Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 23.1888

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Nekrolog. — Sammlungen und Ausstellungen.

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Bildnis, an dem Natnr und Kunst sich gemeinschaftlich be-
teiligt, die allgemeineBeliebtheit, die ihm zu teil wurde.
Wie anmutig-schlicht saß die Jungfrau da und schaute
anmutig-ernst mit ihren großen Augen in die gaffende
Menge, welche sich vor ihr drängte; wie hatte der
Maler es verstanden mit den einfachsten Mitteln aller
Schwierigkeiten gleichsam spielend zu spotten und eine
weißgekleidete Gestalt auf hellem Hintergrund in hell-
stem Sonnenscheine zu malen! Das war kein weib-
liches Porträt aus dem Modejournal, bei dem die
Kleidung alles zu sein Pflegt — nnd doch lag ein
großer Teil des Reizes in der einfachen, ein wenig
phantastischen Tracht; da waltete in der Wiedergabe
des Menschen nnd in der hellen Sonnenbeleuchtung
der größte Realismns — und doch umgab das Ganze
ein warmer Haucls von Jdealismus, der unwidersteh-
lich wirkte. Hell und klar wie das Licht, das die
Gestalt umfloß, traten Geist und Gemüt des holden
Gewächses (um mit Winckelmann zu reden), von der
Frische nnd Schönheit der Jugend unterstützt, dem
Beschauer entgegen. Je schwerer man sich von dem
einzigen Bilde zu trennen pflegte, das bei jedem
Besuche aufs neue anzog, um so freudiger wird man
die große Radirung begriißen, welche vom Maler selbst
herrührt und soeben bei Amsler und Ruthardt (Gebr.
Meder) in Berlin erschienen ist — die erste nnd
einzige Reproduktion des köstlichen Originals.
Der Stich überrascht durch die geistreiche Art, mit
der dic schwierige Aufgabe gelöst wird, nnd stellt sich
völlig ebenbürtig neben das Ölbild, dessen Bekannt-
schast nnd Ruhm er noch mchr verbreiten wird. Mit
den wenigsten Mitteln hat der Künstler auch hier
alles erreicht und die ganze Stnfenleiter der sichtbaren
Empfindungen zur Anschauung gebracht. Wenige
Striche nnd Strichlagen bannen die lichte Erscheinnng
nnd heben charakteristisch und zart Gestalt nnd
Kleidnng, Körper und Kvpf von einander ab. Mit
nnnachahmlicher Sicherheit giebt die Radirnadel die
leisesten Bewegungen des Fleischcs nnd die zahlreichen
Falten der Gewandnng, die blendende Weiße der Haut
und die dunkeln Haare wieder, und in der Wieder-
gabe der Augen wie des Blickes streitet der Knpfer-
stecher Herkomer mit dem Maler Herkomer um den
Preis der Vollendnng. Die herrliche Radirnng ist sortan
in zlvei Abdrncksgattnngen käuflich, nnd zwar sind
150 Künstlerdrncke anf PergamentO) (ä Mk. 215) und
350 Drucke anf japanischem Papier (ä Mk. 130) erschienen.
Sämtliche Drucke sind in England auf des Künstlers
eigener Presse hergestellt, von deniselben eigenhändig

I) Der Preis dessclben wurde im Jnserat der vorigen
Nummer der Kunstchromk fälsch mit Mk. 216. — statt niit
Mk. 21 ö angegeben.

unterzeichnet und von der Printsellers Association in
London abgestempelt. Der vornehme künstlerische
Stich ist ein bleibendes Denkmal und schönes Er-
innerungszcichen, welches die Kunsthandlung Amsler
und Ruthardt der Fubilänmsansstellung und sich selbst
setzt. L. 8.

Nekrolog.

Dcr Geheime Oberbaurat Salzenbcrq ist am 23. Okt>
in Montreux gestorben. Er war am 16. Januar 1883 in
Münster gebvren und anfangs in den Rheinlanden uud
Westfalen thätig, dann seit dem Anfang der dreißiger Jahre
in Berlin, wo er 1837 ein Lehramt am Gewerbeinstitut
antrat. 1847 entsandte ihn der König zur Aufnahine
der Hagia Sophia, und als Frucht dieser Reise er-
schien 1854 das große Werk „Altchristliche Baudenkmale vo»
Konstantinopel vom 5. bis 12. Jahrhundert", welches noch
heute für das Studium der byzantinischen Architektur eine
wertvolle und zuverlässiqe Quelle ist. Nach seiner Nückkehr
wurde er 1848 mit der Bauinspektion zu Hirschberg betraut,
doch folgte schon 1853 seine Ernennung zum Regierungs-
und Baurat in Erfurt, 1857 seine Berujung in das Minü
sterium. Bis 1865 beschäftigten ihn Bauten der Post- und
Telegraphenverwaltung, seit dieser Zeit aber nach Stülers
Tode vorwiegend die Angelegenheiten der kirchlichen Bauten
und Denkmäler. Später gehörte er lbis 1873) dem Direk-
torium der Bauakademie an. Jm Jahr 1862 hat er das
Rathaus zu Münster wiederhergestellt.

Sammlungen und Ausstellungen.

L.. L. Bcrliner Kunstausstcllungen. Wie alljährlich nach
Schluß der akademischen Ausstellüng haben auch in diesein
Herbste die beidcn Berliner Privatsalons, welche mit löb-
lichem Eifer bemüht sind, die Kunstsreunde mit interessanten
Neuigksiten zu versorgen, ihre Pforten geöffnet. Bei Frih
Gurlitt (Behrenstraße 29l steht wie gewöhnlich Arnvld
Böcklin in erster Linie. Doch hat auch Eduard Schulte
(Unter den Linden 4 a) aus Llnlatz des 58. Geburtstages
des Meisters eine kleine Böcklin-Nusstellung veranstaltct,
welche sieben Werke des Künstlers umfaßt. Es sind nicht
Gemälde im eigentlichen Sinne, sondern mehr oder minder
fleißig durchgeführte Studien und Jdeen zu Bildern: dec
Kopf einer Magdalena. der Kopf einer Madonna, die mit
merkwürdig zugespitzten LiPPen dasAntlitz des totenHeilandes
küßt, die Personifikütion dcs Schlafes in Gestalt einer schwe-
bsnden Frau in schwarzem Schleiergewande und mit Mohn-
köpfen in der Haud, eine tragische Muse, die steif wie ein
ägyptisches Göttcrbild anf einem Throne sitzt, ein Triton,
der auf einer Mnschel bläst, ein Triton mit einer Najade
nnd die Brustbilder zweier Frauen, von denen die einc
singt, während die andere sie auf der Mandoline begleitet.
Es sind echte Böcklins, welche freilich den Meister nnr von
der einen Seite, in seiner Bizarrerie und Launenhastigkeit,
charakterisiren. Keines der Bilder hat etwas von der immer
bezanbernden Leuchtkraft der beiden Kardinalfarben Böcklins,
Blau und Grün. Nach dieser Richtung bietct das große Bild
bei Gurlitt, die Dichikunst und die Malerei, ungleich größere
Vorzüge, wenngleich es sich der Meister auch hier nicht ver-
sagen konnte, die Wirkung seines poetischen Gedankens durch
barvcke Formenbildung stark zu beeinträchtigen. Bor einein
Lorbcerhaine erhebt si'ch eine marmorne Brunnenschale, ans
der ein Wasserstrahl emporsteigt. Es soll wohl der Kasta-
lische Quell sein, aus welchem Malerei und Dichtkunst Be-
geisterung trinken. Die ersterc, von einem gelben Flor-
schleier umflossen, steht mit der Palette zur Linken des
Brunnens, die Dichtkunst, welchs in einer Schale Wasser gc-
schöpft hat, znr Nechten. Auch sie ist nur unterwärts nill
einem dünnen, violetten Schleier bekleidet, so daß die FormeN
nur ,.zu sehr sichtbar sind. Jn dcr Verzeichnung, Verzerrung
und llbertreibung der einzelnen Gliedmaßen hat der Malec
so ziemlich alles übertrofsen, was er bisher auf diesem Gc-
biete geleistet hat. Nur in der Behandlung des landschaft-
lichen Hintergrundes offenbart sich der Farbenkünstler, der
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