Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 23.1888

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Der neue Kupferstich uach Leonardo's Abcndmahl von Rudolf Stang.

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hat. Es sind energische nnd doch gesälligc Erschei-
nungen, die bei der Einzelbetrachtung ungemein ge-
winnen, während es uns schcint, als bliebe ihre
änszere Bedcutung am Denkmal hinter ihrer inneren
zurück. Hier muten sie uns an wie ornamentale
Füllsel, wie verhältnismäßig zn kleine Vermittlerinnen
zwischen der thronenden Maria nnd dem hohen archi-
tektonischen Kernbau, dem Postament des Denkmals.
Dieses Postament, von quadratischem Grundriß mit
vorspringenden Ecken, bildet zwischen korinthischen
Sänlen an den Seiten vier Nischen und sindet m
einem mächtigen, ausladenden Architrav eine breite
Basis fnr die sich darüber erhebende sitzende Gestalt.
Voluten stellen die Vermittlnng zwischen dem etwas
steilen Postament und dem weit vorragenden Unter-
bau her, anf dem die vier Reiterbilder Dauns, Lau-
dons, Wenzel Liechtensteins und Khevenhüllers Auf-
stellung gefunden haben. Welches Glnck, das; die
Reiter nicht mehr galoppiren, wie es ursprünglich
vom Künstler beabsichtigt war, sie hätten ohne Zweifel
den stolzen Mittelban mitsamt der krönenden Figur
auseinander gerissen! Aber auch jetzt, da sich di'e edlen
Rosse Mühe geben, still zn halten, wie es Wacht-
habenden geziemt, regt sich in manchem Betrachter
vielleicht der Wnnsch, daß sie fester mit dem Bau
verbnnden wären; die Silhonette des Ganzen würde
nnstreitig dadurch geschmeidigere Linien bekommen
haben. Zwischen den Neiterfiguren, vor den Reliefs
des Postamentes — mit Portrütgestalten hervor-
ragender Zeitgenossen — auf dem vorspringenden
Sockel sind noch vier Kolossalstandbilder aufgestellt:
Kannitz, Wenzel Liechtenstein, Haugwitz und Van
Swieten. Alle diese verschiedenen Gestalten nnd
Reliefs, sowie die frei im Geiste italienischer Re-
naissance behandelten Zierglieder, die Friesbänder
und Wulste, der Schmnck an den Voluten nnd
Säulen sind in Bronze ansgeführt, die architektonischen
Teile des Monumentes im Stile italienischer Hoch-
renaissance sind grauer Granit nnd dnnkelgrüner
Amphibol-Serpentin.

Wenn wir anch einige Fragepunkte angesichts des
großartigen Werkes nicht nnangedentet lassen mochten,
so bringen wir doch dcm Meister gern für sein zn
gutem Ende geführtes Werk unsere Huldignng nnd
Bewundernng dar. Mit welchen Schwierigkeiten
Zumbusch von Anbeginn an zu kämpfen hatte, er-
hellt erst, wenn wir nns die EntstehungSgeschichte
des Monumentes, die verschiedenen Phasen seiner
Entwickelnng von dem ersten Entwurfe bis zur
schließlichen Herstellnng vergegenwärtigen. Und jene
Schwierigkeiten hat Zumbusch bis auf Einzelnes in
glücklichster Weise gelöst. Sein Werk ist ganz im
Sinne der nmgebenden Architektur komponirt. es ist

klar in der Anordnnng und edel in den Formen, und
es ist vor alleni wahrhaft monumental; ihm wird
zum Rnhme der edlen Fürstin wie zum Nuhme des
Künstlers die V olkstümlichkeit nicht ausbleiben. Daß
die technische Ausführnng des Werkes eine vollendete
ist, braucht kaum hervorgehoben zn werden, die Kunst-
LMießerei Poenningers, aus der die Kaiserin, die
Reliefs, der Daun, ferner drei der Standbilder und
drei Allegorien hervorgingen, dann die Anstalt Tur-
bains, welche drei Reiterstatuen, den Liechtenstein
und eine Allegorie goß, haben ihren guten Anteil
an dem Gelingen des Ganzen. Wir erwähnen noch,
daß die ornamentalen Details, Schilder, Kapitelle,
Friese u. s. w. nach Zeichnungen Hasenauers von
Alois Hanusch in vortrefflicher Weise gegossen
sind. R. G.

Der neue Aupferstich nach Leonardo's Abendniahl
von Rudolf 5tang.

Jm Jahre 1875 erzählten die Knnstzeitungen,
daß Rudolf Stang, der mit Recht hochgeschätzte
Stecher des „iZposalirio", die Wiedergabe des Abend-
mahls in größtem Maßstabe vorbereite. Die Nach-
richt stieß bei einigen Kleinglänbigen auf ein bedenk-
liches Kopfschütteln. Bedarf es noch, da wir Morghens
Stich besitzen, einer neuen Reproduktion? Jst es
nicht eine Tollkühnheit, in einer Zeit, in welcher der
ganze Kunstzweig des Kupferstechens auf den Aussterbe-
etat gesetzt zu sein scheint, sich an eine solche Riesen-
aufgabe zu wagen? Der Küustler ließ sich gottlob
nicht beirren. Er besaß den Mut und die Beharr-
lichkeit, den einmal gefaßten Plan, allen Hindernissen
zum Trotze, durchzuführen. Nach dreizehn Jahren
emsiger Arbeit liegt der Stich vollendet vor, ein
Ehrendeukmal, für den Künstler und eine Herzstärkung
für alle, die an der Zuknnft des Kupferstiches ver-
zagen wollten. Ein Knnstzweig, welcher so große
Aufgaben so vortrefflich löst, braucht nicht die Zn-
kunft zu fürchten. Rudolf Stang liefert den Beweis,
daß ein guter Kupferstecher kein bloßer Techniker ist,
sondern anch die Fähigkeit feinster künstlerischer Nach-
empfindung besitzt. So lange sich unsere Kupferstecher
die letztere Eigenschaft wahren, bleiben sie vor dem
Mitbewerb rein mechanischer Reprodnktion geschützt.

Über das Verhältnis des ueuen Stiches zu dem
berühmten Morghenschen Blatte wünscht natürlich jeder
Kunstfreund zuerst Genaues zu erfahren. Stang ist
gewiß der letzte, die Verdienste seines Vorgängers zu
unterschätzen. Die Kraft in der Stichelführung, die
vollkommene Herrschaft über die Technik, das Wirkungs-
volle in der Licht- und Schattenbehandlung, diese Vor-
züge wird kein Unbefangener dem alten Meister ab-
streiten. Wenn sich trotzdem die Überzeugung immer
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