Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 23.1888

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Neue Anküufe in Antwerpcn nnd Brnssel.

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Sittenbilder vonA. Rotta, Noü Bordignon, Ettore
Tito, Pio Joris, Bedini.

So läßt die reiche Schau, die uns im Wiener
Künstlerhause bereitet wird, lediglich die den bekannten
politischen Gründen zum Opser gefallene Mitwirkung
der Franzosen schmerzlich vermissen, eben weil ihr
Geist vernehmbar durch fast alle Räume schreitet, und
ihr Einfluß sich nach wie vor als wichtigstes Ferment
der internationalen Kunstbewegung erweist. Jndes
scheinen uunmehr, nachdem der erste klsin-nir-Rummel
vorüber — der ja die selbstündige Entwickelung des
deutschen Realstils nur befruchtet, nicht in neue Bahnen
lenkt — auch die übrigen Kunstvölker bei allem Lern-
cifer sich wieder kräftiger auf ihre nationale Eigen-
art besinnen zu wollen, und so ist es, fehlt auch die
Primgeige, noch immer ein sehr gut besetztes „euro-
päisches Konzert", das sich im Wiener Künstlerhause
zusamniengefunden. Nobert Stiassny.

Neue Ankäufe iu Autwerpen und Brüssel.
vcm A. Brodius.

Jn der letzten Zeit berichteten mehrere Zeitungen
allerlei Unheimliches über die letzten Erwerbungen
der Antwerpener und Brüsseler Galerien. Uugeheure
Summen seien für lauter falsche Bilder angewendet,
ja sogar sei in Antwerpen von den erworbenen Rem-
brandt, Hals, Rnisdael, van Dyck u. s. w.
kein einziger echt. Endlich habe ich diese Bilder selbst
gesehen. Glücklicherweise sind obige Gerüchte wenig-
stens teilweise falsch, teilweise übertrieben.

Betrachten wir zunächst einige der in Antwer-
pcn erworbenen Gemälde!

Der Rembrandt, ein schönes, großes, stattliches
männliches Porträt, echt wie Gold, stammt aus der
Dudley-Sammlung in Londou. 200 000 Francs ist
viel Geld, aber solche unzweifelhaft echte Gemälde
schönster Qualität des großen Meisters kommen nur
selteu mehr im Handel vor. Das Bild wird in Bode's
Studicn S. 586 (als uoch in Dudleyhouse, London,
befindlich) beschrieben, und zwar als das des Predigers
Eleazar Swalmius. Es ist bezeichnet: Usmlmsmät
k. 1637. Der Geistliche sitzt nach rechts in einem
Stuhl, die rechte Hand wie lehrend aufgehoben. Der
Kopf ist Herrlich, voll Charakter. Gewiß war der
Dargestellte ein fröhlicher, geistreicher, lebensfroher
alter Herr. Das Bild ist leider durch einen dicken,
englischen, gelblichen Firnis etwas dunkel und un-
durchsichtig geworden und würde durch eine vorsichtige
Reinigung nur gewinnen.

Der jnnge Mann von Hals, gleichfalls von un-
bestreitbarer Echtheit, ist das Pendaut der ihm eine
Blume reichenden jnngen Frau bei Baron G. von
Rothschild iu Paris. Schade, daß sie getrennt sind!

Vergeblich schaut der jovial dreinblickende jugendliche
Ehemann nach dem verschwundenen Bildnis seiner jun-
gen Gattin aus. Offenbar ist das Bild in den ersten
Tagen des Eheglückes gemalt. Der Ausdruck des
Kopfes ist vorzüglich, die Malerei der Hand virtuos,
breit, kräftig. Die etwas rötliche, einfarbige Karna-
tion des Gesichtes läßt mich fragen, ob dieses viel-
leicht etwas scharf geputzt ist? Mit 80000 Francs
ist das Bild nicht gerade billig bezahlt.

Der van Dyck (?), ein männliches Porträt (Nr.
696), ist freilich eine schlimme Acqnisition. Wir ha-
ben hier wohl eine alte Kopie vor uns, die sich dazu
noch nicht einmal in gutem Zustande befindet. 21000
Francs dafür ist entschieden zu viel.

„Jupiter und Antiope" von Rubens ist zwar
weder ein angenehmes noch ein sehr bedeutendes Werk
des Meisters, aber durch die echte Bezeichnung ?.
RV8ÜA8 l? 1614 besonders wichtig für das Studium
des Künstlers, der dieses Gemälde noch ganz allein,
ohne Schülerhilfe gemalt hat. Jnsofern hat der An-
kauf desselben große Berechtigung. 100000 Francs
dafür zu zahlen, war vielleicht nur der Stadt Ant-
werpen erlaubt.

Wenn man mit dem „falschen" Ruisdael die
Nr. 679, eine sehr schwache Marine, meint, hat man
vollständig recht. Das Bild ist zweifellos von der
Hand des Amsterdamer Marinemalers Claes Claesz
Wou, thätig um 1620—1650. Die einzigen ösfent-
lichen Sammlnngen, die mehrere bezeichnete Marinen
von ihm aufweisen, sind das Museum vou Emden
und die Galerie von Stockholm. Jm Knnsthandel
sieht man sie östers. Meist sind sie nur 0. 0. 1-V.
bezeichnet, und kennbar an einförmigeu ungeheuren,
hochanfgehenden Wellen und an der schwärzlichen un-
angenehmen Farbe, sowie an dem eigentümlichen
schmalen, länglichen Format. Jn Auktiouen bringen
solche Bilder so zwischen 20 nnd 50 Mark.

Ein sehr hübsches Knabenporträt, welches als
Philips de Koninck gekanft wurde, ist wohl kaum
von diesem Meister. Die Malerei ist sehr pastos,
farbig; das Bild erinnerte mich an die guten späteren
Porträts des Albert Cuyp.

Ein Damenporträt (Nr. 662), welches als D.
Myteus gekauft wurde, scheint mir eher ein guter
Peter Lely zu sein.

Nr. 692 ist ein vorzüglicher I. M. Molenaer,
ein Fest auf dem Lande, wobei mit dem Pfeil und
Bogen nach einer hohen Stange geschossen wird. Das
figurenreiche Bild ist vortresflich erhalten, und aus
der mittleren Zeit des Meisters, um 1645 gemalt.
Es war in den schlecht erleuchteten Ränmen des Ant-
werpener Mnseums zu finster, um eine Bezeichnung
auffiudeu zn können.
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