Morgenblatt für gebildete Stände / Kunstblatt — 28.1847

Page: 86
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstblatt28_1847/0093
License: Public Domain Mark Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
2© 86

stens von einigen Studien, mochte auch keineswegs ganz ver-
werflich seyn, da es beim Malen doch zunächst auf Kenntniß
des Materials und der nöthigsten Handgriffe ankommt und es
wohlgethan seyn, dürfte, dem Schüler hierin wenigstens einige
Sicherheit zu geben, bevor er zur Nachbildung des farbenreichen
Lebens angewiesen wird. Doch kann die erste äußere Praxis
auch wohl vortheilhaft in der Darstellung und Nachbildung leb-
loser Gegenstände, Gewandstoffe u. dergl. erlernt werden.

Zur Darstellung des menschlichen Körpers und zum Stu- j
dium desselben gehört aber zugleich als unentbehrliches Hülfs-
studium das der Anatomie. Auch dieß versäumt der Berf. zwar
nicht, nimmt dasselbe aber, vielleicht um alles Pedantische
daraus zu entfernen, doch zu oberflächlich und willkürlich. Er
verlangt eigentlich nur ein durchgeführtes Zeichnen des Skeletts;
das weitere Studium, das er vorschreibt, scheint lediglich nur
darin zu bestehen, daß er eine Anatomiefigur neben das lebende
Modell gestellt und die Muskeln der einen in denen des andern,
zuerst bei gleicher, dann bei veränderter Stellung des Modells
ausgesucht wissen will. Es bedarf wohl keines Beweises, daß
bei solchem Verfahren nur flüchtige Empiriker gebildet werden
können, den Schülern aber das tiefere Verstäudniß des Lebens
und der Grund der Gestaltung und Bewegung desselben fremd
bleiben muß. Gewiß sollen die Künstler nicht zu Anatomen
erzogen werden, gewiß ist die beste Methode des anatomischen
Unterrichts für Künstler sehr schwer darzulegen; wenn aber
neben der scharfen Beobachtung des Lebens (wozu ohnehin außer-
halb der Mvdellsäle so wenig Gelegenheit ist) den Schülern keine
tiefere wissenschaftliche Begründung des körperlichen Organis-
mus gegeben werden sollte, so würden wir auch in den Bildern
nur selten über Aktfiguren hinauskommeu. Und einstweilen
sehen wir es leider nur zu häufig, wie wenig unsere Künstler
das Leben verstehen, wie sehr fie das mangelnde Verständniß
durch Abschreiben dessen, was das Modell ihnen darbietet, zu
ersetzen suchen, wie gern sie daher ihre Kompositionen von vorn-
herein auf möglichst bequeme Stellung des Modells — durch
all jene Darstellungen der Klage, der Trauer, des Nachsinnens,
des Ueberlegens, des Beschließens statt der wirklichen That —
einrichten, in wie hohem Grade den seltenen Darstellungen be-
wegter Aktion doch der eigentliche Nerv der Bewegung zu fehlen,
wie auf die leidenschaftlichsten Gestalten'jenes Hamlet'sche „Partei-
los zwischen Kraft und Willen" nur allzu oft ganz wohl zu
passen pflegt. — Außerdem nimmt der Vers, auch auf den Un-
terricht in der Perspektive Rücksicht, scheint ihn aber, da er sich
weder über den Modus desselben, noch über die für ihn erforder-
liche Zeit näher ausläßt, noch beiläufiger behandeln zu wollen,
was ebenfalls nicht angemessen sehn kann, so sehr auch hier die
pedantische Behandlung des Gegenstandes fern zu halten sehn
dürfte.

Nach solchen Prämissen wird es nicht befremden, wenn der
Vers, für den gefeint,»teil Kunstunterricht (wobei aber die Aus-
bildung für die Bedürfnisse der besonder» Einzelfächer ausge-
schlossen zu seyn scheint) nur ein Jahr in Anspruch nimmt
und den Schüler sogar schon in der zweiten Hälfte desselben
zur Komposition veranlassen will. Er versichert, dieß durch
mannigfache Erfahrung in seiner Wirksamkeit als Lehrer bestä-
tigt gefunden zu haben. Gegen die Erfahrung wird nicht zu
streiten seyn; daß der Schüler in so kurzer Zeit aber vollständig
feste Grundlagen, einen vollkommen zureichenden Beruf für
das Leben gewonnen haben sollte, scheint nach den obigen Gegen-
bemerkungen doch sehr zu bezweifeln. Zudem wird es jedenfalls
auf länger fortgesetzte Uebung und Thätigkeit des Schülers unter
den Augen des Meisters, sowie zugleich auf die besondere An-
eignung alles desjenigen, was nicht der figürlichen Malerei
angehört, je nach dent erwählten besondern Kunstfache ankom- j

i men müssen, lieber das für diese besondern Fächer Erforderliche
spricht sich der Verf. meist nur sehr kurz und zum Theil wenig
befriedigend aus. Sehr beherzigungswerth scheint dagegen, was
er über die Anleitung zur Komposition sagt, indem er auch
hier, statt auf Beobachtung abstrakter Regeln, vor Allem auf
Beobachtung der Natur und des Lebens in seinen wechselnden
Erscheinungen dringt.

Ich kann nach allem diesem den in der Schrift des Herrn
Waldmüller enthaltenen Prinzipien keineswegs unbedingt
huldigen; gleichwohl halte ich dieselbe für einen werthvollen
Beitrag zu den neueren Erörterungen über die Gestaltung des
Kunstunterrichts, da sie mit Geist und reiner Liebe zur Sache
geschrieben ist, wirkliche Uebelstände aufdeckt und, auch wo sie
den Widerspruch hervorruft, doch zum weiteren Nachdenken reizt.
Jedenfalls ist das Ziel, das er erstrebt, das richtige: daß der
Künstler leichter und rascher schaffen lernen müsse; nur daß ich
der unmaßgeblichen Ansicht bin, dieß Ziel sey nur auf einer
sehr gründlichen und ernst behandelten Basis zu erreichen. Die
Sache selbst aber hat, wie ich glaube, noch eine andere, ganz
ernsthafte Seite für die äußere Lebensstellung der Künstler.
Unsere Künstler schaffen im Allgemeinen (und vornämlich viel-
leicht deßhalb, weil die alten Schultraditionen abgerissen sind)
zu mühsam, zu langsam. Sie brauchen zu dem einzelnen Werke,
wenn dasselbe überhaupt gediegen seyn soll, mehr Zeit wie
die Alten, müssen es sich mithin theurer bezahlen lassen und
finden in Folge dessen weniger Absatz. Die Alten, die sich in
ihrer Hand vollkommen sicher fühlten, malten bei gleicher
oder größerer Gediegenheit der Arbeit schneller und
forderten (einzelne besondere Ausnahmen abgerechnet) zumeist
ungleich geringere Preise, auch nach den Geldverhältniffen ihrer
Zeit. Mir scheint, daß wenigstens ein Theil der Klage über
den mangelnden Kunstsinn unserer Zeit hier seine Auflösung
findet, und daß es somit nicht einzig und allein Sache des
Publikums, des Volkes seyn möchte, wenn ein anderer und
besserer Zustand herbeigeführt werden soll. F. K.

Bemerkungen auf einer Reise durch
Schwaben.

Vt>n Fr. X Fernbach.

1. Gmünd.

Die St. Johanneskirche soll ums Jahr 1102 erbaut worden
seyn. Die am Aeußern dieser Kirche in Stein gehauenen Skulp-
turen weisen auf ein solches Alter zurück. Besonders ist eine
weibliche Gestalt mit einem Kinde auf dem Schooße, einer
Maria mit dem göttlichen Sohne ähnlich, den rechten Vorder-
arm und zwei Finger gerade und ganz steif in die Höhe hal-
tend, ganz im ältesten Style dargestellt. Die traditionelle Sage
bezeichnet diese Darstellung als eine Herzogin mit ihrem erst-
gebornen Sohne, die auf der Jagd mit ihrem Gemahl den
Trauring verloren und das Gelübde gethan haben soll, auf
der Stelle, wo dieser Ring gefunden werden würde, eine Kirche
zu bauen. Jener Ring soll von einem Jagdgehülfeu auf dieser
Stelle, die ein Wald gewesen, auch wirklich gefunden worden
seyn. Die Sage gewinnt einige Wahrscheinlichkeit dadurch,
daß am Aeußern dieser Kirche mehrere Jagdscenen, Jäger,
Hunde, Hasen, Hirsche und Anderes in Stein gehauen noch
vorhanden sind. Bemerkenswerth sind die an dieser Kirche wie
im ägyptischen Style in Stein gehauenen verschiedenen Thiere,
Katzen, Affen, Sperber u. s. f., welche vielleicht auf den Ueber-
gang von der heidnischen zur christlichen Lehre Hinweisen. Diese
Kirche war ursprünglich unfehlbar eine Basilika. Ungefähr im
Fr. X. Fernbach: Bemerkungen auf einer Reise durch Schwaben. 1. Gmünd.
loading ...