Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 23.1888

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Gcgen die Kunstausstellungern

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»Jungsrciu iii der Grvtte" zu zähleu, welches als
^igiiialwerk vou Livuardv da Biuei iui großereu tos-
"Uischx^ Saal ausgestellt ist. Nichts köuutc nuzieheu-
seiu als ein cingeheuder Vergleich dieses Werkes
"ut deni ähnlicheu, in der Galerie dcs Louvre befiud-
lichen Geuiälde. Abgesehen vou der Proveuienz
sprechei, die sichtbaren Aierkniale eutschiedeu zu Guu-
iien des aus deiu Besitze Franz' l. stamnieudcn Bildes,
u> lvelcheni, wcuu der Ausdruck gestattct ist, alles so-
Uwhl geistig als auch körpcrlich schlanker crscheiut, von
^'ii mit dcr größtcn Liebe studirten Grasbüschclu und
^iiimcn bis auf dic eiuzelucu Foriucu der Figureu;

koninit die zartc Behandluug der Hanrc und der
iLilteuniotive.

Da die bekanutc Firnia Ad. Braun iu Doruach
bcidc Geniälde nach dcm ncuesten vollkommeueu Ver-
s»hrcu, trotz der duukleu Farben, die in beidcn vor-
>valtcu, überraschcud schön rcprvduzirt hat, wic sonst
»vch nianchc andcrc Kuustperlen, so kanu gcnauntcr
^erglcich schou durih die zwci grvßcn Photographien
v>it vielcm Nutzen augestellt werdeu. i)

Gnstav Frizzoni.

t) Sie tmgcu die stlummeru I0!I3 (Lvndon) u»d 4MI
(Paris) iu dcm kürzlich herausgcgcbcueu rcichhaltigcn
Kaialoge.

Gegen die Aunstausstelluiigen.

Das modcrue Ausstclluugswesen bcgcguct
wachseudcm Widerwilleu. Wcltausstclluugcu kvmuien,
wie es schcint, uur uoch iu Australien zustaudc. Uud
auch gcgcu Kunst- uud Gcwerbeausstellungeu vou
lleinercm Zuschuitt regt sich cine imnier lebhaftere
^PPvsition. Ottv von Leixuer, eiu Autvr deu
'Ueniand der Lieblvsigkeit gegen die Wclt uud Kunst
heutc wird zciheu wvlleu, ist ebeufalls kürzlich
wit ciucr Brosihürc, die den obigen Titcl führt'),
'» die Rcihe der Gcgucr des mvdcrnen Ausstellungs-
trcibeus gctreteu, uud hat sich nicht mit negativcr
^ritik beguügt, sondern ciue Reihe vou Reformvor-
ichiägcu gcmacht, wclche Bcachtung vcrdieuen.

Er charaktcrisirt den gegcuwärtigcn Zustaud zu-
»ächst fulgeudeu scharfcu Wvrteu: „Die Gruud-
^itze, „ach wclchcu jetzt Kunstausstelluugeu nusgeführt
wcrdcu, si„d sür Kunst, Künstler und Geschmacks-
i'ilduug gtcich sihädigcnd. Sie züchten die Mittel-
wäßigkcit, wie unsere Kunsthochschulen es thun; s>e
üud zu Aiärkteu hiuabgesunken, zu Verguüguugsplätzcu
geworden, >vv halbe und gauzc Wclt sich herumtreibt

l) Gegcn die Kunstausstelluugeu. Zwecklvse Raud-
Illvsseu x>ttv „on Lestuer. (Svnderabdruck aus der

((Deutschen Romau-Zeitung", Otlo Jauke's Verlag.) Berlin,
N°lther L Apvlaut 188^. 8.

bar jedcn idealeu Sinns, aber bis zum Platzcn voll
mit sihönkliugeudeu Nrteilcu. Sic bcleben und wcckcn
wcder Kunstsiun nvch Kuustverständuis, svudcru züch-
ten nur den Wortschwall, welcher durch Tagcs- uud
Wocheublätter sich ergießt und eudlich in der Wüstc
des Salougcschwätzes eleudiglich versaudet."

Es ist richtig, und wird iu dcu Kreiseu ernstcr
Küustler gewiß nicht bestrittcu, daß der modernc Kuust-
betrieb immer mchr iu äußerliche Gewandtheit, haud-
werkliche Technik, Chic uud Bravour sich verliert. Dic
Kuustsihulen folgeu diesem Zuge der Zeit. An Stelle
der Wahruug idealen Siuues trat die Dressur. Der
Lehrgang wird inimer mehr darauf eingerichtct, dic
masseuhaft zuströmeuden Schüler möglichst bald iu
deu Bcsitz aller jeuer Äußerliihkeiten zu setzeu, welche
dazu befähigen, ein Bild zu malen, cineu Kopf zu
mvdellireu. „Eiu riesig geschickter Meusch", — ist
das Epitheton, das die Lehrer dem Lieblingsschüler
nnt Stolz erteilcu. „Fast allc dicse sogcuannteu
Künstler wolleu uun vom Pinsel oder Meißel lebcu,
müsseu es zumcist auch. Also vor allcm Gangbarkcit
der Produktion! Aufsehen machen! Dcr Eitclkeit, der
vcrsteckteu Lüsteruheit fröhncn! klud das beste Mittcl,
siih bckaunt zu macheii, siud die großen Ausstelluugcu."

Dic Ausstclluugskomniissionen, dic Jurh's köuncn
bcim bestcn Willen uud Wisscn den uachtciligen Folgen
des hieraus entstehcudcn Massenandrangs uicht wider-
stehen. „Mau will den ehemaligen Zögliugcn dcr
Kuustsihulcu, dem unter staatlichem Schutz gezüchtcteu
Nachwuchs, nicht die Möglichkeit abschneide», ein Bild
an deu Mann zu briugen. Man weiß, daß der einc
in gedrückter Lage ist uud sich kaum eruähren kauu,
der audcre für Weib nnd Kind sorgen muß". Das
Resultat ist eine Reihe wcitcr Säle Vvll haudwerks-
mäßiger Arbeitcu, selbst bis zur „uucrlaubten Mittcl-
mäßigkeit".

Uud das Publikum, das diesc Märkte bcsucht!
Der Geistcsadcl, die wirklich Kuustgebildetcn, die cchtcu
Kunstfreuude vou gediegcucm Gcschmack siud uatürlich
daruuter iu verschwiudeuder Miuorität. Dic Meugc
besteht nus „dcnjcuigen, welche in eiue Kunstaus-
stelluug uur gehcu, weil cs auch andcrc thuu. Dieser
Menge zu Licbc werdeu Konzerte vcraustaltct, Pnuv-
ramcu ausgestcllt, Ostericn errichtet, gricchischc Festc
gegebeu" u. s. Iv. „Jc mehr diese Mcuschcn zu scheu
habeu, desto licber kvmmcu sie, uud uur ihr Eiutritts-
gcld macht das Ganze zu ciucm lvhucuden Gcschäft."

Zu der Masseuauhäufuug von Gemaldeu uud
Bildwcrken kommt das Gewoge der viclen Menscheu,
dcren Mehrzahl nicht durch ciu eiuziges geistiges Baud
mit dcr Kuust verbuudcn ist. Es crklärt sich zum
Teil gewiß auch aus diesem Charakter der iiioderuen
Ausstelluugen die traurige Thatsache, daß die Kauf-
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