Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 71.1921

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PUBLIZISTIK UND KUNST

Von Prof. Dr. J. L. FISCHER

Unsere letzte Nummer ist in einem neuen Ge-
wand erschienen, und in ihrem Innern waren auch
°'nige nicht „gewohnte" Dinge zu sehen.

Es hätte keine Mühe gekostet, diesem „Unge-
wohnten" einiges Empfehlende, ein übliches „Ge-
leitwort", eine „Einführung" auf den Weg zu
geben. Aber dadurch hätte man „Voreingenom-
mene" schaffen können, und das Echo der durch
nichts alterierten Wirkung wäre nicht so rein zu-
rückgekommen, wie es tatsächlich der Fall war.

Das Titelblatt ist seinerzeit mit dem ersten Preis
bedacht worden, und von den im Heft selbst ab-
gebildeten Werken haben ebenfalls verschiedene

das auszeichnende Wort der Sachverständigen ge-
hört.....

Aber es liegt etwas in der Luft; nicht hier oder
dort, sondern allenthalben: erregt disputieren es
die Jungen, ernst bebrüten es die Nachdenklichen;

immer ist es dasselbe.....Hier „spricht" in der

„Gesellschaft der Freunde der Charlottenburger
Kunstgewerbe- und Handwerkerschule" Dr. Max
Osborn über das ewig aktuelle Thema „Kunst
und Presse" (so berichten die Berliner Blätter),
dort „spricht auf Einladung des Vereins Düssel-
dorfer Presse in den Akademischen Kursen der
Altmeister der Düsseldorfer Malerei, Eduard von
Gebhardt, von dem Standpunkt des Künstlers aus
über den nämlichen Gegenstand".....

Kunst und Presse! Das „verbindende" Wört-
chen „und" zeigt, daß beide etwas trennt, wenig-
stens gegenwärtig. Aber nicht etwa so, daß die
Presse sich einschränken oder gar aufhören solle
„über Kunst zu schreiben". Nein im ganz anderen
Sinne.

Die Kunst bedarf der Publizistik fast ebenso wie
des täglichen Brotes. Die Feder gibt dem Gemälde
seine Farbe, dem Tenor seinen Klang, dem Marmor
seine Kraft — und lieber tausendmal „verrissen"
als nur ein einziges Mal vergessen. Dann und
wann trifft man allerdings auf solche, die Ge-
drucktes grundsätzlich nicht lesen, am allerwenig-
sten das, was über sie selbst geschrieben ist! Aber
für die überwiegende Zahl gilt der Satz: Um Gottes
willen nur nicht verschwiegen werden in den wirk-
samen Annalen der Tagesgeschichte. Auf diese
Tatsache muß alles sich einstellen, was ein Wort
zur Frage: Publizistik und Kunst zu sagen weiß.

Es gab glücklichere Zeiten, in denen die Kunst
ohne Presse auskam, in der sie ohne Nachdenken,
ohne „Reflexion" schuf— aus der Unmittelbarkeit
der Gesichte, der Inspiration, wie aus etwas ganz
Selbstverständlichem gestaltete, sich handwerk-
licher Bindungen nicht schämte, ja nicht einmal
bewußt war, aus der Volksgemeinschaft empor-
wuchs und zum größten Teil auf — Bestellung
arbeitete. Dieses Gemeinschaftliche der Volks-
gemeinschaft, das weder Künstler noch Besteller
gesprengt wissen wollten, ergab das, was man
heute den Zeitstil nennt und deren charakteristi-
sche Merkmale in ihrer Ganzheit wie im einzelnen
kein Künstler verschmähen zu sollen glaubte, ob-
gleich dies nach heutigen Begriffen scheinbar auf
Kosten der „Originalität" ging und in dem Ge-
schaffenen vielleicht mehr den Zeitausdruck und
das handwerklich Tüchtige, das Können, die
„Kunst" (von Können) betonte.

Heute sind alle Zusammenhänge mit der Volks-
gemeinschaft gelöst; weitaus das meiste entsteht

Kunst und Handwerk. Jahrg. 1921. 2. Viertelj

alirslieft

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