Morgenblatt für gebildete Stände / Kunstblatt — 29.1848

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Kunstblatt.

U 21.

Literatur.

Geschichte der bildenden Künste bei den
christlichen Völkern, vom Anfang unserer
Zeitrechnung bis zur Gegenwart. Von Gott-
fried Kinkel. Mit 28 auf Stein gravirten Tafeln.
Erste Lieferung. Die altchristliche Kunst. Mit 8 Tafeln.
Bonn, Verlag von Henry und Cohen. 1845. 240 S.

Drei Kunstgeschichten in einem Lustrum, und von der ersten
eben bereits die zweite Anflage: welch günstiges Zeichen für die
Kunst in unserem Jahrzehent! Zwar möchten die ausübenden
Künste und Künstler, Kunstaussteller und Kunstausstellungen
vielleicht nicht sv gar viel auf jene, wie es ihnen scheinen könnte,
eben zunächst den Buchhändlern zu gut kommende Thatsache ge-
ben. Dennoch bedarf es keines Beweises, wie die Kunstübung
von der Kunsterkenntniß, wenn auch mittelbaren, Gewinn zieht.
Da einmal so eine große Kluft zwischen Einst und Jetzt, zwischen
der alten Kunstüberlieferung und der neuen Kunstbedürftigkeit
befestigt, und im Volksbcwußtseyn der das Leben mit der Schön-
heit verbindende Faden so gründlich abgebrochen ist, kann eine
allgemeine und volksmäßige Betheiligung an den Künsten unver-
mittelterweise nicht stattfinden, es muß erst kunstgeschichtlich wieder
angeknüpft werden, ehe künstlerisch und kunstsreundlich ein aus
dem Volksboden erwachsener grüner Zweig erklommen werden
kann. Je allgemeiner nun kunstgeschichtliche Kenntnisse und An-
schauungen verbreitet, je mehr daran die an moderner und
modischer Barbarei abgestumpften Sinne wieder geschärft und
durch gesundes, aus der Vergleichung geschöpftes Urtheil die
Vornrtheile und Geschmacklosigkeiten innerlich überwunden wer-
den, desto mehr wird die junge, selbst an der Vergangenheit
herangebildcte schaffende Kunst sür das öffentliche und häusliche
Leben möglich mid nöthig. Andererseits kann die ausübende
Kunst selber auch unmittelbar nur gewinnen bei einer tüchtigen
kunstgeschichtlicheu Literatur. Je mehr die Künstler durch un-
befangene geschichtliche Erkenntniß das Daseyende vom Dagewe-
senen scheiden, rückwärts und vorwärts blicken lernen, desto
mehr werden sie sich und ihre Werke aus der bisherigen Verein-
samung und durch ihr Eingehen ins gegenwärtige, aber zugleich
zukunftfähige Leben jenes selbst mit von einem argen Bann erlösen.

Ganz gewiß vermag unser vorliegendes Werk auf das kunst-
liebende und kunstübende Volk gleichmäßig solche Wirkung zu
üben. Zwar hat eS keine Zeit gefunden, durch ein Vorwort
seinen Zweck und seine Leser uns näher zu bestimmen. Auch
über sein Verhältniß zu den zwei bedeutenden Vorgängern hat
sich der Herr Vers, in diesem ersten Bande nicht ausgesprochen.
Er springt frischweg nach kurzer Einleitung in seinen mächtigen
Stoff und breitet denselben aufs schönste in ungebrochenem Flusse
vor dem befriedigten Auge aus. Im ganzen Bande nicht eine
Anmerkung, nicht eine Anführung, nicht eine Hinweisung auf
Quellen, Gewährsmänner und Vordermänner. Gewiß, das ist
saubere, das ist des Inhalts selber würdige Arbeit, wie sie nun
allerdings weder vom noch für den eigentlichen deutschen Gelehr-

Sonnabend den 29. April 1848.

ten, nuthin auch Kunstgelehrten zu geschehen Pflegt. Eben nun
aber diese äußere Erscheinung schon zeigt, daß das Werk weniger
neue und eigne Forschungen und Ergebnisse darbieten, auch nicht
zu weitern selbstständigen Nachforschungen anreizen und anleiten,
sondern die bisherige Errungenschaft in anziehender Darstellung
zum Gemeingut der Gebildeten überhaupt und insbesondere zum
belehrenden und erfreuenden Ausgangspunkt für Künstler und
Kunstfreunde machen will. Somit unterscheidet sich diese Kunst-
geschichte schon der Form nach wesentlich von ihren nächsten Vor-
fahren, ohne welche sie allerdings gewiß nicht das Licht der Welt
erblickt hätte.

Während Professor Kugler in seinem nicht bloß dem an-
gehenden Forscher unentbehrlichen Handbuche auf Sammlung,
Sichtung, Begründung und zeitliche und örtliche Einrahmung
der Masse von Thatsache» die Hauptkraft verwandte und so eine
treffliche Universalkarte der Kunstentwickelung entwarf, hat Dr.
Schnaase die treibenden Mächte und Kräfte, die Zusammen-
hänge niit den äußern und Innern Lebenselementen der Kunst-
völker, den Boden und den Geist der Kunstentwickelung universal-
geschichtlich auseinandergelegt. Für „die Laien" zwar hat er
angeblich geschrieben, in Wahrheit aber für Leser, welche so viele
geschichtliche Bildung und so viel künstlerische Anschauung mit-
bringen, daß immer nur ein auserwählter Leserkreis aus der
Laien- und Künstlerwelt die „weitschichtige Unternehmung" mit
ausdauernder Liebe, dafür aber auch mit reichem Gewinne ver-
folgen wird. Für gewöhnliche Leser, vollends für Anfänger bietet
er zu viel und — namentlich durch den Verzicht auf erläuternde
Abbildungen — zu wenig.

Kinkel fügt gleich letztere in trefflicher Auswahl bei; er-
holt nicht so weit wie Schnaase aus, er will nicht so umfassend
sehn wie Kugler, er schneidet zum Voraus ein gut Stück Arbeit
für sich und seine Leser ab, und widmet Raum und Kraft der
ausführlichern, anschaulicher» Beschreibung, worin er denn auch
eine wirkliche Meisterschaft besitzt. Kugler muthet mit seinem
Reichthum, Schnaase mit seiner Tiefe der Fassungs- und Ein-
bildungskraft dem Gedächtnisse und der Phantasie seiner Leser
sehr viel zu; Kinkel führt Kunstzeiten und Kunstwerke in so
fließend-anmnthigcr Weise vor das Auge, läßt sie vor ihm so
anschaulich entstehen und mit solcher Bestimmtheit des llrtheils
würdigen, daß die Lesung des Werkes ein Genuß wird. Neues
an Thatsachcn gibt er nur, wo indessen besonders neue Quellen
sich öffneten, welche die Vorgänger noch nicht in offenem Flusse
fanden; wesentlich Neues in Urtheil und Kennzeichnung nach
Schnaase zu bieten, dürfte auch für noch bedeutendere Kräfte,
als sie unserem reichbegabten Verfasser zu Gebot stehen, vorerst
mehr als eine Kunst sehn. Damit daß wir sagen, ohne das
Schnaase'sche Hauptwerk wäre das Kinkel'sche nicht entstanden,
sey übrigens die Selbstständigkeit unseres Verfassers nicht im
mindesten angezweifelt; daß er selbst gesehen, verglichen, geurtheilt
- und dargestellt, hin und wieder seine Vorläufer dankenswerth
ergänzt habe, lehrt jede Seite.

Im Ganzen aber ist die Eigenthümlichkeit des Werkes mehr
in der Form als im Inhalt. Die meisterliche Darstellung und
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