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 70.1920

Page: 51
Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kuh1920/0060
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
JOSEF QANGL

Zwei Grabsteine

VON DER BAUKUNST

Die Anmut und Wohlgefälligkeit, meint
man, komme nirgends her als von der
Schönheit und vom Schmucke. Deshalb
kann man auch niemanden finden, der so
traurig und stumpf wäre, so rauh und bäu-
risch, daß er nicht durch besonders schöne
Sachen in höherem Maße ergötzt würde und
unter Hinansetzung aller andern nur an den
prächtigsten Gefallen fände; durch häßliche
Dinge aber sich beleidigt fühlt und alle Rohe
und Vernachlässigte verurteilt; der ferner nicht
merkte, wieviel einer Sache an Schmuck fehlt
und dennoch zugesteht, nicht zu wissen, was
so sehr zum Wohlgefallen und zur Erhabenheit
beiträgt.

Daher müssen die, welche etwas Wohlgefäl-
liges leisten wollen, vor allem insbesondere auf
größte Schönheit sehen. Welche Bedeutung
unsere so überaus klugen Vorfahren dieser
Sache beilegten, das beweist unter anderem
ihre unglaubliche Sorgfalt, die sie auf die
prächtige Ausstattung ihrer Gesetzgebung, des

Militärwesens, den Gottesdienst, ja das ganze
öffentliche Gemeinwesen verwandten. Wenn
sie dies alles aber, ohne welches das mensch-
liche Leben kaum bestehen kann, ohne den
großen Aufwand von Schmuck und Pomp
hätten lassen wollen, was wäre das für eine
schwächliche und wenig ergötzliche Sache ge-
wesen!

Die Götter bewundern wir beim Anblick
des Himmels und ihrer wunderbaren Schöp-
fungen sicher deshalb mehr, weil wir eher deren
Schönheit als deren Nutzen merken. Oder soll
ich mich darüber verbreiten, daß die Natur
selbst, wie man allenthalben sehen kann, sich
infolge der Freude an der Schönheit tagtäglich
zu überbieten nicht aufhört. Z. B. um alles
andere außer acht zu lassen, in der Färbung
der Blumen.

Wenn man das alles bei einer Sache über-
haupt wünschen möchte, so ist es dies in der
Tat bei einem Bauwerk; denn dies könnte
unter keiner Bedingung dessen entbehren, ohne
sich dem Tadel aller Kenner und Laien aus-
zusetzen. Denn was löst ein unförmiger und

51
loading ...