Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 23.1888

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Marcel Dieulafoy's Ausgrabungen in Persien.

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christliche Jdeen verkörpern mußte. Für profcme
Schilderungen in der Art der Minnelieder besoß der
Jlluminator keine Vorlagen, welche Auge uud Haud
keiteten. Hier war er auf seine eigene Kraft ange-
wieseiy mußte fast ausschließlich aus seiner persönlichen
Phantasie schöpfen. Daher stammt das Ilngeleuke und
Unzureichende der Ausführung. Es wäre eine lohneude
Aufgabe für die Forschung, einmal die profanen Bilder-
handschriften des späteren Mittelalters im Zusamnien-
hange zu betrachteu und ihr Verhältnis zu den kirch-
lichen mit Miniatureu gezierten Handschriften zu
Prüfen. Man würde gewiß finden, daß die Maler
in den ersteren gleichsam wieder in die Anfänge ihrer
Kunst zurückversetzt wurden und die richtige künst-
lerische Sprache, den wahren Ausdruck nur langsam
und allmählich erlernten. Man würde wahrscheinlich
auch entdeckeu, daß der Bilderschmuck derselben anderen
Kreisen entstammt als die Miuiaturen der Psalter,
der Evangeliarien und der anderen streng kirchlichen
Handschriften. A. Springer.

Marcel Dieulafoy's Ausgrabungen in persien.

Die persische Kunst ist seit dem achtzehnten Jahr-
hundert zu wiederholten Malen der Gegenstand eifriger
Nachforschung gewesen. Chardin, Niebnhr, Ker-Porter,
Texier, Flandin, Coste und Fergusson erwarben sich auf
diescm Gebiete namhafte Verdienste. Auch in jüngster
Zeit hat der Eifer nicht nachgelassen, namentlich galt
er der persepolitanischen Trümmerstätte. Vor etwa
zehn Jahren erfolgten umfassende photographische
Aufnahmen im Auftrage des Deutschen Reiches; sie
erschienen 1882 in zwei großen Bänden. Seit 1881
endlich hat Marcel Dienlafoy die Kunst der Achä-
meniden von neuem untersucht und auf wiederholten
Reisen nach Persien seine Studien auch auf die Denk-
mäler vou Susa ausgedehnt. Die Resultate dieser
Bemühungen liegen nahezu vollständig vor in vier
Foliobänden unter dem Titel: lüart antigus äs 1u
?srss sParis, Vs. Norsl L Ois., Oss §osser L 6is,
Kueessssrirs) und in einigen Aufsäßen, welche die
Hsvris ^.rsllsoloZigus und die 6ls.2skts äss lisau.x-s.rts
veröffentlicht hat. Wir behalten es uns vor, in der
„Zeitschrift" auf einzelne der von dem französischen
Forscher aufgeworfenen Fragen des näheren einzu-
gehen; denn die Schlüsse, welche er aus dem ver-
gleichenden Studium der wiedergewonnenen Monu-
mente folgerte, und seine Ansichten über die Anfäuge
der griechischen Stilfornien crheischen jedenfalls eine
svrgfältige Nachprüfung. Auffällig ist es, daß die
unzweifelhaften Thatsachen, welche Dieulafoy der
Kunst und Wissenschaft darbietet, in der deutschen
Fachpresse selbst nicht die gebührende Berücksichtigung
gefunden haben. Wir machen an dieser Stelle auf

die bemerkenswerten Resultate der Ausgrabungen in
Susa aufmerksam.

Die Engländer Williams und Loftus waren die
ersten, welche die Ruinen von Susa auf die Trümnier
eines Palastes hin untersuchten, den Artaxerxes Mue-
mon (402—362 v. Chr.) errichtet hatte. Aber sie
gelangten nicht weiter als zu der Bestimmung des
Palastes ganz im allgemeinen, nnd nur weuig förderten
sie zu Tage: ein paar Jnschriften und geringfügige
Dekorationsteile.

Erst Dieulafoy war so glücklich, den wahren
Eingang des Palastes zu entdecken, und zwar gerade
dort, wo ihn die beiden englischen Reisenden nicht
vermutet hatten. Der Eingang, zu dem mächtige
Treppenanlagen führten, wnrde von zwci Pylonen
gebildet, welche ein breiter Ziegelfries ziert mit der
Darstellung von weiß-gelb und grün bemalten Löwen
auf tnrkisblauem Grnnd. Der ganze Bau erhob
sich auf einer großen 26 Meter hohen Plattform und
wurde auf drei Seiten von Mauern umschlossen.
Dicht bei den Pylonen stieß man gleichfalls auf be-
malte uud emaillirte Ziegel. Es gelang, aus den
Fragmenten einzelne Gestalten schreitender Krieger
von anderthalb Meter Höhe zusammenzusetzen, zwölf
wurden rekonstruirt und bilden nächst dem erwähnten
Löwenfries die wertvollsten Fundstücke aus Susa. Es
siud medische Bogenschützen in reicher Gewandung mit
Köcher, Bogen und Speer, den sie wie präseutirend
vor sich halten, der eine wie der andere in strenger
Regelmäßigkeit. Aber wie ist es zu erklären, daß der
Nnterban des Palastes sie barg? Zudem, ist der
Archaismus ihrer Erscheinung nicht minder auffällig?
Offenbar gehörten sie gar nicht zu dem Palaste des
Artaxerxes Mnemon, sondern rühren von einem älteren
Baue her. Diese Konjektnr fand eine feste Stütze in
der Jnschrift im Thronsaal (Apadana), welche dieser
Fürst errichtete, und die uns berichtet, daß er die Stelle
eines unter Artaxerxes Makrocheir, dem Großvater
des Arataxerxes Mnemon, vom Feuer zerstörten Saales
des Darius einnahm. So erklärt es sich, wie uns
dies vorzügliche Werk persischer Ziegelmalerei in den
Substruktionen des späteren Palastes erhalten werden
konnte, ganz ebenso wie archaische Bildwerke, welche
letzthin auf der Akropolis zu Tage gefördert wnrden,
dem Athenatempel angehörten, Ivelchen die Perser
einst zerstört hatten. Übrigens hat Dieulafoy an
gleicher Stätte eine dreisprachige Jnschrift gefunden,
welche den Namen des Darins trägt. Noch andere
Werke der persischen Kunst um 500 v. Chr. sind ent-
deckt worden, während sich in der Anlage des
Mnemonpalastes gewisse Besouderheiten bemerkbar
machen, deren genane Darlegung uns Dieulafoy
hosfentlich im fünften Bande feines großen Werkes
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