Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 23.1888

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Todesfälle. — Preisverteilungen. — Personalnachrichten. — Vermischte Nachrichten.

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I1V8 AN8V68 cl'^tlisiiss. ^onillss lls 1'^.oropols. g'sxts
ässorixtik üs 'l'd. 8oxlrulis. 4 . ^.tbsnss, Lnrl tsUI-
bsrs. §ros. 7.L0.

Bald scheint es, als sollten wir die attische Kunst vor
den Perserkrieaen besser kennen lernen, als diejenige iin
Zeitalter des Perikles. Zahlreich haben die Ausarabnngcn
der letzten Jahre auf der Akropolis archaische Merke znm
Vorschein gebracht; die zweite Liefernng der „Lussss
ä'^.tbsnss" vereinigt in vortrefflichen Lichtdrucken eine Aus-
wahl der vorzüglichsten Fundstücke. Th. Sophnlis hat die
acht Tafeln mit knrzen Bemerknngen begleitet; sie liegcn in
ariechischer, deutscher, französischer und englischer Sprachs
bei. Besonderes Jnteressc beansprucht eine im Jahre 1886
gefnndene Athenestatue mit noch deutlichem Anklang an die
alten Zioana. Die Gestalt ist in einen enganliegenden Chiton
gehüllt und trägt ein kurzes Himation. Die lebhaft bemalte
Statue gehört der letzten Epoche des archaischen Stiles an.
Ein Meisterwerk archaischer Kunst ist ein 1882 gefundener
Athenekopf; erwähnt seien noch die Statnc eines Moscho-
phoros und zwei gut erhaltene Bronzeköpfe (eines Jünglings
1882 und eines bärtigen Mannes 1886). Die verdienstliche
Sammlnng wird den Archäolvgen und Freunden klassischer
Kunst willkommen sein.

— er. Nntcr dcn Bildcrhandschristcn der Heidelbcrgcr
Bibliothck nimmt das 8nors.msnts,iium kstsrskg.ussu
aus dcm zehnten Jahrhundert eine hcrvorragende Stelle ein.
Dasselbe hat dnrch Ä. Vvn Öchelhäuser lüngst eine ein-
gehende Würdigung erfahren. Öchelhäuser geht mit dem
Plane um, die Miniaturen der Universitätsbibliothek kritisch
zu beschreiben. Den ersten Teil dieser Beschreibung (Heidel-
derg bei Köster 1887) widmet er vorwiegeno dem Sacramen-
tarium. Der ausfiihrliche Text wird von einer Reihe von
Jllustrationen in Farbendrnck und Lichtdruck begleitet, welche
dazn beitragen werden, die Aufmerksamkeit weiterer Kreise
auf diese noch immer nicht hinreichend bekannte Schöpfung
der ältesten deutschen Malerei zu lenken.

—sr. Handschristcnkatalog dcr Bambcrgcr Bibliothck.
Von dem unermüdlichen Bibliothekar der Bamberger Biblio-
thekvr. F. Leitschuh ist jüngst der zwcite Band des Hand-
schriftenkataloges der kgt. Bibliothek erschienen. Er enthält dic
Handschriften, welche aus dem Nachlasse Joseph Hellers der
Bibliothek einverleibt wurden. Der Verfasser schickt dem
Kataloge eine mit warmer Liebe geschriebene Würdigung
Joseph Hellers voran, welche namentlich alle Dürerfreunde
interessiren dürfte. Die Kunstgeschichte ist eine zu junge
Wissenschast, als daß sich die Pietät gegcn alte Forscher schon
hätte bei ihr einbürgern können. Um sv dankbarer sind wir
Leitschnh , daß er einen bisher ungebührlich mißachteten und
verkannten Mann wicdcr zu Ehren gebracht hat.

8. Kunstdenkmälcr dcs Kreiscs Konstanz. Jn die
Reihe der deutschen Staaten, welche eine statistische Bcschrei-
bung der in ihrem Gebiete vorhandencn Kunstdenkmäler in
das Lebcn rufen, ist nun auch das Großherzogtum Baden
getreten. Vor uns liegt der erste stattliche Band, welcher
die Kunstdenkmäler des Kreises Konstanz schildert. Man
braucht nur den Namen des Herausgcbers, Professor F. X.
Kraus in Freiburg zu nennen, um die Gewißheit zu ge-
winnen, daß eine aanz vortreffliche Leistung vorliege. Jn
der That darf das Werk als durchaus mustergiltig bezeichnet
werden. Währcnd wir bei anderen Jnventarien nur zu
hüusig auf dilettantische Anklänge stoßen, merken wir hier
auf jeder Seite, daß eine wissenschastliche Kraft ersten Ranges
das Ganze leitet. Kraus hat sich bereits durch die Heraus-
gabc des Elsässer Denkmälerinventars cin großes Verdienst
um die deutsche Kunstgeschichte erworben iind dieses Ver-
dienst durch das vorliegende Werk noch gesteigert. Welche
Bedeutung ihm innewohnt, wird sosort klar, wenn man die
hier behandelten Stttdte, Klöster und Kirchen:.. außer Kon-
stanz noch Reichenau, Petershausen, Salem, Uberlingen u.
s. w. überblickt. Musterhaft wie der Text ist auch die Aus-
stattnng des Buchss. Zahlreiche wohlgelungene Jllustrationen
unterstiitzen für das Äuge wirksam die Bcschreibung. Durch
den von Wallau in Mainz besorgten Druck wird der
mannigfache Charakter, namentlich der Jnschriften, trefflich
hervorgehoben. Auch in dieser Hinsicht thäten ähnliche
Publikationen gnt, stch an das hier geschaffene Vorbild zu
halten. Wir scheidcn von dem Werke, welches einem Auf-
trage der grohherzoglichen Regierung den Ursprung ver-

dankt und einen neuen Beweis sür die Kunstliebe der letz-
teren bietet, nicht nur niit herzlicheni Danke im Namen der
Wissenschaft, sondern auch mit persönlicher Bewunderung
der unverwüstlichen Arbeitskraft des verehrten Herausgebers.
Kaum hat er uns mit der Pnblikation der Manessischen
Bilderhandschrift ersreut nnd während er noch die letzte
Hand an das Elsässer Jnventar legt, tritt er mit einer
Leistung auf, welche jeden anderen Forscher sehr lange und
ausschließlich bcschäftigt hätte. Und dabei stets die gleiche
Frische, die gleichc Gediegenheit.

Todesfälle.

D Dcr französischc Tiermalcr Ioseph Palizzi ist am
1. Januar in Paris gestorben. Jm Jahre 1818 zn Lan-
ciano in den Äbruzzen geboren, konnte er sich erst 1836
dem Kunststndiiim widnien. 1844 begab er sich nach Paris,
wo er Schüler Troyons wurde. Er behielt in Paris seinen
Wohnsitz und beschickie die Salvns fast regelmäßig mit Land-
schasten, in welchcn Tierfiguren. bisweilen in humvristischer
Auffassung, die Hauptrolle spielten.

j)reisverteilungen.

- Dic Jury für das Mozart-Denkmal in Wicn hat nach
zweitägiger Bcratnng ihr Urteil über die eingereichten
Skizzen gefällt. Der erste Preis wurde mit elf Stimmen
gegen eine der Skizzs „Polymnia". der zweite Preis ein-
stimmig dem Projekte mit dem Motto „Der kleinste Raum
qenügt, Unsterbliches zu fassen" zuerkannt. Der dritte
Preis konnte erst nach wiederholtem Wahlgange der Skizze
„Jdomeneo" znerkannt werden, und die Jury hattc dabei
die Projekte „Mozart ist die Musik selbst" und „Marmor
und Bronze" mit in Betracht gezogen. Die Eroffnung der
Konverts crgab als die Urheber der besteu Skizzen: erster
Preis „Polymnia" Anton P. Wagner, zweiter Preis „Der
kleinste Ranm rc." Professor Rudolph Weyr, dritter Preis
„Jdomeneo" Franz Rathausky, sämtlich in Wien. Die
s Jury empfiehlt dem Mozart-Denkmalkomits die Ausführung
der mit dem ersten Preise gekrönten Skizze mit den Modi-
fikationen, daß die Verbindung des Monuments mit dem
Gebäude gelvst nnd der Sockcl des ganzen Monuments
niedriger gemacht wcrde. Als Material soll Laaser Marmor
verwendet werden. Der Urheber des mit dem ersten Preiss
gekrönten Projekts, Anton Wagner (geb. 1834 zu Königin-
hof in Böhmen), ist namentlich durch seine Statue des
„Gänsemädchens" und seinen für das Künstlerhaus ausge-
sührten „Michelanqelo" in Wien vorteilhaft bekannt und hat
mit der sitzenden Statue seines „Mozart" den Hauptteil der
schwierigen Ausgabe recht ansprechend gelöst. Äeniger glück-
lich sind die beiden Seitengruppen, ivelche die religiöse und
die dramatische Musik darstcllen. Sie stehen mit der Haupt-
figur in zu lockerem Verband und bedürfen noch sehr der
verschönernden Abklärnng. Als Platz für das Denkmal ist
die Ringstraße Vvr dem Operntheater auserwählt: nach unserer
Ansicht keine glückliche Entscheidung!

Oersonalnachrichten.

Der Direktor des Kupserstichkabinets vr. Fr. Lippmann
in Berlin hat den Titel Geheimer Regiernngsrat erhalten.

Vermischte Nachrichten.

D Au§ dcn Wiener Atclicrs. Bei Prosessor E. von
Lichtensels sind mehrere Küstenlandschaften im Entstehen.
Ein großes Breitbild zeigt links cin Stück steinigen, wenig
bewachsenen Ufers; rechts ist weit hinaus das Meer sichtbar,
übcr das sich schon die erste Dämmernng legt. Anf der
Küste ruht, soweit auf der kleinen Farbenskizze sichtbar ist,
der Widerschein der Atmosphäre, die in den Höheren Schichten
noch von der Sonne beleuchtet ist. Über dem Meer ist der
Mond sichtbar. Das Ganze geht auf ein Motiv vom
Quarnero zurück. Dem Golf von Neapel hat Lichtenfels
den Gedanken zu einem andcren großen Breitbilde ent-
nommen, das, wie das vorhergehende, erst mit Leimfarbe
untermalt ist. Die Farbenskizze giebt die großartig aufge-
bante Küste in der Stimmung des späten Nachmittags
wieder. Große hell beleuchtete Wolkenmassen geben der
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