Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 23.1888

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Kmistlitteratur und Kunsthandel.

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seine günstige Form und Größe (49 om hoch, 34 om
breit) sich ausgezeichnet dazu eignet, als Zimmer-
schmuck zu dienen. Joscf Schönbrunner.

Aunstlitteratur und Auusthandel.

Giovauni 5auti, der Vater Llaffaels, von August
Schmarsow. Mit einer Lichtdrncktafel nach einem
Fresco Santi's in Sta. Croce zu Urbino. 101 S.
8. Berlin 1887, A. Haack.

Seit Passavants Raffaelbuch und Crowe's und
Cavalcaselle's Geschichte der italienischen Malerei hat
man die Nberzeugung gewinnen müssen, daß für das
Verständnis von Raffaels Natur und geistiger Ent-
wickelung bedeutsame Elemente in dem Wesen seines
Vaters vorliegen. Diese neueste Arbeit Schmarsows
bringt uns in der Erkenntnis des innigen geistigen
Zusammenhanges zwischen Vater nnd Sohn einen
Schritt weiter. Der Antor führt mehrere wichtige
Stücke von Giovanni's Reimchronik, welche bisher
nicht vollständig oder unkorrekt edirt waren, nach der
Handschrift der vatikanischen Bibliothek vor nnd giebt
von den Hauptteilen des Gedichts, welche sich über
das Niveau des Erzählungstons erheben, eingehende
Analysen. Das Wesen des Dichters und sein Bildungs-
kreis treten nns daraus klar entgegen; wir erkennen deut-
lich, daß wir es keineswegs mit einer nnr handwerks-
mäßig geschulten, sondern mit einer umfassend augelegten
und fein gearteten Natur zn thun haben, welcher die
Jdeen des Humanismus in Fleisch und Blut über-
gegangen waren. Die Freiheit, mit welcher Giovanni's
genialer Sohn die antike Sage und Geschichte zu ge-
stalten wnßte, wird erklärlich, anch ohne die Beihilfe
gelehrter Freunde, wenn wir bedenken, daß Raffael
von Jugend auf durch den Vater mit dieser Vor-
stellungs- nnd Gcstaltenwelt vertraut gemacht worden
war. Manche Motive, welche in Raffaels Bildern
ihre künstlerische Verklärung gefunden haben, sind in
der Reimchronik des Vaters poetisch angedeutet, oder
vielmehr beide, die Kunst des Sohnes wie die Dich-
tung des Vaters, stehen im lebendigen Zusammenhange
mit den humanistischen Jdeen ihrer Zeit. Abgesehen
von der bekannten visxrita. äs Is. xittiirs, welche
außer der nierkwürdigen Übersicht über die Malerei
und Bildhanerei der damaligen Epoche ein förmliches
künstlerisches Glaubensbekenntnis Giovanni's enthält,
sind insbesondere mehrere Abschnitte der Einleitung:
der „Tempel des Mars",der „Triumph der Tugeuden"
in der angedeuteten Richtung von hohem Jnteresse
und anch von nicht geringem poetischen Wert.

Jn dem zweiten Abschnitte, welcher Giovanni als
Maler würdigt, wird dcssen nahe Beziehung zn Me-
lozzo da Forü durch den Hiuweis auf einige beachtens-

werte archivalische Notizen, welche sich bei Müntz (llss
^.rts ä la. eonr äss ?axss III, 131) finden, bekräftigt.
Schmarsow macht es wahrscheinlich, daß der Vater
Raffaels den Meister Melozzo nach Rom begleitct
und ihm dort bei seinen Arbeiten im Vatikan Ge-
hilfendicnste geleistet hat. Bekanntlich gehen manche
Bilder Melozzo's nnter Giovanni's Namen; so z. B.
das Porträt des Herzogs Guidobaldo in der Galerie
Colonna, welches auch Schmarsow (S. 57) unbedenk-
lich als Werk des Giovanni anführt. Die starke
Übermalung des Bildes erschwert die Entscheiduug.
Dcr Autor giebt von sämtlichen Gemälden Giovanni's
genane Beschreibungen; am eingehendsten behaudelt
er das große, durch den Farbendruck der Arundel
Society allgemein bekannt gewordene Fresco von
Cagli nnd das bedeutendste von Giovanni's Tasel-
bildern, die Madonna von Montefiorentino. Nen zu-
geschrieben wird dem Meister von Schmarsow n. a.
das Brustbild eines in Fresco gemalten heiligen
Sebastian in der kleinen Kirche Sta. Croce zn Ur-
bino: ein blonder, zur Seite geueigter Lockenkopf mit
weit geöffneten glänzenden Augen. — Jm allgemeinen
iiberschätzt Schmarsow die kiinstlerische Bedeutung
Giovanni's, wenn er mit Crowe und Cavalcaselle
meint, daß auch in der Malerei des Vaters eine
Grundlage der Kunst seines großen Sohnes zn cr-
kennen sei und von einigen Gestalten Giovanni's be-
hauptet, sie reichten selbst an Domenico Ghirlandajo
heran. Das heißt: zu viel beweisen wollen!

Aber auch abgeseheu vou dieser übertriebenen
Schätzung der Kunst Giovanni's bestehl bei allerGemein-
samkeit ihrer geistigen Bildung ein wesentlicher Unter-
schied zwischen Vater und Sohn: derselbe Unterschied,
der das noch so vielseitig gebildete Talent immcr
von dem Genins trennt, nämlich in der Art, wie sie den
ihnen zuströmenden Gedankenstoff gestalten, künstlerisch
verarbeiten. Jn Giovanni gehen Dichtung und Kunst
nebeneinander her; die Dichtung bernht durchaus auf
hnmanistischen Anschauungcn und ist erfüllt von Be-
geisterung für das Altertum und dessen ideale Ge-
staltenwelt; die Kunst bleibt von alledem unberührt;
sie bewegt sich streng auf der Bahn der mittelalter-
lichen Trndition, das Andachtsbild ist ihr höchster
Triumph. Jn Raffael dagegen sind beide Elemente
iunig mit einnnder verschmolzen; ans dem Dichter
und Maler wurde der Malerpoet, in dessen Phantasie
zwei Kultnrsphären zusammenklingen, wie in jenen
Planetengöttern und Engeln am Kuppelgewölbe der
Cappella Chigi. U.

Gcschichte der deutschcii Kiinst vcm den frühesten Zeiten bis
zur Gegenwart Vvn Wilhelm Lübke. Stuttgart 1888,
Verlag von Ebner L Seubert. >. Liefg. 8.

* Kaum habcn wir den Lesern die auf zwei Bände
angelegte deutsche Kunstgeschichte Vvn Knackfuß augezeigt, und
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