Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 23.1888

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Der Bau und die Ausschmückmig des Deutschen Volkstheaters in Wien.

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gewandt hat und daß man ihm auch mit Rücksicht
aus dieses Projekt die Jnitiatide wird überlassen
müssen.

Zur Zeit, wo wir diese Zeilen zum Abschluß
bringen, ist aus der öffentlichen Diskussion noch kein
fester Punkt gewonnen worden, an welchen positive
Vorschläge geknüpft werden könnten. Wir vermeiden
es, an dieser Stelle einen neuen zu machen oder einen
der von anderer Seite gemachten mit neuen Argumen-
ten zu unterstützen, sondern begnügen uns mit einer
allgemeinen Skizzirung der gegenwärtigen Sachlage.
Erst wenn die maßgebenden Jnstanzen gesprochen
haben, wird es ersprießlicher sein, auf dem dann ge-
wonnenen festen Grund Meinung an Meinung zureihen.

Berlin, 30. März. Adolf Nosenberg.

Nachschrift. Währsnd sich der obigs Artiket im Satz
befand, ist eine der darin berührten Hauptfragen, dic Dom-
bauangelegenheit, durch eine an den Kultusministsr gerichtete
Verordnung des Kaisers Friedrich, welche der „Reichsan-
zeiger" am Abende des 31. März veröffentlicht hat, ent-
schieden worden. Das Dekret lautet: „Jch will, daß sofort
die Frage erortert werde, wie durch einen Umbau des gegen-
wärtigen Doms in Berlin ein würdiges, dsr bedeutend an-
gewachsenen Zahl ssiner Gemeindeglieder entsprechendes
Gotteshaus, welches der Haupt- und Residenzstadt zur Zierde
gereicht, geschaffen werden kann. Sie haben hiernach das
Weitere zu veranlassen." Kaiser Friedrich hat also selbst die
Jniiiative ergriffen, und wir dürfen wohl aus seiner Ver-
ordnung schließen, daß er den Dombau als eine besondere
Angelegenheit, unabhängig von der Denkmalsfrage, behandelt
wissen will. Die Redaktion.

Der Bau und die Ausschrnückung des Deutschen
Volkstheaters in Wien.

Wien wird nächstens um zwei Prächtige neue
Theaterbauten reicher sein. Am 2. Oktober dieses
Jahres soll, jüngster Bestimmung nach, die lang er-
wartete Eröffnung des neuen Burgtheaters erfolgen.
Für den Herbst 1889 ist die Vollendung des Dentschen
Volkstheaters in Aussicht genommen, dessen Grund-
mauern auf dem Platze des ehemaligen Weghuber-
gartens eben aus dem Boden steigen. Das Unter-
nehmen ist aus der Jnitiative der besten Schichten
des Wiener Bürgertums hervorgegangen und soll in
erster Linie dem deutschen Volksstück gewidmet sein,
der leichten Operette nnd Posse entgegenarbeiten. Den
Bau leiten unsere beiden berühmten Theaterarchitekten
Helmer und Fellner, und nach allem, was wir
bisher von ihren Plänen gesehen, haben wir in dem
Dentschen Volkstheater eine Schöpfung zu erwarten,
in welcher sich die Ergebnisse langjähriger Erfahrung
nüt vollendeter künstlerischer Meisterschaft zu einem
glücklichen Bunde vereinigen werden.

Es ist ein Theater von mittlerer Größe, das

etwa2000Personen bequemen Ranm giebt. Die Archi-
tekten haben, der modernen Entwickelung des Theater-
baues folgend, welche mit Rücksicht auf die immer
schreckenerregender auftretenden Bründc vor allem
auf leichte Cirkulation des Publikums dringt, eine
amphitheatralische Anordnung des Zuschauer-
raums angestrebt und die steil übereinander empor-
steigenden Rünge gänzlich aufgegeben. Nur unmittel-
bar an die mäßig breite und niedrige Bühne reihen
sich in zwei Stockwerken übereinander zur Rechten
und zur Linken je drei breite Proszeniumslogen an.
Die ganze rückwärtige Partie des Zuschauerraums ist
amphitheatralisch aufgebaut, ebenfalls in zwei Rängen,
so daß in jedem Stockwerk die Sitzreihen in sanfter
Ansteigung sich emporziehen und Jedem nach allen
Seiten hin sreien Ausblick gewähren. Dazu kommt
ein großes Parket und Parterre, deren Disposition
im Wesentlichen den hergebrachten Regeln folgt. Von
den Parketsitzen nnd vom Parterre führen zahlreiche
Thüren direkt in einen breiten Umfassungsgang und
dnrch diesen unmittelbar ins Freie. Die in den oberen
Reihen des Amphitheaters und der Proszeninmslogen
Sitzenden finden ebenfalls durch breite Gänge und
beqnem angelegte Treppen leicht den Austritt, so daß
jedes Gedränge nach Thunlichkeit vermieden bleibt.
Da der Aufbau ein nur zweigeschossiger ist, konnten
Znschanerraum und Bühne verhältnismäßig niedrig
gehalten werden: Was namentlich der in erster Linie
für das gesprochene Drama bestimmten Bühne sehr
zu statten kommen wird. Das Bühnenhaus ragt,
seiner inneren Zweckbestimmung entsprechend, hoch
über den Zuschauerraum empor, aber nicht in der
nnschönen Kastenform, wie wir sie bei manchen mo-
dernen Theatern finden, sondern mit glücklicher Lösung
des Aufbaues und Dachabschlnsses. Anch aus dem
Treppenvorbau und Vestibül haben die Architekten
einen besonderen Gebäudeteil geschaffen, welcher sich
im Äußeren bestimmt und glücklich markirt und in
einem Giebelvorbau seine Fronte sindet. Die Formen
des Äußeren zeigen den Stil einer wirkungsvoll ge-
handhabten Spätrenaissance.

Nicht der geringste Reiz des Ganzeu besteht in
der phantasievoll erdachten Dekoration des Jnneren.
Hier wird jener anmutige Rococostil, wie wir ihn
in den Bauten aus der Zeit des Prinzen Eugen be-
wundern, seine Wiedergeburt feiern. Die Architekten
haben zunächst den ornamentalen Teil dieses reichen
Schmuckes entworfen. Es wird die Sache der aus-
führenden Bildhauer und Maler sein, die spielenden
Formen der Arabesken- nnd Groteskenwelt mit aller-
hand sinnbildlichen Figuren auszustatten und so dem
künstlerischen Schmnck anch einen geistigen Reiz zu
verleihen.
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