Morgenblatt für gebildete Stände / Kunstblatt — 29.1848

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Äunstbla 11.

ttr 61

Kunstnachrichten aus Toscana.

Der Streit in Betreff des Cenacolo in Sant' Onofrio
zu Florenz will nicht enden. Schon erwähnte ich bei anderer
Gelegenheit (Kunstblatt 1848, Nr. 4t), daß Professor Giovanni
Rosini in dem Supplementbande seiner Sloria della Pittura
italiana die Frage, wem dieß merkwürdige Fresko zuzuschreiben
sey, nochmals berührte. Scheinbar nimmt er dabei eine neu-
trale Stellung ein, indem er die Ansichten für wie gegen Raf-
fael's Autorschaft anführt; im Grunde aber lauft sein eignes
Urtheil, so versteckt es auch ausgesprochen und dessen gewisser-
maßen nicht Wort haben will, darauf hinaus, daß, der Haupt-
sache nach, das Fresko von der Hand des Neri di Bicci sey
und somit die von dem Herrn Gargani Garganetti bekannt
gemachte Notiz (vgl. Kunstblatt 1847, Nr. 9) sich auf dieß Bild
beziehe, an welchem eine andere Hand in späterer Zeit Verände-
rungen angebracht haben konnte; daß übrigens die Komposition
mit jener des dem Giotto zugeschricbenen Abendmahls im ehe-
maligen Refektorium von Sta. Croce so zu sagen identisch sey
und folglich wenig Geist dazu gehört habe, sie nachzuahmen. —
Es ist natürlich, daß ein solches Urtheil Widerspruch erregen mußte.
Man mag in Betreff der Annahme, daß das Fresko von Raffael
herrühre, denken wie man will (ich selbst gestehe, daß auch nach
wiederholtem Anschauen meine Zweifel nicht völlig geschwunden
sind, obgleich ich nicht die Anmaßung habe, sie dem Urtheil so
vieler geachteten Künstler und Kunstverständigen, die sich zum Theil,
wie die Herren Della Porta und Jesi, jahrelang mit den
Werkendes Urbinaten beschäftigt haben, irgendwie cntgegenstellen
zu wollen); in demselben aber eine Nachahmung Giotto's und ein
Werk ohne Eigenthümlichkeit der Erfindung sehen zu wollen, ist
eine unglaubliche Verirrung. Gegen diese schrieb S. Jesi einen
kurzen Aufsatz in der Gazzetta di Firenze (1848, Nr. 166), und
als Antwort ließ Rosini eine Broschüre erscheinen: 8u> Cena-
colo di 8. Onofrio. Risposla di Gio. Rosini all’ articolo
del Sig. Cav. 8. Jesi (Pisa, 1848; vm und 20 S. gr. 8. mit
4 Kupfern), welche eine nochmalige Replik zur Folge hatte: 8ul
Cenacolo di 8. Onofrio. Risposla di Samuele Jesi all’ opus-
culo del Sig. Cav. Senatore Gio. Rosini (Florenz, 1848; 12 S.
gr. 8.). Und Rosini hat bereits in allen Zeitungen verkündigt,
daß er wiederum antworten werde! Ob Kunstgeschichte und Pu-
blikum bei diesem Hader gewinnen, weiß ich nicht. Wenig oder
gar keine neuen Argumente kommen dabei zum Vorschein. Ro-
sini, der jeden literarischen Streit zu leicht persönlich nimmt und
ungeachtet der Bethcuerungen seiner Mäßigung leidenschaftlich
wird, bleibt bei seiner Behauptung, es sey ein Giotteskes Werk,
weil Judas allein an der vorder» Seite der Tafel sitze; zur Be-
kräftigung dieser Ansicht gibt er die mittlere Gruppe ans dem
Fresko von Sta. Croce, wie die aus dem in S. Onofrio nach
dem kleinen in Paris erschienenen Stich von Zaccheroni, ohne zu
beachten, daß die große Verschiedenheit der Kompositionen gegen
seine eignen Worte streitet und daß jener Stich von einer so lächer-
lichen Ungcnauigkeit ist, daß er im Traum gemacht scheint und
ein Kunsthistoriker, der doch das Original kennt, sich billig schämen

Donnerstag den 14. Dezember 1848.

sollte, ihn als Beweis zu reproduzircn. Daß viele Künstler und
Kunstkenner sich geirrt haben in der Bestimmung des Autors
dieses oder jenes Werkes, unterliegt keinem Zweifel; eben so
wenig, daß das Fresko in S. Severo zu Perugia, welches Raffael
in dem nämlichen, als die Entslehungszcit des Cenacolo an-
genommenen Jahre 1505 begann und unvollendet ließ (man
vergl. den so schönen wie treuen Stich, welchen Jos. Keller in
Düsseldorf nach v. Rohden's Zeichnung ausführte), an Freiheit
der Bewegung und Geschick in der Anordnung der großartigen
Massen über unser»! Abendmahl steht. Aber man könnte dabei
immer noch annehmen, daß letzteres früher, und bald nach Raf-
faels Ankunft in Florenz, unter dem vorwaltenden Einflüsse der
Peruginischen Vorbilder entstanden sey, die sich in dem Sposalizio
von 1504 allcrwärts noch stärker kundgeben, das Fresko in S.
Severo aber unter dem Vorwalten der Florentiner Eindrücke, welche
darin nicht minder kenntlich sind. Die Annahme, daß zwei Hände
an dem Cenacolo wahrzunehmen sehen, scheint mir eine durchaus
irrige, und kann durch partielle spätere lleberschmicrung wohl
nicht gerechtfertigt werden.

lieber jenen Neri di Bicci, der Lurch Garganctti's Schrift
so unverhofft zu der Ehre kam, für den Maler einer der schön-
sten Fresken von Florenz ausgegeben zu werden, finden sich in
dem Anhang zum Leben seines Großvaters Lorenzo di Bicci in
der Lemonnier'schen Ausgabe des Vasari (Bd. II. S. 236—262;
Florenz 1846) reichliche Nachrichten, Iwelche hauptsächlich den
handschriftlichen Ricordi dieses Künstlers entlehnt sind, die einst
im Besitz des um die Kunstgeschichte vielverdienten Senators
Carlo Strozzi, jetzt in der Bibliothek der Galerie der Uffizien,
von Bald in ucci im Leben jenes Künstlers, welchen er, wie
Vasari, irrigerweise zum Sohn des Lorenzo macht (Notizie dei
professori del disegno, ed.D.M. Manni, Bd.III. S. 110—121)
oberflächlich benutzt wurden. Wir finden hier eine kolossale, aber
immer mehr ins Handwerkmäßige ansartcnde Thätigkeit, eine
eigentliche Bilderwerkstatt, in welcher mit Hülfe zahlreicher Lehr-
linge und Gesellen, die länger oder kürzer bleiben und zum Theil
ohne Urlaub noch Abschied weglaufen, Gemälde aller Art für den
Haus- und Kirchenbedarf geliefert werden, Madonnenbilder we-
nigstens fünfzig an der Zahl, Verkündigungen, Himmelfahrten,
Kreuzigungen u. s. w. in allen Dimensionen und zu jedem Preise.
Für diese Bottega mußte einmal, im Sommer 1468, der Tischler
Luca Manncci, in Zeit von 8 Tagen 36 hölzerne Tabernakel
liefern! Da wurden auch Gyps- Madonnen und Holz-Krnzifire
ausgemalt, Haus- und Kirchengeräth angestrichen, Wappen und
Schilder geliefert und Bestellungen von Kommissionären und
Bilderbudcn für andere Orte, z. B. für die Mark Ancona an-
genommen. Das beste Werk, welches von diesem fingerfertigen
Maler geblieben, ist ein S. Johann Gnalbert von andern Hei-
ligen umgeben, im Chiostro der jetzt zu andern Zwecken ver-
wandten Kirche S. Pancrazio, vom Jahr 1454. — Ich bemerke
hier, daß die erwähnte Ausgabe des Vasari, deren ich schon bei
auderm Anlaß gedachte (vergl. Kunstblatt 1848, Nr. 30), vor-
wärts schreitet und immer mehr durch Kritik und Vollständigkeit
der Angaben befriedigt. Zwei Bände, der dritte und vierte, sind
Reumont: Kunstnachrichten aus Toscana.
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