Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 23.1888

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Noch ein Wort in Sachen des Städelschen Jnstituts.

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theater stand, in welchem Mozarts Opern ihre
Triumphe feierten. Das Projekt wurde aber aufge-
geben, da der Platz als Kreuzpunkt von sechs Straßen
zu eng ist, und das Standbild nach keiner Richtung
hin einen ruhigen Hintergrund und auch nirgcnds die
richtige Frontansicht gefunden hätte. Dann wurde der
Stadtpark, wo bereits Schubert seinen Ehrenplatz er-
hielt, in Aussicht genommen, und zwar das Plateau
vor dem Kursalon; dagegen wehrt sich jedoch aus
verschiedenen Gründen der Gemeinderat von Wien.
Endlich kam man auf den Einfall, das Monnment
vor das Opernhaus, der Ringstraße zu, aufzustellen,
in direkter Anlehnnng an die Fassade. Leider wurde
diese unglückliche Jdee bei der Konkursausschreibnng
als Norm gegeben, und ein gutes Teil der Ent-
würfe mißglückte in der Rücksichtnahme anf die Fassade,
die in ihrer gesamten Konzeption ein Denkmal vor
sich nicht verträgt, — es sei denn, man setzte es in die
Mitte der Ringstraße. Doch abgesehen von der Platz-
frage (man ist im Angesichte der Modelle nüt der de-
finitiven Entscheidung wieder ins Schwanken gekommen
und hat, wie eben verlautet, den Platz vor der Oper
als unbrauchbar aufgegeben) machen die eingelaufenen
Entwürfe samt und sonders einen nichts weniger als
trostreichen Eindruck.

Wir haben wiederholt auf die eminenten Leistnn-
gen der Wiener Bildhauer als Dekorateure, geführt
von der Hand des Architekten, hingewiesen; auch ihr
Können im kunstgewerblichen Genre bleibe unbestritten:
in den Monnmental-Entwürfen zu Ehren Mozarts
aber haben sie uns arg im Stiche gelassen! Vor
allem suchen wir vergebens nach unserem Mozart,
nach der Gestalt, in der wir seine Zeit und seine Kunst
wiederfänden. Daß eine Mozartgestalt in monnmen-
talem Sinne weit schwieriger zu fassen ist, als die
Beethovens, darüber waltet kein Zweifel; aber je
schwerer das Problem, desto ruhmvoller seine künst-
lerische Lösung. Umsonst spähen wir nach eineni
Quentchen Lenbach in den verschiedenen Auffassnngen
aus. Es begegnen uns rezitierende, singende, tanzende,
dann wieder grollende, melancholisch dreinblickende
Gestalten, aber durchweg in der Pose von mittel-
mäßigen Schauspielern, die uns einen Mozart vor-
schwindeln woüen. Schwanthalers Bild in Salzburg
ist eine recht nüchterne Figur, aber noch immer ist
sie uns lieber, als alle ausgestellten Entwürfe, die
preisgekrönten nicht ausgenommen. Und des Weiteren
die Architektur der Postamente, des Aufbaues w.
Auch darin ist nichts weniger als Monumentales zn
finden. Es sind Modelle von Tafelaufsätzen, Kassetten,
zierlichen Meidinger - Öfen, znmeist mit Allegorien
schwer beladen, die weder im logischen Zusammen-
hange mit der Hauptgestalt stehen, noch an und für

sich etwas Neues nnd zugleich Schönes bieten-
Außer den drei preisgekrönten Modellen verschweigen
uns die Entwürfe die Namen der Urheber; wir
wollen nns daher nicht weiter in die verschiedenen
Motti vertiefen und nur ersteren einige Worte der
Orientirung widmen.

Der erste Preis wurde, wie bereits gemeldet, dem
Bildhauer Anton Wagner zuerkannt. Er sucht das
Denkmal in direkte Verbindnng mit der unteren
Arkade des Opernhauses zu bringen, legt einen breiten
Sockel vor die mittleren Pfeiler und läßt auf einem
würfelförmigen Untersatz Mozart in einem Lehnstuhl
sitzen. Eine denkende, ernste, im allgemeinen recht
gelungene Gestalt, aber kein charakteristisch heiterer,
lebensfroher Mozart. Der gedrückte Gewölbebogen,
über den übrigens der Kopf der Figur hinausragt, lastet
schwer auf der Gruppe. Zur Rechten und Linken anf
dem Sockel und mit den Pfeilern korrespondirend
finden wir zwei allegorische Gruppen: eine weibliche
Gestalt mit einem Löwen (der Löwenmut Mozarts?)
und eine andere mit einer brüllenden Sphinx. (Jst die
Knnst Mozarts uns ein Rätsel?) Das ganze Denk-
mal sieht angeklebt, gedrückt und unscheinbar aus und
würde ein ewiges Unglück vor der Fassade der Oper
bilden. Weyrs Modell, mit dem zweiten Preise ge-
krönt, zeigt uns Mozart auf einem runden, mit Genien
geschmückten Rococo-Pfeiler in etwas affektirt-ge-
spreizter Haltung am Notenpulte stehend: ein gefülliger
Tafelaufsatz, aber kein Monument. Und endlich der
Dritte, Rathausky, ein noch junger Künstler, baut das
Denkmal in Nachahmung des Beethoven-Monnments
auf. Die Seiten des breit ansteigenden Piedestals wer-
den von allegorischen Gestalten flankirt, die sehr hübsch
modellirt sind; oben aber sitzt mit eigentümlichen
Säbelbeinen unser armer Mozart. Der letztere Ent-
wurf hat namentlich im Gesamtaufbau manchen Vor-
zug und zeugt von entschiedenem Talent, welches
freilich noch seiner Ausreifung bedarf.

Jn Anbetracht des Gesagten können wir daher
nur wünschen, daß zuallererst ein passender Platz für
das Denkmal gefunden werde, und daß Wagner
seinen Entwurf demgemäß modifizire. Daß er, einer
der begabtesten der Wiener Bildhauer, seine Aufgabe,
wenn er frei schalten und walten kann, zur Befrie-
digung lösen werde, daran wollen wir nicht zweiseln.

ll. U.

Noch ein N)ort in chachen des Städelschen
Instituts. Z

Als ich im Sommer vorigen Jahres die nieder-
ländische Abteilnng der Galerie des Städelschen Jn-

I) Durch Platzmangel verspätet.

D. Red.
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