Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 70.1920

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kommener künstlerischer Ungeklärt-
heit, und damit ein Zeichen vom
Mangel irgendeiner selbstbewußten
allgemeinen kulturellen Gesinnungs-
art. Die Architektur unserer Zeit
hat überhaupt nicht mehr das An-
sehen einer Gattung, die zur Kunst
gehört. Wenn von Kunst die Rede
ist, wird zunächst an Schauspielerei
und Musik, dann an Malerei oder
Dichtung und erst zuletzt, wenn
überhaupt, an Architektur gedacht.
Trotzdem keine Kunst für das Leben
der Allgemeinheit so bedeutungsvoll
ist als Architektur, und obgleich in
keinem dervergangenen Jahrhunderte
ihr so große und umfangreiche Auf-
gaben gestellt worden sind als in den
letzten 50 Jahren, sind die vorhan-
denen wirklich künstlerischen Werte
aus der ungeheuren Menge des Bau-
schaffens äußerst gering, und Bei-

JOSEF
OANGL
Packung
(schwarz-weiß
und rot)

spiele selbständig schöpferischer Bau-
kunst sind zu zählen. Ein geistiger,
verheißungsvoller Zusammenhang
mit den andern Kunstgattungen,
wie der Malerei und Plastik, ist
überhaupt nicht vorhanden. Die
freien Künste sind ihre eigenen
Wege gegangen, und es darf aner-
kannt werden, daß sie zu Ergeb-
nissen geführt haben, die eine Lösung
der rhythmischen und seelischen
Spannungen unserer Zeit einleiten.
Wo es sich aber um ein Zusammen-
wirken der Architektur mit ihnen
und also um ihr Erscheinen in der
Öffentlichkeit handelte, wurden sie
von der Baugeschäftigkeit unwillkür-
lich zum Dekorativen, zur Bau-
plastik und Dekorationsmalerei herab-
gezogen. Dieses ist um so bemerkens-
werter, als die Gestaltungsmittel der
modernen freien Künste unverkenn-

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