Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 23.1888

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Kunstlitteratur und Kunsthandel,

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Beste, aber auch für das Schwierigste. Wir könne»
dies im Bilde gleich genießen, indem wir von den
Gestalten, die auf der Menschheit Höhen wohnen,
hinabsteigen in den stillen Wirkungskreis, den Carl
Spitzweg uns enthüllt, in dem kein wilder Lärm
erschallt und kein rastloses Ringen und Mühen, son-
dern stille Beschaulichkeit, milde sanfte Stimmnng und
launige Gemütlichkeit herrscht.

Aus Waldmann, Auf qefahrvollen Pfadcn. (Berlag von
I. M. Gebhardt, Leipzig.)

Nichts vermochte den einstigen Apotheker ans
seiner stillen Behausung zu locken, „in geselligen
Kreisen froh auszutauschen, was erhebt!" Seiue kleine
originelle Welt war ihm genug, Er sagte es selbst
in einem launigen „Zwiegespräch":

„Nicht kleiuste Freude noch auf Erden
Jst mir mein Stübchen spät bei Nacht,

Des Tages Mühsal und Beschwerdeu
Ein Buch mich dann vergessen macht. ..,

Verzeih, wenn so ich minder Nutzen,

Belehrung minder findcn kann;

Doch wenn die Freunde dort sich dutzen,

Red' ich mich auch mit „Sie" nicht an!"

Er kanute der Menschen seltsam Treiben, ihre
kleinen Schwächen und Bosheiten, aber er hatte sie
gern, sah sie mit liebevollem Auge an, Und ihm

hatte die gütige Fee so herrliche Gaben verlichen,
mitteilsam und herzgewinneud auszusprechen, was er
gesehen und empfunden, wie nur den Auserlesenen
ihrer Gunst. Jn den vorzüglichen Kupferreproduk-
tioneu, herausgegeben von Eugen Spitzweg und mit
einem Vorwort von Friedrich Pecht (Die Spitz-
weg-Mappe, München, Braun L Schneider) liegt
uns eine Anzahl vou zwölf seiner köstlichsten Bild-
chen vor. Auf der Wanderschast, welche dieselben mit
vieleu nicht minder liebenswürdigen Genossen durch
die deutschen Lande machten, haben sie längst alle
Herzen gewonnen und werden sich, des dürfen wir
gewiß sein, unter den edelsten Weihnachtsgaben eine
bleibende Stätte erobern. Die äußere Ausstattung
des schönen Werkes ist ebenso originell wie gefällig-
Noch zwei Werke der Jugendlitteratur mögen
hier eine kurze Würdigung erfahren, deuen die Kunst
des Jllustrators, des Müncheners Fritz Bergen, eine
die gewöhnliche Bildertechnik überragende Stellung
anweist. Die „Lederstrumpf-Erzählungen",
welche A. Hummel dem James Fenimore Cooper
frei nacherzählt hat, nnd die drei Erzähluugeu aus
dem Gebirgs- und Waldleben „Auf gefahrvolleu
Pfaden" von C. Waldmanu (beide I. M. Geb-
hardts Verlag, Leipzig) sind mit zahlreichen Holz-
schnitten uach Bergenschen Zeichnnngen verziert, die
sich durch fesselnde Präguanz und tüchtige Charakte-
ristik vorteilhaft auszeichnen.

Aunstlitteratur und Aunsthandel.

Deutsche Kunst uud Kiinstler der Gegenwart i» Bild und
Wort. Photogravüre-Prachtwerk, Text vonLudw. Pietsch.
gr, 4. München, Fr. Hcmfstängls Verlag.

IV. ll. Eine ansprechende Gabe, in eleganlester Form
anmutig und belehrend zugleich, ist das eben erschienene
Album der Hanfstänglschen Verlagsanstalt, welches in vor-
züglichen Photogravüren dreißig Bilder berühmter und be-
liebter deutscher Künstler zu einem reizenden Strauß ver-
sinigt, Wir finden darunter großenteils gute Bekannte,
zumeist von der vorjährigen Berliner Jubiläumsausstellung,
darunter Meisterwerkc wie Menzels Eisenwalzwerk, dic
ÄRarine von Andreas Achenbach, die Menagerie von Paul
Meyerheim, das entflohene Modell von Bautier, die fein-
empfnndene Schachpartie von Holmberg, den dramatisch bc-
wegten Sturm von Wopfner, und die herzbewegende Scene
„Kriegsgefangen" von Anton von Werner. Fritz von llhde
ist mil seinem Abendmahl, Otto Erdmann mit der Testa-
mentseröffnung, Klaus Meyer mit den Würfelspielern, Fritz
August Kaulbach nüt seiner heil, Cäcilie, Hermann Kaul-
bach mit der Krönung der heil. Elisabeth vertreten. Abe»
auch an manchem Neuen fehlt es nicht; wir nennen die
„Hoffnung" von Kuno von Bodenhausen, „der ersten Liebe
gold'ne Zeit" von Alex. Liezen-Mayer, und „die erste Studien-
reise" von Defregger, die freilich in der gelungenen Helio-
gravüre besser wirkt als im Origiual, wo der treffliche
Meister fhoffentlich vorübergehend) nicht anf seiner vollen
Höhe erscheint. Von unmittelbarster Komik ist wieder Eduard
Grützner in seinem „Klostergeheimnis", fein und grazivs
Toby Rosenthal in dsr „Tanzstunde unserer Großmütter",
frisch und lebensvoll Fritz Werner in seiner „Marketenderin
zwischen den Regimentern Dessau und Bayreuth". Wir
nennen noch Karl Jutz mit seiner allerliebsten Schilderung
der „unfolgsamen Kinder", Arthur Thiele mit der ergreifen-
den Katastrophe „zu Tod verwundet", Karl Sohn, der in
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