Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 23.1888

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Ein Farbenholzschnitt nach der heiligen Justina von Moretto im Belvedere zu Wien.

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(Iss borstllss äs 8nss) geben wird. Ein paar Daten
sind geeignet, unsere Vorstellung von der Pracht und
Größe des Palastes zu verdeutlichen. Er bedeckte
mehr als 100 Hektaren und muß eine gewaltige Höhe,
wie die persepolitanischen Werke, gehabt haben, denn
die Säulen, deren Durchmesser anderthalb Meter be-
trug, ragten 19 Meter empor; ihre phantastischen
Kapitelle ähneln denen, die wir aus den Funden von
Persepolis kennen: sie zeigten Tierleiber und trugen
leichtes Holzgebälk; ihre Basen erinneru an ionische
Bildungen. Die Thore waren von Holz und, wie in
Balawat, nnr einsacher, mit Metall bekleidet. Reiche
emaillirte Ziegelfriese schmückten die Wünde.

Auffällig erinnern gewisse Formen an die bei
den ionischen Griechen übliche Behandlung. Dieula-
foy legt auf sie großen Wert; im dritten Teile seines
Werkes, der von der persepolitanischen Bildnerei nm-
ständlich handelt, hat er einen Vorgeschmack seiner
Art, wie er das Verhältnis zu der Kunst der ionischen
Griechen auffaßt, gegeben. Aber die Frage nach der
Rückwirkung griechischer Kunst auf Asien, dem sie so
viele formelle Elemente dankt, ist noch zu jung, be-
gegnet noch so manchem gutbegründeteu Zweifel, daß
wir ihrc Erörterung den Archäologen — von denen
bisher nnseres Wissens nur Beundorf in seinem lyki-
schen Werke die Publikation Dienlafoy's eingehender
berücksichtigt hat — nicht dringend genug anempfehlen
können. 1-. 11. L..

Lin Farbenholzschnitt nach der heiligen Iustina
von Moretto inr Belvedere zu lVien.

Hermann Paar, den man unbedingt nnter die
strebsamsten und begabtesteu Wiener Tylographen
zählen kann, hat soeben mit kaiserlicher Unterstützung
eineArbeit vollendet, welche als köstlicheFrucht vieljähri-
gen, unermüdlichen Fleißes bezeichnet und gerühmt wer-
den mnß. Es handelt sich um die xylographische Nach-
bildnng einer Perle der Belvederegalerie, der heiligen
Justina von Moretto, eines Werkes von feinster Em-
pfinduug und gediegenster malerischer Ausführung.
Das mit lebensgroßen Figuren ausgestattete Gemülde,
obgleich kein eigentliches Andachtsbild, ruft doch bei
dem verständnisinnigen Beschaner eine weihevolle
Stimmung hervor, und wer einmal das milde Antlitz
der Heiligen genauer betrachtet hat, der wird den un-
säglich sanften, schwermiitigcn Ausdrnck desselben nie
mehr vergessen.

Da das Bild allgemein bekannt ist, können wir
auf eine genaue Beschreibnng der Komposition hier
wohl verzichten. Was nun die technische Ausfüh-
rnng des Farbenholzschnitts betrisft, so ist es Paar
im hohen Grade gelungen, die Stimmung des Bildes
wiederzugeben. Als ein besonderer Fortschritt mnß zu-

nächst hervorgehoben werden, daß es der reproduzirende
5?üustler zu stande gebracht hat, das vielfach störende
Element der Striche möglichst zu vermeiden, jener
Striche, ohne welche ein Farbenholzschnitt bisher un-
denkbar war. Man bemerkt kanm mehr die Textur
der Druckplatten, von denen der Küustler zwanzig Stück
znr Herstellung seines Druckes nötig hatte, ja man
kann sagen, daß die öfter hier zu Punkten und dergl.
aufgelösten Striche nicht minder interessant erscheinen,
als die gut angelegten Linien eines Kupferstiches in
Linienmanier, an welchen der Kenner auch ein Jnter-
esse nimmt. Wenn man Paars Arbeit nicht in zu
großer Nähe betrachtet, so zeigen die Töue eine vollen-
dete Harmonie, Tiefe und Transparenzj wie es ihm
denn überhaupt gelungen ist, den Charakter des Ori-
ginals treu wiederzugeben, immer vor Augen gehalten,
daß man es mit einem Holzschnitt zu thun hat. Der
Ausdruck der Köpfe ist bei großer Feinheit doch nicht
geziert oder geleckt. Wenn sich auch noch hin und
wieder eine unbedeutende Härte findet, so wird
dieser Übelstaud leicht beim Druck der Auflage
gehoben werden können. Übrigens ist der (in die-
sem Falle von der k. k. Staatsdruckerei trefflich aus-
geführte) Drnck eines solchen farbigen Holzschnittes
keine leichte Aufgabe; man bedenke, daß zwanzig
schwere Holzplatten nach und nach auf das Pa-
pier gelegt werden müssen, wodurch letzteres doch
gewiß nach und nach etwas größer werden wird.
Ferner ist zn bedenken, daß vom Drucke einer Farbe
zur andern oft 8—lO Tage gewartet werden muß, wegeu
der Notwendigkeit des Austrocknens der Farben. Es
gehört eine bedeutende Erfahrung zu der Wahl der
gehörigen Aufeinanderfolge der Farbtöne.

Nicht minder als der Lylograph mnß daher der
Drucker anerkannt werden, der ja doch kein Künstler
ist uud dem die Farben mehr oder weniger fremd
sind; beispielsweise ein feines Violettgrau oder Grün-
gran rc. zu stark genommen, d. h. zu saftig auf die
Platte aufgetragen, kann die Farbenwirkung sehr er-
heblich stören, ganz abgesehen davon, daß die blauen
und roten Töne nicht um eine Schwingung tiefer oder
heller sein dürfen, als der Künstler will. Übrigeus
muß bemerkt werden, daß es doch besser gewesen wäre,
wenn man Paar nicht dazu bewogen hätte, gerade
ein venezianisches Werk zu seiner Reproduktion zu
wählen; ein Dürer oder Cranach, auch ein älterer
Niederländer, würden günstigere Vorbilder abgegeben
haben.

Ilnd nun wünschen wir dem Herrn Paar, daß
sein vieljähriger angestrengter Fleiß durch Würdi-
gung von berufener Seite diejenige volle Anerkennung
finde, die er so sehr verdient, und wollen nur noch
besonders hervorheben, daß das fragliche Blatt durch
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