Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 71.1921

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Private und ganz besonders die Architektur sich
ihrer annehmen, und wieder mehr anfangen, unsere
Innenräume, Schlösser, Kirchen usw. mit Holz-
plastiken auszuschmücken, die doch eigentlich
besser hineinpassen als eine Plastik aus jedem
anderen Material.
An maßgebenden Stellen sollte man diese An-

regungen aus Fachkreisen nicht immer wieder un-
beachtet lassen, denn ein gut herangebildeter
Handwerkerstand, und dazu gehört in erster Linie
der Kunsthandwerker, dürfte uns im Hinblick auf
kommende schwere Zeiten vor vielleicht noch
größerem Mißgeschick bewahren, als uns bisher
schon widerfahren ist.

DIE BEDEUTUNG DES KUNSTHANDELS

VON S. DREY

Die Bedeutung des Kunsthandels innerhalb des
Welthandels und insbesondere die angesehene
internationale Stellung des deutschen Kunst-
handels sind in Deutschland recht wenig erkannt.

Die Geschichte des Kunsthandels ist sehr alt
und reicht in früheste vorchristliche Zeiten zu-
rück. Jedoch erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahr-
hunderts beginnt er eine große Rolle im Welt-
handel zu spielen, und zwar vor allem in Frank-
reich und England, Paris und London sind es,
die sich zu Zentren eines sehr großen Kunst-
handels und Kunstexportes entwickeln. In Deutsch-
land ist der Kunsthandel verhältnismäßig jüngeren
Datums. Er hat sich erst in den Zeiten zunehmen-
den Wohlstandes zu größerer Blüte entfaltet, ist
aber dann rasch in den letzten zwei Dezennien
des 19. Jahrhunderts und in der Zeit bis zum Aus-
bruch des Weltkrieges zu Ruf und Geltung weit
über Deutschlands Grenzen hinaus gediehen und
hat sich eine gesunde, angesehene Position im
Inland und Ausland errungen. Seine Beziehungen
reichten in alle Kulturländer, er wurde ein wichtiger
Faktor auf dem internationalen Kunstmarkt, und
diese Beziehungen fanden ihren Ausdruck und
weitere Entfaltung in dem Entstehen von Zweig-
niederlassungen deutscher Kunstgeschäfte in Frank-
reich, England und den Vereinigten Staaten.

Statistisches Material, um das Aufblühen des
deutschen Kunsthandels zu belegen, ist schwer
beizubringen, da die Kunstgegenstände in der
Exportstatistik in der Regel je nach ihrem Material
unter fremden Warenrubriken erscheinen. Auf
Grund einiger Erfahrung können wir die Jahres-
umsätze des deutschen Kunsthandels in den letzten
zwei Jahren vor dem Weltkriege auf etwa 200 Mill.
Mark pro Jahr veranschlagen, und eine vorsichtige
Schätzung des Jahresumsatzes 1919 dürfte etwa
500 Mill. Mark ergeben. Eine genauere Schätzung
wird uns in Zukunft wohl der Ertrag der Umsatz-
und Luxussteuer erlauben. Eine Vergleichung
der beiden angegebenen Schätzungsziffern zeigt

unter Berücksichtigung der starken Geldentwertung
einen momentanen relativen Rückgang des deut-
schen Kunsthandels. Die Gründe sind folgende:
Der deutsche Kunsthandel war bis zu Kriegs-
ende, namentlich soweit er alte Kunst umfaßt
— wenn er auch einen beträchtlichen Export
insbesondere nach Amerika erzielte —, in der
Hauptsache Importhandel, und es darf gegen-
über den ständigen Klagen über Abwanderung
deutschen Kunstbesitzes nicht vergessen werden,
daß mit Ausnahme der alten fürstlichen und
Patriziersammlungen, die heute größtenteils in
öffentliche Museen und öffentlichen Besitz über-
gegangen sind, der größte Bestandteil deutschen
Kunstbesitzes in den letzten 40 Jahren aus dem
Ausland nach Deutschland gewandert ist.

Der deutsche Sammler und der deutsche Kunst-
händler spielten eine recht prominente Rolle auf
dem internationalen Kunstmarkte, und fast all
die Sammlungen, die Deutschland heute besitzt
und deren teilweisen Stillstand oder Auflösung wir
beklagen, sind als Folge von Deutschlands Wohl-
stand aus dem Auslande zu uns gekommen.

Heute ist die Erscheinung infolge der Ver-
armung der Gesamtheit und der durch Verteue-
rung und Besteuerung gegebenen wirtschaftlichen
Zwangslage vieler einzelner naturgemäß eine gegen-
teilige. Das deutsche Sammlertum ist für den
Auslandsmarkt bedeutungslos geworden, und an
Stelle des Importes ist für den deutschen Kunst-
handel der Export von weit überwiegender Bedeu-
tung geworden. Der Handel hat diesen — nicht
zuletzt für ihn sehr bedauerlichen — Verhält-
nissen Rechnung tragen müssen und dement-
sprechend seine Organisationen eingestellt. Es
ist allen Schwierigkeiten zum Trotz gelungen,
die Verbindungen mit dem Auslande einigermaßen
wiederherzustellen; die Grundlagen zum Wieder-
aufbau und einem Ausbau des Auslandsgeschäftes
sind geebnet, die alten Beziehungen zum Ausland
konnten wieder angebahnt werden, und es kann die

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