Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 23.1888

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Kunstlitteratur und Kunsthandel. — Todesfälle.

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mann des Erstgenannten ist ein meisterhaftes'Bild des
schwer und müde Dahinwandernden. Nur kouute ich
bei diesen vortrefflichen Skulpturen nicht den Ge-
danken an ein kleines Genrebild der französischeu
Abteilung los werden: es stellte einen Bildhauer
dar, der behufs Vereinfachung der Arbeit die Statuc
eines jungen Mädchens stückweise über dem lebendeu
Modell abformte. Manche unserer modernen Skülp-
turen machen den Eindruck, als ob sie so eutstanden
wäreu. — Um mit einem Lobe zu fchließen, sei noch
die zierliche Gruppe dreier Engelknaben von Frans
van Havermaet erwähnt, die fröhlich mit zwei
Schriftbändern eiuherstürmen, auf deuen die Jahre
1788 und 1888 geschrieben steheu. Es sollte ein
freundliches Symbol der Ausstellung sein. Weuu nur
die kleinen Burscheu wüßten, wie die Ausstelluug aus-
gefallen ist, sie würden weniger siegesbewußt aus-
sehen! U. k.

Aunstlitteratur und Aunsthandel.

x. — Die Ouellenschristen fiir Kimstgeschichte und Kunst-
technik des Mittelalters und der Nenaissance erscheinen so-
eben in neuer wohlfeiler Ausgabe, die ans vierzig Liefe-
rungen (L M. 1.70) berechnet ist. Die ersts Lieferung euthält
den Anfang von Leonardo'S Buch Vvn der Malerei, übersetzt
von H. Lndwig, die zwcite Cennino Cenni's Buch von der
Kunst, übersetzt von A. Jlg.

* Die Goldene Pforte zu Freiberg i. S. bildet den
Geaenstand einer ausführlichen, mit sieben wohlgelnngenen
Lichtdrucktaseln ausgestatteten Monographie, welche Freih.
Richard v. Mansberg soeben (bei W.Hosfmann in Dresden)
herausgegeben hat. Die Schrift sührt den aus Wernhers
Marienlied entnominenen Titel: „Daz hohe liet vvn der
maget" und stellt sich namentlich die Aufgabe, den symbo-
lischen Jnhalt und Zusammenhang des vielbewnnderten nnd
nenerdings trefflich restaurierten Skulpturenschmuckes der
Goldenen Pforte unter Beziehung anf die Dichtungen nnd
Religionsanschauungen des Mittelalters zu erlnutern und
darznlegen. Wir mnssen die eingehende Würdigung der
Exegese des Verf. einer anderen Stelle vorbehalten, könneu
aber nur wünschen, das; allen Denkmälern nnserer vater-
ländischen Kunst eine so eingehende uud mit so vorzüglichen
Abbildunben versehene monographische Behandlung zu teil
würde, wie sie uns hier geboten wird.

* Neue Photographic» aus deinWiencrBelvcdcre. Manche
der zahlreichen Besucher des herrlichen Belvederegartens
in Wien werden dort während der letzten Monate fragend
ein großes Bretterhaus angeschaut haben, das in der Btitts
vor der oberen Terrasss sich erhebt. Es ist die Werkstatt des
Photographen I. Löwy, welcher nüt neuen Aufnahmcn der
kaiserlichen Gemäldegalerie beschüftigt ist. Es sind znnächst
ztvei photographische Ausgaben derselben in Aussicht geuom-
men: eine in Jmperinl (2—300 Blatt) und eine Folio
(6—700 Blatt). Jm Herbst sollen die ersten Aufnahmen
veröffentlicht werden. 'Eine heliographische Ausgabe steht
für später in Frnge. Dieselbe wird wesentlich von dem Er-
folge abhängen, dessen sich die Photographien zu erfreusn
haben werden. Wie man schon aus der großen Zahl der
Aufnahmen schließen kann, sind nicht nur die Hauptbilder der
Sammlung, welche sich einer besonderen Popularität rühmen
dürsen, sondern auch zahlreiche minder bekannte Werke in
das Programm aufgenommen: eins Entscheidung.üdie man
vornehmlich vom kunstwissenschaftlichen Standpunkte aus
aewißpnur billigen. kann. Nach dem Erscheinen der ersten
Blätter kommen wir auf das hochverdienstliche Unternehmen
zurück.

Eine antike Portiätgalcrie, welche Herr Theodor Graf
in Wien aus El Fajjüm mitgebracht hat, erregt gegenwärtig

in München, wo sie der Besitzer erst weiteren Kreisen zugänglich
gemacht hat, das größte Jnteresse. Gevrg Ebers gab in der
Allgemeinen Zeituug vom 15. Mai n. ff. bcreits einen um-
fassenden Bericht über diesen höchst wichtigen Fund, welcher
ein scharfes Schlaglicht auf die antike Malweise wirft. Ebenso
brachte die KLlnische Zeitung vom 80.Aug. einen längerenAuf-
satz über diese knnsthiftorischen Merkwürdigksiten aus der Fedsr
E. Böttichers. Es handelt sich uni eine große Menge von Bild-
nissen, welche dem alten Arsinvs entstainmen und den Mumien
aufgeheftet waren. Sie sind zum größten Teil auf Holz,
manche auch auf Leinwnnd gemalt, einige in Tempsra, die
msisten in Wachs (enkaustisch) ausgeführt. Derartige Bildsr
sind nicht unbekaiiut; in Dresdenf im Louvre zu Paris, im
British Museum zuLondon werden sie aufbewahrt Doch wareu
es nur einzelne und weniger wertvolle. Die auherordentlich
reiche und nicht nur archäologisch sondern auch künstlerisch
höchst wertvolle Sainmlung des Herrn Graf zeigt die antike
Porträtmalerei auf einer sehr hohen Stufe. Einige Bild-
nisse sind so überaus naturwahr, so sprechend, daß man es
für unmöglich halten sollte, ein zweitausendjähriges Produkt
vor sich zu haben. Andere erscheinen freilich wiederum flach
und konventionell; offenbar richtete fich die Qualitüt des
Bildes nach den Mitteln der Stifter. Über die Sammlung
wird im ersten Heft des neuen Jahrgangs der Zeitschrift für
bildeude Kunst ein illustrirter Artikel von Richard Graul
erscheinen. Ein größeres Werk, welches die hervorragendsten
Stücke der Sammlung in Heliogravüren und Farbendrucken
Lringen und von Prof. H. Heydemann, und O. Donner
v. Richter herausgegeben wird, befindet sich für den Ber-
lag Vvn E. A. Seemann in Vorbereitung.

Todesfälle.

Alfrcd Nriiiand ch. Am 27. Juni dieses Jahres ist der
als Kunstsainmler bekamite Architekt A. Armand zu Paris
in seiner Wohnnng am Loulsvarä äss oaxueiuss verschieden.
Wcr entweder Gelegenheit gehabt hat, den liebenswürdigen
Herrn persönlich keiinen zn lernen, oder sich nur die Emsig-
keit und Gewissenhafügkeit vergegenwärtigt, mit der Armai'd
das Studium der italienischen Medcülleure betrieb, wird„über
seincn Hingang gewiß ausrichtlge Trauer empfinden. Über-
raschen kvnnte aber Armands Ableben nicht Die zitteriide
Haud in seinen Briefen aus den letzten Jahren und die
Nachrichten, die übsr das Zuriickgehen seiner Kräfte aus
Paris zu uns drangeu, mußten äuf den traurigen Fall
läugst vorbereiten. — A. Armand war am 3. Oktober 180ö
geboren (nach der „Oüronigus äss arts" 1888, S. 200). 1827
kam er in die Leols ciss bes.ux-8.rts, wo A. Leclerc sein
hauptsächlicher Meister war. Den fertigen Architekten haben
meist Bahnhofbautsn beschäftigt, unter denen ich die nnn-
mehr schon histvrisch gewordene 6urs 8t. Iin^urs zu Paris
hervorheben will. Für uns ist Armand mehr durch seine
auserlesene Medaillensammlung wichtig und durch die zahl-
reichen schönen Zeichnungen vön alteii und neuen Meistern
ersten Ranges. Eine meines Wissens nur im engsten Kreise
bekaunte Zeichnung Lionardo da Vinci's, die zu Les großen
Jtalisners theoretischen Studien in Beziehung steht, ein Blatt
von Raffael, eiu sehr interessantes von Dürer (eine Zeich-
nung zu dem Stich: Friedrich der Weise, B. 101) je eines
von Nembrandt, F. Bol, inehrere Vvn Van Dyck, bedeutende
Zeichnnngen von Jngres mögeii hier genannt werden. Aus
dem methodischen Studiuni der italienischeu SchaumünzeU
der Renaissauce ist Armands allbekanntes vortreffliches Werk
„Iiös msäs.illsurs italisus clss guinmsms st ssiÄsms sisolss^
hervorgegangsn, dessen dritker Band vor etwa einem Jahre
ausgegeben worden ist. Wie es heißt, geht Armands
Saninüung Vvn Zeichnungen an H. Valton, seiyen llniver-
salsrben, über. Seine ungewöhnlich reiche Kollektion vou
Photographien soll die Pariser Nationnlbibliothek erhalten-

Th. Frimmel.

^ Dcr Porträtmalcr Gustav Gaul, eine in allen Gesell-
schaftskreisen Wiens als Mcnsch und Künstler hochgeschätzü,
liebenswürdige Persönlichkeit, ist am 7. d. M. in der Hinter-
brühl bei Mödling einem längeren llnterleibsleiden erlege».
Ganl war, als Sohn. des Medailleurs Franz Gaul,

8. Februar 1836 i» Wien geboren nnd zählt zu den begad-
testen Schülern Rähls, dessen Grlliidsäben er in seinen stll^
vollen, in saftigen Farben gemalten Bildnissen treu zuge-
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