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Kunstblatt.

N 51.

Nachträge zur Kenntnis

der altniederländischen Malersrhuicn des löten und
löten Jahrhunderts.

Von Prof. <ß>. F. Waagen.

(Fortsetzung)

Antoncllo von Messina.

Von diesem Meister sind mir außer den von Passavant
aufgeführten folgende Bilder bekannt geworden.

Zn Venedig, in der Sammlung der Akademie, eine lesende
Maria, vormals im Anticollegio de' Savii mit dem acht schei-
nenden Namen bezeichnet. Zn den wenig anziehenden, in den
Firmen harten, in der Färbung braunen Bildern seiner spä-
teren Zeit gehörig.

Im Museo Correr ebenda, ein segnender Christus. Edel
in Form und Ausdruck, klar in der bräunlichen Färbung und
zu den früheren besten Bildern des Meisters gehörig.

Zn Florenz in der Sammlung des Marchese Rinuccini das
Bildniß eines Manns in rothem Kleide mit schwarzem Besatz,
bezeichnet: »1476 Antoneilus messaneus pinxit.« Ich habe
bisher kein Bild dieses Meisters ans so später Zeit gesehen, in
weichem er sich in dem gelblichen Lokalton des Fleisches, in der
Lebendigkeit der Auffassung und der Gewissenhaftigkeit der Durch-
führung, so daß fast jedes einzelne Haar angegeben ist, so sehr
seinem Meister, dem Jan van Eyck, nähert als dieses.

Zn Wien, in der Galerie des Fürsten Lichtenstein, zwei
kleine Porträte von Mann und Frau, er völlig, sie beinahe im
Profil, in einem Rahmen, dort irrig für Memling ausgegeben.
Diese schönen Bildchen stimmen auffallend mit dem 1445 be-
zeichneten männlichen Bildniß des Antonello im Museum zu
Berlin, besonders zeigt der Mann in der braunen veneziani-
schen Perrücke der Zeit die Lebendigkeit der Auffassung, die
Bestimmtheit der Form und den Ton und die Klarheit der Fär-
bung , welche jenes Bild so vortheilhaft anszeichnen. Auch die
Bäumchen sind ebenso gemacht, während die Gestalt der Wolken
an die auf dem Genter Altar erinnert.

Hngo van der Goes.

Aus den Nachrichten, welche Herr Schayes über den Dirk
Stuerbont gibt, erfahren wir auch zwei neue Umstände in Be-
treff des Hugo van der Goes, nämlich daß er ans Gent gebürtig
gewesen, und daß er, wiewohl in vorgerücktem Alter, im Jahr
1479 noch am Leben war. Ans der Weise, wie der Meister,
welcher nach dem Tod des Stuerbont dessen unvollendetes Werk
abschätzte, erwähnt wird, geht nämlich hervor, daß hiemit
niemand anders als Hugo van der Goes gemeint ist. Es heißt
dort: „Daer voer sem ende zynen Kinderen vergouwen ende
betaelt heest ter estnmacien eitde fattingen van enen der nota-
belssten scildern, die men binnen den lande hier ontreet Wiste
te vinden, die gheboren es van der stad van Ghendt, ende nu
wonechtig es in den Rooden-Klooster in Znnnien." Man weiß

Donnerstag den 21. Oktober 1847.

aber mit Sicherheit, daß H. van der Goes in höheren Jahren
s gerade in diesem Kloster Priester und Domherr wurde, und
1 dort auch seine Tage endigte.

In Betreff des einzigen beglaubigten größeren Werks deS
H. van der Goes, der Anbetung der Hirten in der Kirche St.
Maria Nnova zu Florenz, verweise ich auf die treue und aus-
führliche Schilderung von Passavant, ‘ und hebe nur einige
Punkte hervor, worin mir das Charakteristische dieses Meisters
zu liegen scheint, was ihn besonders von andern Schülern der
Brüder van Eyck unterscheidet. Noch ausschließlicher als Rogier
j van der Weyden der Acltere folgt er der realistischen Richtung

! des Jan van Eyck, so daß heilige wie profane Personen bei

ihm durchhin ein durchaus porträtartiges Ansehen haben. Dabei
hat er weniger Geschmack und Schönheitssinn als Rogier, und
einen Ernst, eine Strenge in den Charakteren, welche an das
Herbe gränzt. So ist auch seine Zeichnung sehr entschieden und
naturwahr, seine Färbung ungleich Heller und kühler in der
Gesammtwirknng, als bei Rogier, Justus von Gent oder Mem-
ling. Besonders ist sein Fleischton im Licht sehr weiß oder
kühl röthlich, in den Schatten bestimmt grau, oder, obwohl
immer verhältnißmäßig kühl, gegen das Bräunliche gebrochen.

Er ist einer der frühesten Meister dieser Schule, bei dem das
Blau der Gewänder gegen das Grün zieht, welches 511 Anfang
des litten Jahrhunderts fast allgemein wird, und bei dem das
Orange in größerem Maaße vorkommt. Rächstdem liebt er
besonders die lichtweißen Gewänder, welche nur in den Schatten
eine bestimmte Lokalfarbe haben. So ist auch der Goldstvff bei
ihm breiter behandelt als bei den obengenannten Künstlern,
endlich sind die Hauptmotive seiner Falten zwar von sehr gutem
Prinzip , die einzelnen Falten aber etwas steif und hart, und
mehr von sehr scharfen und kleinlichen Brüchen gestört als bei
jenen.

Nach diesen Eigenschaften habe ich in Belgien verschiedene
Bilder eines sehr tüchtigen Meisters gefunden, den ich entschie-
den für einen Schüler des H. van der Goes halten muß. Ich
führe dieselben hier um so mehr auf, weil sie uns theils in
Ermanglung von Bildern des van der Goes keinen verächtlichen
Ersatz dafür gewähren, und weil sie in Belgien ganz irrig
verschiedenen andern Meistern beigemeffen werden.

Das bedeutendste derselben ist der unter Nr. 8 als Schoreel
in der Sammlung der Akademie zu Brügge ausgestellte Tod
Mariä, ein Bild von etwa 5 Fuß im Quadrat. Der Ausdruck
in der Maria, deren Augen eben brechen, ist höchst wahr nnd^
ergreifend. Die Charaktere der Apostel sind sehr mannigfaltig,
der Ausdruck des Schmerzes ernst und rührend. In der Luft
erscheint Christus, dessen Kopf besonders typisch für diesen
Meister ist, von Engeln umgeben. Die Farben der Gewänder
gehen gegen das Helle, der Fleischton ist durchgängig blaß.

Die Modellirung und Durchbildung des Einzelnen ist von der
Gediegenheit, wie bei den Schülern der van Eyck. Auch im
Faltenwurf findet sich eine große Uebereinstimmung mit der»

> S. Kunstblatt 1841. S. 18.
Index
Prof. G. F. Waagen.: Nachträge zur Kenntiß der altniederländischen Malerschulen des 15ten und 16ten Jahrhunderts. (Forts.)
 
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