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dürsten daher bcni Hubert van Eyck zuzusprechen seyn. Es findet
sich in denselben zwar ebenfalls ei» sehr ausgesprochener Realis-
mus, doch so, daß er sich noch mit dem idealistischen Bestreben,
welches sich in den Niederlanden in der Malerei schon bald nach
der Mitte des 14ten Jahrhunderts mit vielem Erfolg geltend
geinacht hatte, durchdringt, und dasselbe nur zum deutlichen,
naturgemäßen und vermannigfaltigten Ausdruck bringt. Sein
Gott Vater hat daher im Antlitze, wie in dem Motiv, eine
acht kirchliche Würde und Majestät. Der Wurf seines Gewan-
des vom sattesten Roth zeigt noch die reinen, edlen und weichen
Motive jener idealischen Richtung nur in ungleich größerer
Breite und Freiheit, und mit den feinen Andeutungen des
Stoffartigen in manchen Brüchen. Es ist meines Erachtens
eins der vollkommensten Gewänder, welche die ganze neuere
Malerei hervorgebracht hat. Im Johannes dem Täufer, mehr
noch in den Einsiedlern, ist eine acht religiöse Begeisterung
mannigfach abgcsluft. Der Kops der Maria athmet nicht allein
im Gefühl die reinste Jungfräulichkeit, die innigste Andacht,
es offenbart sich in ihren Zügen auch ein hoher Schönheitssinn,
und sie ist meinem Gefühl nach die edelste Ausgestaltung dieser
Kunstidee, welche die germanische Kunst der romanischen gegen-
über aufzuweisen hat. In der Behandlung des Haars findet
sich hier bei dem der Frauen mehr eine sehr feine Angabe der
einzelnen Haare. Bei dem der Männer, welche meist einen sehr
vollen, auf die Schultern fallenden Haarwuchs haben, ist die
Behandlung zwar etwas freier und höchst meisterlich und weich,
jedoch nicht von der Breite, wie bei Jan van Eyck. Die Hände
der idealischen Personen sind hier breiter, die Finger von natur-
gemäßer Länge und minder zugespitzt. Das Fleisch ist im Mittel-
ton röthlich- bräunlich, in den Schatten von einem Braun,
welches ebenfalls mehr gegen das Roth zieht und den Schatten-
tvn des Jan van Eyck an Wärme, Tiefe und Klarheit über-
trifft. Endlich sind die Formen minder scharf begränzt, als bei
Jan van Eyck, die Pinselführung in den Einzelheiten weniger
verschmolzen, sondern in ihren sehr geistreichen Zügen mehr zu
verfolgen. Nach Feststellung dieser Unterscheidungszeichen halte
ich Ada», und Eva, welche ich im vorigen Jahre zuerst zu
Gesicht bekommen habe, von der Hand des Hubert vau Eyck.
Hier wo die Ausgabe war, Vater und Mutter des ganzen
Menschengeschlechtes darzustellen, kam es deni Meister darauf
an, einen Mann und eine Frau, wie sie leiben und leben, in
allen Einzeluheiteu mit der größten Treue wieder zu geben,
und wir finden daher zwei Modelle, und zwar, zumal das der
Eva, keineswegs schöne, in allen Theilen bis auf die einzelnen
Haare an Brust und Beineu des Adam, und die in der
Gegend der Geschlechtstheile beider in der naivsten Weise und
mit der ganzen plastischen Wahrheit, welche den Eycks eigen-
thümlich ist, nachgeahmt. Es sind ohne Zweifel die ältesten so ;
durchgebildeten Modellakte, welche die Kunst des Mittelalters
hervvrgebracht hat. Der Kopf der Eva ist im Ausdruck auch
nicht über den des Modells hiuausgegangeu, in dem sehr ge-
rötheteu Gesichte des Adam hat der Künstler aber sehr gut die
Gewissensangst ausgedrückt, welche ihn bei dem Antrag der
Eva, von der verbotenen Frucht zu essen, anwandelt. DieSibyllen
auf den Rückseiten dieser Flügel sind, wie schon de Bast, zu der
Uebersetzung meines Aufsatzes über diesen Altar im Kunstblatt,
richtig bemerkt, ungleich geringer und sicher nicht von einem der
van Eyck, obwohl ich keine so große Uebereinstimmung derselben
mit dem einzigen beglaubigten Werke des Jan van der Meere
in derselben Kirche von St. Bavo finden kann, um sie gerade
diesem beizumessen. Von derselben Hand scheint mir auch der
gegen den großartigen und geistreichen Micha so sehr abfal-
lende Prophet Zacharias, welcher über dem verkündigenden
Engel vorhanden ist, herzurühren. !

Um das Verhältniß des Hubert van Eyck als Künstler zu
seinem Bruder Jan richtig zu beurtheilen, ist alsdann noch zu
erwägen, daß nach dem übereinstimmenden Zeugniß der bekann-
ten Inschrift,1 welche sich auf den im königlichen Museum zu
Berlin befindlichen Flügeln des Genier Altars vorfindet, des
Varnewyck,2 und des Lucas de Heere,3 Hubert van Eyck es
war, welcher das Werk allein angefangen, und bei welchem
es von dem Judocus Vyds bestellt worden war. Die ganze
großartige Komposition rührt daher mit Sicherheit von Hubert
her, ja für die inneren Seiten, womit er offenbar begonnen,
mußte er, wenn auch nicht Kartons, doch ausgeführte Zeich-
nungen gemacht haben, nach welchen sich Jan bei der großen
Pietät, ivelche sich in der obigen Inschrift gegen seinen Bruder
ausspricht, zuverlässig gerichtet haben wird, daher denn auch
in den singenden Engeln, in den gerechten Richtern, den Strei-
tern Christi und dem größten Theil der Anbetung des Lamms,
sich noch nichts von jenen willkürlichen und geknifften Brüchen
der Falten findet, wie wir sie auf den Bildern der Außenseiten
antreffen, wo weniger bestimmte Vorzeichnungen des Bruders
ihm einen freieren Spielraum lassen mochten. Ueberhaupt hat
Jan offenbar seine ganze Kraft anfgeboten, um es feinem Bru-
der, gegen den er sich, aus voller Ueberzeugung und meines
Erachtens auch mit vollem Recht, als den zweiten in der
Kunst nennt (worin sich indeß doch immer das Selbstgefühl
seines hohen Werths deutlich genug ausspricht), wo möglich
gleich zu thuu, denn unter der ansehnlichen Zahl von Jan
allein ausgeführter Werke, welche ich kenne, befindet sich kein
einziges, welches sich an geistiger Tiefe mit den Streitern Christi
und an Schönheitssinn mit den Köpfen des Engels Gabriel, der
die Verkündigung empfangenden Maria oder der beiden Jo-
hannes messen kann. Da der Tod des Hubert van Eyck auf
deu 18. September 1426 fällt, und der Altar, wie aus dem
Chronoftichou der obigen Aufschrift erhellt, erst 1432 den 6. Mai,
als am Tage des Festes des h. Johannes im Lateran, ausgestellt
wurde, so hat Jan van Eyck noch fünf Jahr und acht Monat
zur Vollendung gebraucht, welche allerdings für den Antheil,
den ich ihm oben beimesse, eine sehr lange Zeit seyn würde.
Indeß erlitt seine Arbeit daran durch seine Reise nach Portugal,
welche vom 8. Oktober 1428 bis zu Ende von 1429 dauerte,
eine lange Unterbrechung, und sicher mußte er, wie das allen
sehr gesuchten Künstlern geht, zwischendurch noch manchem Auf-
träge von mäßigerem Umfang genügen.

Von allen mir bekannten Bildern der Eyckischen Schule
kann ich nach der oben gegebenen Charakteristik des Hubert
vau Eyck nur ein einziges, dieses aber auch mit großer Sicher-
heit dem Hubert van Eyck beimessen. Dieses ist der C olantvuio
del Fiore genannte heilige Hieronymus im Museum zu Neapel,
welcher sich früher in der Kirche St. Lorenzv daselbst befunden
hat. Da mir gleich beim ersten Anblick die große Uebereinstim-
mung mit dem Genter Altar auffiel, wurde auf meinen Wunsch
das Bild abgenommen und von mir ganz in der Nähe genau
untersucht. Der ehrwürdige Kopf erinnert lebhaft an die Ein-
siedler, auch die Hände sind von ähnlicher Form, das braune
Gewand mahnt in den edlen und breiten Motiven an das des
Gott Vaters. Am überraschendsten aber ist der tiefe, röthlich-
braune Fleischtou und die ganze Weise der Behandlung bis zu

* Pictor Hubertus e liyck, major quo nemo reperlus
Incepit; pondusque Johannes arte secnndus
Frater perfecit, Judoci Vyd prece frelus.

VersV seXta Mat Vos CoLLoCat aCta tVerl.

2 .Hubertus van Eyk ... die de Tafel in St. Jans

Kercke eerst begonnen hadde.,‘ De Historie van Belgis 1588.
S. 109. A.

3 „Hy hadde’t werck begonst, also hys was ghewent.“ van
Mander S. 125. A.
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