Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 23.1888

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Kvrrespondenz.

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1520 ist. — Ercole di Roberto Grcmdi storb bereits
im Jahre 1496, nicht 1513. — Von Francesco
Francia kann man nicht wohl behaupten, er habe sich
der nmbrischen Schule Perugino's genähert (S. 41),
wenn man nicht haltlosen Hypothesen Raum geben
will. Ebenso grundlos wird S. 38 lo Spagna als
Spanier anfgeführt. Dieser Maler war durchans
Umbrer. — Gentile da Fabriano war Schüler des
Allegretto Nuzi, verweilte 1422 in Venedig, 1423
in Florenz, 1425 in Orvieto, u. s. w. (S. 37). —
Auf S. 34 finden wir die beiden sehr verschiedenen
Maler Nasfaellino del Garbo und Raffaellino de'
Capponi als ein und dieselbe Person dargestellt. —
Die Angaben über Filippino Lippi's künstlerische Aus-
bildung auf S. 33 sind dahin zu korrigiren, daß dieser
große Meister der Hanptschüler des Sandro Botti-
celli war. Ilnd was diesen letzteren betrifft, so scheint
mir dessen behauptete Abhängigkeit von den Pollajuoli
und Verrocchio (S. 30) unerweislich. — Von Lorenzo
Lotto ist unlängst bekannt geworden, daß er in Venedig,
nicht in Treviso (S. 97) geboren wurde. Das diesenc
Meister zugeschriebene Bild der Dresdener Galerie,
Nr. 195, im Jahre 1883 von dem englischen Maler
Fairfax Murrah erworben, erweist sich als Kopic, auch
abgesehen vom Vergleich mit dem viel feineren Ori-
ginal bei Lord Ellesmere. Die Formen sind durch-
gehends roh. Am deutlichsten ist das bei der Daumen-
bildung am Hieronhmns links, nnd am Franciscns
rechts. Bei eben diesen beiden ist anch die Bewegnng
der Hände unverstanden. Auch sind die Farben so tief
gestimmt, wie man das bci Originalwerken Lotto's
sonst nie findet. Unerklärlich erscheint mir aber die
Bestimmung des heil. Sebastian Nr. 196 als „Art
der Spätzeit Lotto's" niit Berufung auf dcnselben
englischen „Kenner". Hier war man meines Er-
achtens der Wahrheit am nächsten, als man in den
früheren Katalogen das Bild ein Jahrhundert später
entstehen ließ. Mit vollem Recht hat Direktor Woer-
mann unter den Zusätzen anf S. 823 die Behauptnng
des Prof. Schmarsow beanstandet, die Tochter der
Herodias Nr. 292, bisher immer mit Recht nnr als
Mailänder Schnlbild anfgeführt, sei ein Original von
der Hand des Dosso Dossi, jenes farbenprächtigen
Meisters, von dem keine Galerie der Welt so schöne
und zahlreiche Werke besitzt, wie gerade die Dresdener.

Endlich sei hier noch auf die interessante geschicht-
liche Einleitung hingewiescn, welche in gedrängter
Übersicht die Entstehung und Fortentwickelung der
Dresdener Galerie schildert. Jn der ersten Hälfte
des vorigen Jahrhunderts ist die große Mehrzahl
der alten Bilder zusammengebracht worden. Gelegen-
heiten znm Sammeln von Meisterwerken in bester Er-
haltung und in solchem Umfang, wie sie damals ge-

boten nnd energisch ausgenntzt wurden, gehören frew
lich einer unwiederbringlichen Vergangenheit an. Dessen
werden sich die Direktivnen großer Galerien, welche
sich die Aufgabe gestellt haben, mit der Dresdener
nach dieser Seite zu wetteifern, immer mehr bewnßb

Jean Paul giichter.

Aorrespondenz.

München, Mitte Dezember 1887.

Ukllr. Nur selten ist in dieseni Jahre etwas
ans München zu berichteu. Denn wenn auch in den
Ateliers eine rege Thätigkeit herrscht, so wird doch
wenig mehr ausgestellt, sondern alles für die nächst-
jährige große Ausstellung anfgespart. Das Erscheinen
des lange angekündigten Lenbachwerkes wurde bereits
in der Zeitschrift nach Gebühr gewürdigt. Jch mnß
heute zunächst von Uhde sprechen, der eine kleine
etwas veränderte Wiederholung seiner Bergpredigt
ausstellte, die das erste große Exemplar an Schön-
heit weit überragt. Die Fignren wirken völlig im
Freien stehend, nicht wie im Atelier gemalte Pleinair-
stndicn, und die Landschnft — auf dem großen Bilde
durchaus nnerfreulich — ist hier sachgemäß und von
köstlicher Feinheit. Der Hauptvorzug liegt aber in
der Kleinhcit des Bildes. Es hat seinen Haken mit
der Malerei intimer Bilder in Lebensgröße. Jn Paris
ist es notwendig. Dort malte man von jeher, noch
von den Zeiten der großen Rococomeister her, lebens-
groß und darüber. Wollte eine neue Knnstrichtung
durchdringen, so war sie von vornherein zur näm-
lichen Größe gezwnngen, um nicht iibersehen zu wer-
den; so ging es den Klassicisten nnd den Rvmantikern
bis herab zu den Naturalistcn. Der Salou war und
ist eben das einzige Schlachtfeld, für das man sich in
Frankreich vorbereitet, nnd da muß sich jeder den
natürlichen Gesetzen fügen, die ihni die Größe der
Ränme wie der umgebenden Bilder auferlegt. Das
darf aber fiir uns in Dentschland keine Norm abgeben-
Bei uns ist der lebensgroße Maßstab durchaus kei»
dominirender, im Gegenteil: Bilder mit niehreren
lebensgroßen Fignren gehören in die Galerien, kleinere
in die Wohnräume, in denen man lebt. Gerade Uhde,
der zuerst das kühne Wagnis unternommen hat, das
Christentum in seiner sozialen Bedeutung malerisch
aufznfassen, that daher gut, den intimen Reiz, den eiu
kleineres Bild bietet, nicht aus den Händen zu lassen,
und hat mit seiner kleinen Wiederholung der Berg-
predigt wieder einen in jeder Beziehung glücklichen
Wnrf gethan.

Eine andere nene Erscheinung am Himmel un-
serer Heiligenmalerei ist der junge, üußerst talentvolle
Josef Block, der eine große Leinwand, Christus und
das Weib von Samaria in öder Felsenlandschaft,
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