Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 23.1888

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Kunstlitteratur und Kunsthandel. — Todesfälle. — Ausgrabuugen und Funde.

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kann man das Gleiche nicht behaupten. „Die Rosen
des Heliogabalus" stellen eine Bankettscene im Palaste
des Mark Aurel dar, die albnnischen Hügel im Hinter-
grunde. Der Kaiser, im Ornat des Hohenpriesters
der Sonne, sitzt an einem Ende der Tafel, seine
Mntter Saemis zur Nechten. Das Velarium über
der Banketttafel wurde eben weggezogen und die
Massen von Rosenblättern, wclche darauf lagerten,
überschütten die Gäste, sie fast begrabend. Jn der
That sieht man im Vordergrunde des Bildes unter
der ungemein sorgfältig gemalten Masse von Rosen-
blättern nur hier und da ein lachendes Gesicht, einen
Arm oder wohl den Kopf eines Kriegers hervorragen,
znr Belustigung des Kaisers und einer Gruppe von
Frauen, die allein von dem Nosenregen verschont ge-
blieben sind. Das Bild ist mit so viel Sorgfalt,
solcher Feinheit uud meisterhafter Technik gemalt, daß
es die größte Bewunderung erregt, aber mit der Wahl
des Gegenstandes war Tadema doch kaum sehr glück-
lich, denn die rosenrote grelle Farbe der cinen Hälfte
des Bildes tötet die andere. Tadema hat noch nichts
Besseres gemalt als dieses Bild, aber doch schon viel
Schöneres. Merkwürdig ist bei all seiuen Werken
die sorgfältige lokale Färbung, aus der man zu glaubeu
geneigt wäre, die Bilder entständen samt nnd sonders
an Ort und Stelle, unter dem Warmeu prächtigen
Himmel Jtaliens, in Rom, Neapel nnd Pompeji.
klnd dvch ist sein Atelier im Herzen Londons, in
einem versteckten Winkel der Gartenvorstadt St. Johns
Wood, gelegen. Dort hat er sich aus einem. stock-
englischen „Home" eine römische Villa geschaffen, seinem
Garten einen römischen Anstrich gegeben, ein großes
an die Villa stoßendes Glashaus mit südlichen Pal-
men und Platanen bevölkert, und dort findet er selt-
samerweise jene prächtige, wahre, klassische Lokalfarbe,
die aus allen seinen Werkeu spricht. Die berühmten
Marmorbänke und Marmorbassins, die steinernen und
bronzenen Figuren, die Tigerfelle, antiken Gefäße und
Gewänder seiner Bilder, alles findet der Besucher in
diesem merkwürdigen römischen Hause mitten in Lon-
don wieder. Aber man wird dort vergeblich nach
einem einzigen Bilde von seiner Hand oder auch nur
nach einer Farbenskizze fahnden. Alles, was er schafft,
wird ihm nnter dem Pinsel weg verkauft und wandert
in die englischen Schlösser oder auf deu Kontinent oder
nach Anierika. Jmmerhin besitzt er eines der schönsten
nnd interessantesten Ateliers von London, das einzige
Stückchcn klassischen Jtaliens in der Nebelstadt. Es
hat ihm unendliche Mühe, Geduld und Unsummen
gekostet, aber es ist ihm doch gelungen. Schwerer
wäre es ihm geworden, hätte er sich ein Stückchen des
bleischweren, schmutziqen, rußiqen, nebliqen London in
Jtalien schasfen wollen."

Aunstlitteratur und Aunsthandel.

x. — Die photographische Kunstanstalt von Christoph
Müller in Nnrnberg hat eins größere Anzahl Aufnahmen
von den verschiedensten Gegenständen des Germanischen
Museums herausgegeben. Es liegen uns ganz ausgezeichnete
Photographien von Mvbeln, Skulpturen, Schlosserarbeiten,
Geräten aller Art, Spitzen, Stickereien ic. vor, die sich für
Studien und Vorlagenzwecke ganz besonders eignen und zur
Anschaffung sür Kunsthandwerker und Kunstgewerbeschulen
warm zu empsehlen sind.

6. l-V Gaudcnzio Ferrari's Fresken in Varallo in photo-
graphischen Aufnahincn. Hvchsl erfreulich ist es sür den Kunst-
freund, das; die Kunstschätze, welche Jtalien birgt, von Jahr
zu Jahr auch in abgelegenen Orten zugänglicher werden.
So ist denn seit wenigen Monaten die Eisenbahn nach dem
reizend gclegenen Bergstädtchen Varallv eröffnet worden,
wohin man von Mailand über Novara in Stunden ge-
langt. Der Ausflug ist sehr lohnend, denn außer den
Naturschönheiten, die das Sesiathal bietet, kann man in dein-
sclbcn besser als anderswo einen der hervorragendsten
Künstler Norditaliens kennen -lernen, nämlich Gaudenzio
Ferrari. — Schon unterwegs sind in kleineren Ortschaften
einige Holz- und Wandmalereien oon ihm noch zu finden.
Jn Varallo selbst aber erivartet uns das Großartigste, was
er geschaffen. Bekannt sind die durch ihn ausgeschmückten
Kapellen. welche sich längs dein Wege, welcher zur Wallfahrts-
kirche führt, befinden. Jn der Stadt sieht man mehrere von
der höchsten Amnut und dein edelsten Schönheitssinn durch-
drungene Tafelbilder. Endlich aus den früheren Jahren
(Iblä beendet) die große in 21 Abteilungen ausgeführte
Wandmalerei in der F-ranziskanerkirche. Alle diese Werke
sind vor Jabren !n eiuein dicken Foliobande mittelst leid-
lichen Kupferstichen in Umrissen von Ant. Bordiga publizirt
worden. Daß der Charakter der Originale darin nur an-
nähsrnd beibehalten ist, läßt sich leicht begreifen. Um so
willkommener müssen demnach die ersten Bestrebungsu ge-
nannt werden, die bedeutenden Malereien durch photogra-
phische Aufiiahmen bekannt zu machen. Wir haben letztere
dem Photographen Cav. Giuseppe Ambrosetti von Türin
(Viä Po 43) zu verdanken, welcher vorderhand das kühne
Unternehmen zu stande gebracht hat, den reichen Cyklus der
Passion Christi in der obengenannten Kirche der Franzis-
kaner, sowohl Stück sür Stück als in einem großen, zu-
sammenfassenden Blatt zu photographiren. Jn der Mitte ist
in einer größeren Nbteilung die Kreuzigung mit zahlreichen
Figuren 'dargestellt; rings herum aber 18 Episoden der
Leidensgsschichte in eberisoviel sein gefühlten Bildern, von
denen uns die Photographien einen treuen Anblick gewähren.

Todesfälle.

— n. Karl Johann Lasch, Genremaler, Professor der
Akademie zu Düsseldorf, geboren 1822 in Leipzig, ist am
28. August in Moskau, wo er zum Besuche bei Verwandten
verweilte, nach dreitägigem Kranksein, gestorben.

Ausgrabungen und Funde.

—u. Karl Huiiianiis ncucstc Ausgrabungen in Nordsyrien
sind von dem erwünschten Ersolge gewesen. Unternommen
wurden dieselben im Auftrage der Berliner „Orientgesell-
schast" unter Begleitung des Arztes v. Luschan und des
Archäologen Franz Winter. Es galt die in den künstlichen
Hügeln Nordsyriens mutmaßlich verborgenen Kulturreste des
Volkes der Hethiter, die in den assyrischen Keilinschriften als
Chiltim oder Chattim bezeichnet werden, bloß zu legen. Schon
früher waren Reliefs hethitischen Ursprungs aufgefunden,
so namentlich eine Löwenjagd, welche Humann 1883 aus
seiner Forschungsreise nach 'Rimrud zu erwerben Gelegenheit
hatte, ferner Felsskulpturen in Kappadozien in Mar'asch am
Fuße des Tanrus. Auf einen der Schutthügel hatte bereits
Hamdi-Bey, der Direktor des türkischen Müseums in Kon-
stantinopel, ausmerksam gemacht, da er dort einige noch auf-
recht stehende Reliefs bemerkt hatte. Die Nachgrabungen
ergaben hisr einen großartigen Propyläenbau, der vierzig
hethitische Reliess, sämtlich in ursprünglichsr Lage, zeigte.
Jm Thorwege hatte die jetzt zusainmengestürzt gefundene
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