Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 23.1888

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Nr. 8.

25. Iahrgang.

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1887/88.

Aunstchronik

r

1- Dezember.

Mochenschrift für Runst und Aunstgewerbe.

Ankündigungsblatt des verbandes der deutschen Aunstgewerbevereine.

^erausgeber:

Larl v. Lützow und Arthur j)abst

wien Berlin, V.

Theresianumgaffe 25. Aursiirstenstraße 5.

Lxpedition:

Leixzig: L. A. Seemann, Gartenstr. ;s. Berlin: w. ks. Aühl, Iägerstr. ?2.

Die Aunstchronik erscheint von Dktobcr bis Lndc guni wöchentlich, im guli, August und Sextembcr nur aller 14 Tage und kostet in verbindung
dem Runstgewerbeblatt halbMrlich S Mark, ohne dasselbe ganzjährlich 8 Mark. — Inserate, a 50 pf. für di- dreispaltige peiitzeile,
"°i>Men außer dcr verlagshandlung die Annoncenexpeditioncn von haasenstein L vogler in Leixzlg, wien, Berlin, Münchcn u. s. w. an.

^"halt i vom Lhristmarkt II. — pearson, K., Die jronica^ Gesellschaft für vervielfältigende Aunst; Minghettl's „Rafael". — Louis Gallaitf,

Lharles pilletf. — Oberstudienrat Alaiber; j)rofessor Theodor
— Inserate.

Vom Lhristmarkt.

II.

Jmmer neues bringt daS Leben,
Jmmer neues schafft die Kunst,
Jmmer neue Geister streben
Nach Bewunderung und Gunst.
Laßt uns drum bedachtsam lobeu
Was das Jahr an Früchten beut,
Deun das Echte muß erprobcn
Erst, die alles Prüft, die Zeit.

Unter den vielen Vorboten des heftigen Nerven-
t^bers, welches den frcinzösischen Stacit uin die Wende
^ vorigen Jahrhunderts ergriff, ist der Schrei Jean
^>>>cques Rousseau's nach der Rückkehr zum Nrznstande
Menschheit einer der bemerkenswertesten. Jm
hochsten Raffinenient des Sinnenkults hatte man ja
^ diesem Phantom schon lange getändelt; man liebte
erkünstelten Schäferspiele und idyllischen Zustände
'un des Reizes willen, der im Kontraste liegt, nicht aber
U'eil nian es ernst damit gemeint hätte. Ein solche
^vtzliche geistige und leibliche Hungerkur durchzu-
b>hren, wie sie dem überreizten und entkräfteten Kvrper
8rankreichs anempfohlen wurde, fehlte es vollständig
Energie, und es waren schlechte Ärzte, welche ein
^oiches Mittel für erfolgreich halten konnten. Jn
^lcher Weise dies enge Leben gedacht wurde, das
em nberfeinerten Frankreich nun einmal nicht an-
p^hcn konnte, zeigt am besten Bernardin de Saint
l^ierre's Paul und Virginie, eine poetische Verkörpe-
des Rousseau'schen Gedaukens von der Rückkehr
^vr Natur. Er schuf zwei Jdealfiguren, die zwar im
uche sich recht zart ausnehmen, im wirklichen Leben


aber an der Rauheit des Daseins sehr bald zer-
schellen würden. Die übertrieben skrupulöse Vir-
ginie, welche lieber den Tod wählt, als die geringste
Verletzung der Schamhaftigkeit zuläßt, ist der äußerste
Gegensatz zu deu verderbten Menschen ihrer Zeit. Sie
mußte aber in unseren Tagen, ebenso wie die rühr-

Aus dem Werke: Paul und Virginie, illustr. vou M. Leloir.
(Leipzig, C. F. Amelaugs Verlag.)

seligen Klostergeschichten und Jdyllen, welche in
Deutschland in den zwanziger Jahren unter Thränen
gelesen wurden, fast völlig ungenießbar werden; wäre
nicht in der Erzählung St. Pierre's ein schier un-
vergänglicher poetischer Reiz enthalten, der insbeson-
dere noch auf junge Damen seine Wirkung übt, so
würde heute kaum ein Mensch nach Paul und Vir-
ginie mehr fragen, so wenig wie man jetzt noch
nach Siegwart und Lucinde fragt. — Der neue Jllu-
strator St. Pierre's, der uns auf dem heurigen Weih-
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