Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 23.1888

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Kunstlitteratur und Kunsthandel. — Todesfälle. — Preisvsrteilungsn.

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schwinden zu machen, an idianssn8 in Titelanmaßungen
im Ernst und Scherz geleistet hat, daß sich manche
Bauerndirne „Fräulein" tituliren läßt, oder daß, wie
bekannt, in Wien jedermann, troß des schübigsten
Rockes, mit „Herr don" angesprochen wird, das soll
einen Beweis fiir die sozialen Verhältnisse vor 200
Jahren abgeben, für eine Zeit, lvo die Stünde strenge
geschieden und mit einer uns jetzt lächerlichen Eifer-
sucht an dem letzten Tüpfelchen in der sür jeden fest-
gesetzten Titulatur festhielten? Eine Adelsanmaßung
wird anch noch heute gestraft, und würde einem
solchen Frechling in jenen Tagen den Pranger oder
das Stäupen eingetragen haben.

Übrigens ist von dem „Rechte, sich Ritter nennen
zu lassen", hier nicht die Rede. Es handelt sich
darum, ob bei so bewandten Verhältnisscn sich de Heem
Ritter schlechtweg schreiben konnte und durfte.

Und das ist es, was ich mit derselben Entschiedcn-
heit verneinen muß.

Daß jene drei Herren, welche H. W. anführt,
das mit „wunderbarer Deutlichkeit" geschriebene L und
dazu „nach genauer Untersuchnng" als „deutliches L"
erkannt haben, überrascht mich allerdings nicht nnd
diirfte auch meine freundlichen ebenso wie meine
nnfrenndlichen Leser weniger überraschen, als der Um-
stand, wenn es dem H. W. gelingen sollte, anch nur
einen so unbescheidenen Ordensträger aus jener
Zeit nachzuweisen, welcher sich Ritter schlechtweg
nnterschrieben, oder wieder einen so bescheidenen
Ritter aus beliebiger Zeit, der sich bei seiner Standes-
bezeichnung mit dem verschämten R begnügt hätte!

Meine Bermutnng, daß das bei einigen Bezeich-
nungen de Heems vorkommende R als f (leoit) ge-
lesen werden sollte, weil dieses letztere in seiner Zest
öfters die Form U angenommen hat, habe ich ganz
bescheiden hingestellt nnd hanptsächlich damit begründet,
daß in allen mir bekannten Fällen, wo dieses
rätselhafte L vorkommt das jenen Künstler-
namen regelmäßig begleitende b (föeit) —
sehlt.

Diese für die unwichtige Frage gewiß wichtige
Beobachtung übergeht H. W. vollständig mit Still-
schweigen, ob es ihm auch bei seiner Stellung gewiß
ein Leichtes gewesen wäre, sich die vollständigsten Jn-
formationen zn verschaffen und vielleicht eine Bezeich-
nung de Heems mit R und k zngleich versehen zn
sinden. Gerade in dieser Richtung würde ich die
Verteidigung eines loyalen Gegners meiner Ansicht
vcrmntet haben. Jch würde auch der Erste sein, und
H. W. das betreffende Facsimile samt der Sieges-
palme zusenden, wenn mir früher oder später ein
solcher Fnnd gelingen sollte.

Jch gehöre nämlich zu denjenigen Leuten, die

ihre Freude daran haben, wenn es anch einem an-
deren gelingt, den neidischen Schleier der göttlichen
Wahrheit in etwas zu lüften. Hat jemand etwas
Dummes gesagt, so denke ich, wird es nicht lange
halten: hat er aber etwas Gescheites ausgeheckt, so
laß ich ihn anch dann gewähren, denn es hilft auch
das entschiedenste Festhalten an dem Jrrtum nichts, die
Wahrheit feiert einmal doch ihre Auferstehung.

vi. Hugo Toman.

Aunstlitteratur und Aunsthandel.

Die Technik dcr Aquarellmalcrei. Von Ludwig Hans Fischer.

2. Auflage. 88 S. Wien 1888, Carl Gerolds Sohn.

Lcl. 2. Zu der bereits nicht kleinen Zahl von Büchern,
die sich — in verschiedencn Weltsprachen — mit der Aquarell-
malerei und ihrer Technik Leschäftigen, ist seit kurzem das
vorliegende Büchlein L. H. Fischers getreten, und wir freuen
uns, gleich sagen zu kvnnen, daß'dasselbe zu den wohl-
berechtigten gehört. Dsr Verfasser, der sich selbst als Aqua-
rellist bereits einen vortrefflichen Namen ermalt hat, legt
in den verschiedenen Kapiteln seiner Schrift das Schwsrgewicht
anf den rein praktischen, den technischen Teil der Malerei,
also auf das, was überhaupt in der Kunst lehrbar und lern-
bar ist. Auf das wohlthuendste berührt der ganze Ton, iu
welchem Fischer schreibt; er ist so Vvllig frei von allerFlun-
kerei und von pathetischen Rcdensarten, so durchaus ruhig-
verständig und fast nüchtern-praktisch, daß der noch llner-
fahrene gewiß bald vertrauensvoll weiter lesen und probiren
wird, und daß auch engere Kollegen so manche mitgstcilte
wertvolle Beobachtung und Erfahrung aus Fischers Buch
für sich in die eigene Praxis herübernchmen können werden.
Giebt es doch nicht wenige Maler, die, ganz naiv produzirend,
allem Technischen, all den durchaus nicht zu verachtenden
Handgriffen, Witzen und Kniffen, fast kindlich, halb scheu, halb
nnbeholsen, gegenüber stehen — An solchen Winken nun,
denen man manche Ersparnis an Mühe, Aerger und Zeit
danken wird, ist Kischers Buch reich genug. Das geschmack-
voll ausgestattete Werk weist auherdem 15 Holzschnitte und
ebenso viele wohlgelungene farbige Aquarellmuster (aus
Angerer L Göschls Anstalt) auf, und die so bald nvtwendig
gewordene zweite Auflage desselbcn spricht wohl ebenfalls
dafür, daß dieses Handbuch Fischers rasch seinen Weg zu
machen beginnt.

Todesfälle.

« Lcopold Munsch, ein beliebter vsterreichischer Land-
schaftsmaler, besonders gliicklich in Darstellungen der Gebirgs-
welt, ist aus einem nach Preßburg nnternommenen Ausflüge
am 17. d. M. plötzlich am Schlagflntz gestorben. Auf der
letzten internationalen Ausstellung war der Meister, der im
Alter von 62 Jahren stand, durch ein Bild des Hochthors
im Johnsbachthal (Steiermark) vertreten.

« C. Vosmacr, der ausgezeichnete hollttndische Kunst-
gelehrte, auch als Dichter und Uebersetzer rühmlich bekannt,
ein langjähriger Mitarbeiter unserer Zeitschrift, ist nach lttn-
gerem Leiden zu Territet bei Montreux im 62. Lebensjahre
gestorben.

jOreisverteilungen.

L. Stuttgart. Das k. Finanzininisterium hatte zur
Erlangung vo'n Entwürfen für ein neu zu erbauendes
Landesgewerbe-Museum (Centralstelle für Handel nnd
Gcwerbe, sowie für Landwirtschaft) ein Preisausschreiben er-
lasseu. Die Entscheidung des Preisgerichts, bestehend aus
den Herren: Oberbaurat v. Bok, Hosbaudirektvr v. Egle
(Stuttgart), Geh. Regierungsrat Prof. Ende (Berlin), Ober-
baurat vr v. Leins (Stuttaart). Oberbaurat Freiherr
v. Schmidt >Wien) und unter dem Vorsitz des Regierungs-
direktors v. Gaupp, lautet dahin, daß zuorkannt wird: Der
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