Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 71.1921

Page: 61
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heranwachsende Jugend auf alle Fälle bewahren, und wir
können es, wenn wir sie darauf hinweisen, ein Handwerk
zu lernen, das ihren geistigen und körperlichen Fähigkeiten,
ihrem Lebenskreis entspricht. Folgende Gewerbe und
Tätigkeiten kommen dafür hauptsächlich in Frage:

Buchbinderei, Goldschmiedekunst, Photographie, Kera-
mik sind Männern wie Frauen gleich zugänglich, folglich
die Konkurrenz sehr groß und daher die Wahl dieser Kunst-
handwerke Mädchen nur im Fall ihrer besonderen Eignung
zu empfehlen.

Für Bildhauerinnen, die sich einer kunsthandwerklichen
Tätigkeit widmen wollen,
käme Steinschneiden und
event. Gravieren in Frage.

Speziell weibliche Be-
rufe sind:

Schneiderei, Putzmache-
rei, Weißnäherei und außer-
dem die Lehrberufe: Zeich-
nen und Handarbeitsleh-
rerin.

Alle genannten Berufe,
mit Ausnahme der zwei
letztgenannten, sind sozu-
sagen doppelseitig: hand-
werklich-künstlerisch, je
nach Wesen und Bega-
bung der Ausführenden.
Da es bei Schulentlas-
senen sehr schwer festzu-
stellen ist, wie weit eine
zur Zeit zweifellos vor-
handene Begabung reicht,
die höheren Schulen auch
erst mit dem 16. bis
18. Jahre begonnen wer-
den können, so fällt die
handwerkliche Lehre in
ein Alter, in dem für die
Zukunft des Mädchens
meist doch nichts Ent-
scheidendes geschehen
kann, und ist beendet zu
der Zeit, in der sich die
Eigenschaften soweit ge-
klärt haben, daß der Weg
für die Zukunft viel deut-
licher zu sehen ist. Die
Kunstgewerbeschulen be-
vorzugen handwerklich
ausgebildete Schülerinnen
— natürlich die nötige Be-
gabung vorausgesetzt •—
und versprechen sich mit
ihnen bessere Erfolge als
mit den vielen, die plan-
und ziellos hinströmen, sich
auf allen Gebieten ver-
suchen und oft nach Jah-
ren noch nicht wissen, für
welches sie sich entschei-
densollen. Das Wichtigste LUISE POLLITZER

jedoch ist, praktisch und Applikation von Wolle und

ethisch der gesunde Boden, auf dem die handwerks-
mäßig Ausgebildeten ihre Existenz aufbauen können. Daß
und wie die rein handwerksmäßig betriebene Werkstatt
die Meisterin bescheiden ernährt, brauche ich hier nicht
weiter auszuführen, das ergibt die Statistik der Innungen.
Vielleicht darf am Beispiel einer gelernten Putzmacherin
mit künstlerischer Begabung und entsprechender Ausbil-
dung gezeigt werden, wie sich ein vorteilhaft geführter Be-
trieb entwickeln kann.

Eine normale, geschmackvoll aufgemachte Putzmacherei,
die gute, gangbare Hüte macht, sich damit einen Stamm

Dekorative Stickerei auf grauem Leinenplüsch

Seide; gestickt mit Wolle, Seide und Kunstfaden. 125x140 cm

Kunst und Handwerk. Jahrg. 1921. 4. Vierteljalirslieft

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