Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 23.1888

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Kunstlitteratur und Kunsthandel.

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unversehens seme in Fesseln schmachtenden Schwestern
Msnto, Istria, I'iissts findet; die entfesselten Reize
öer Schönen vergoldet von rechts her ein Strahl der
8reiheitssonne. . . Der noch immer mit gutem Appe-
^te gesegnete Löwe zerfleischt nnter diesem Pronun-
ciamiento den DoPPelaar."

Der Artikel schließt u. a. mit den Worten: „Die
nwdern - italienische Plastik vertrttgt eine tüchtige
Dosis Tadel; in ihr lebt eine die Erfindungs-
gabe weit überwuchernde Fülle gestaltcnder Kraft, die
ßch in jeglichem Material mit nur zu großer Ge-
wandtheit auszusprechen weiß. Naturgemäß erscheint
diese technische Routine hohl, wo kein Geist in die
anspruchsvollen Formen einzieht. Jn dem jüngst ver-
öffentlichten „Tagebuche aus Jtalien" hat Goethe diesen
Mangel an „soäsWs." schon in Tintoretto erkannt,
und thatsächlich krankt die ganze italienische Kunst seit
der Spätrenaissancc — einer der wenigen historischen
Fttden, die auch die neueste Entwickelung nicht abge-
rissen — an einem mehr oder minder anfdringlichen
..Größenwahn", Wo immer aber es an der künstle-
rischen Bildnng gebricht, die als verantwortliches Ge-
wissen das Talent zügelt nnd in die Bannmeile seiner
Pflichten verweist, encanaillirt sich die Kunst; ähnlich
wie der hehre Begriff der Freiheit gemein wird, so-
bald ihn amerikanische Demokratenwirtschaft durch
die Gosse schleift. Neben einem immer schranken-
loser auftretenden Hang zu frei malerischer Behand-
lung wird neuerlich die Verwechselung sogenannter
Poctischer Gedanken — die oft genug die barste Prosa
bergen — mit bildnerischen für die italienische Mo-
nnmentalskulptur charakteristisch. Das echt moderne
Sensationsbedürfnis, geschürt durch südländisches Tem-
Perament, feiert dann bei solchen Anlässen, wie wir
sähen, seine wüstesten Orgien."

Aunstlitteratur und Aunsthandel.

N. Bergau, Jnventar der Bau- und Kunst-
denkmttler in der Provinz Brandenbnrg.
Mit vielen Abbildungen. gr. 8". XV und 813 S.
Berlin 1885, Vossische Buchhandlung (Strikker).
20 Mark.

Während in den verschiedenen Provinzen des
deutschen Reiches mit geringen Ansnahmen die Jn-
ventarisirung der Bau- und Kunstdenkmäler rüstig
vorwärts schreitet, sind es nur erst wenige welche sich
rühmen dürfen, diese wichtige nnd bedeutungsvolle
Arbeit abgeschlossen zu sehen. Zu ihnen gehört seit
mehr als Jahresfrist Brandenburg.

Die Kenntnis der Kunstschätze dieser Provinz ist
im wesentlichen sehr jungen Nrsprungs. Das einfache
Material, aus dem dort insolge der Bodenbeschaffen-
heit die öffentlichen Gebände zumeist crrichtet werden

müssen, hat dies verschnldet, und weiterhin wohl auch
der Neid und das Vorurteil, welche mau namentlich
in den nlten reicheu Kulturgegenden des südwestlichen
Deutschlands dem aufstrebenden Emporkömmling des
Nordostens entgegenbrachte. Dies ist nuu glücklich
überwunden, und die hohe Bedeutnug des Backstein-
baues, die geschickte Verwertung des rohen und un-
scheinbaren Ziegelmaterials, wie sie in den mittelalter-
lichen Bauten der Mark zu Tage tritt, wird heute
von allen unterrichteten Seiten unbediugt anerkannt.
Die spöttischen Worte Franz Kuglers (Kleine Schriften
I, 101) haben heute keine Berechtigung mehr; durch
die eindriugenden und bahnbrechenden Werke von
Quast, Essenwein, Adler u. s. w. ist die kunstgeschicht-
liche Bedeutung Brandenburgs in das rechte Licht
gerückt worden, und das nunmehr vorliegende genaue
Jnventar aller in der Mark vorhandenen Bau- und
Kunstdenkmäler wird mit den Vorurteilen, wo solche
noch vorhanden waren, endgültig aufräumen. Selbst
die begeistertsten Verehrer Brandenburgs werden er-
staunt sein über die Fülle von Altertümern, die sich
trotz der eutsetzlichen Kriegsdrangsale, besonders wäh-
rend des 17. Jahrhnnderts, erhalten haben, und auch
die politische Geschichtschreibung wird diese Thatsache
nicht anßer Augen lassen dürfen.

Die Bearbeitung des Jnventars ist durch Ver-
trag vom November 1878 seitens der Proviuzial-
verwaltung Herrn Professor R. Bergau, jetzt zu
Nürnberg, übertragen worden, einer Persönlichkeit, die
in jeder Beziehung, insbesondere durch die ziemlich
seltene Vertrautheit mit der ostdeutschen Kunstent-
wickelung hierzu berufen erschien. Als Muster und
Vorbild wurde das von W. Lotz bearbeitete Jnven-
tar der Baudenkmäler des Regieruugsbezirks Kassel
hingestellt, und danach ist denn auch die Arbeit
unter Mitwirküng des Regierungsbaumeisters A.
Koerner und des vr. Lehfeldt in Berlin, ferner
des Oberlehrers Jentzsch in Guben, des Bauinspektors
W. Koehne z. Z. in Saargemünd, des Gerichtsrats
Kuchenbuch in Müncheberg, des Malers W. von
Schulenburg in Charlottenbnrg, des Rechnungsrats
Warnecke in Berlin und des Oberpfarrers Wernicke
in Loburg hergestellt worden. Die zahlreichen und
durchschnittlich sehr guten Abbildungen sind nach Zeich-
uungen von A. v. Behr, L. Borchard, Clericus, H. v.
Keller, W. Köhne, A. Körner, R. Menz, P. Ritter
W. Ritter, A. Rüdell, W. v. Schulenburg, R. Wesnick
O. Zimmermann, sowie auch von F. v. Ouast und
H. Strack angefertigt.

Die Einrichtung des Werkes ist folgende: S. 1—
49 Überblick über die territoriale Eutwickelung der
Mark Brandenburg von Richard Schillmann, S. 51
—130 Übersicht über die Kunstgeschichte der Provinz
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