Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 23.1888

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Ein Band Handzeichnungen von Jacques Andronet Du Cerceau.

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dene tüchtige Bilder Oskar Björeks, eine Markthalle
in Venedig, das „Modell" und ein lebensdolles Porträt
einer jungen Dame in ganzer Figur. Ein einfach
liebliches Bildchen von durchans künstlerisch empfun-
dener Wahrheit „Seerosen pflückendeKinder im Kahn'h
giebt Ekenaes, Karl Larsson einige geschickte, sehr
pikante Aquarelle. Dem letzteren schließt sich Chr.
Skredswig in seinen beiden mit Kühen staffirten
Landschaften an, welche die modern-impressionistische
Tendenz mit viel Talent zu vollem, ungeschminkteni
Ausdruck bringen. Joh. Larssen sendct eine Marine,
Oskar Wergeland „Fischer iin Segelboot" auf hoch
bewegter See, Gust. Cederström „Des Seemanns
Witwe."

Mit voller Repräsentation tritt selbstverständlich
die deutsche Kunst in dic Schranken, welche nicht
weniger als 32 Ränme im linken Flügel cinnimmt.
Glänzende Namen auf jedem Gebiet finden sich hier,
keiner ist znrückgeblieben. Jnsbesondere zeigt fich
wieder einmal, daß die süddeutsche Residenz immer
noch unbestritten den tonangebenden Centralpunkt des
gesamten deutschen Schaffens bildet. Freilich hat
sich in der Münchener Malerei in den letzten Jahren
ein ganz unglaublicher Umschwung vollzogen. Die
cinst allbeherrscheude Hiflorienmalcrei ist senil gewor-
den und fördert nichts mehr zn Tage; die bösen
Klopfgeister altmeisterlicher Landsknechte und hyste-
rischer Edelfränlein gcben nur noch im Kunstverein
sich Rendezvous. Dafür umgiebt nns im Glaspalast
das srische pulsircnde Leben unserer Zeit. Fast
glaubt man, im Pariser Salon zu stchen, so hell, licht
und luftig ist der Glaspalast geworden. Freilich ist
dies zum Teil darauf zurückzuführen, daß die Anf-
nahmejury in vielleicht einseitig moderner Weise zu-
sammengesetzt war, indeni besonders Uhde und Pigl-
hein dcn Ton angaben. Jmmerhin kann man sich
nur freuen, daß endlich der lang vorausgesehene Um-
schwnng eingetreten ist. Die alten.Meister ans der
Pilotyschnle vcrmögen neben dem rüstig aufstrebenden
Nachwuchs nicht mehr das Feld zu behaupten, haben
zum Teil sogar notgedrungen von der Ausstellung
fern bleiben müssen, dagegen tritt eine Reihe jüngerer
Künstler mit geradezu epochcmachenden Schöpfungen
in die Schranken.

Besonders die religiöse Malerei weist eine Reihe
ganz hervorragender Werke auf, darunter zwei Ma-
donnen von Gabr. Max nnd W. Dürr, eine ge-
waltig empfnndene, wenn anch etwas dekorativ ausge-
sührte „Grablegnng Christi" von Piglhein, ein
äußerst reizvolles Hexenbild von Alb. Keller und
ein wunderbares neues Werk von Uhde „Die heilige
Nacht".

Auf dem Gebiete des modernen Zeitgemäldes

steht Liebermann mit seiner schvn vom vvrjährigen
Pariser Salon bekannten „Flachsscheuer" obenan.
Dann folgen Habermann nnd Walter Firle,
dessen großes Bild „Jm Tranerhanse" diesmal wohl
den Vogel abschießen dürste, da es den sehr glück-
lichen Versnch macht, diePrinzipien der neuen Richtung
dem Publikum mundgerecht zu niachen. Als Sen-
sationsbild älteren Stils sci Jos. Weisers „Unter-
brochene Trauung" ebenfalls gleich heute genannt.

Das Bildnis zählt — abgesehen vom Lenbach-
Salon, verhältnismäßig wenig bedeutende Nummern;
mit um so größerer Bewunderung müssen wir vor
den zahlreichen herrlichen Landschaften verweilen, ob-
wohl gerade für intim empfundene Landschaften die
modernen Ausstellungsverhältnisse bekanntlich die denk-
bar nngünstigsten sind.

Alles in allem kann man wohl schon hente vor-
aussagen, daß das Münchener Unternehmen einen
unbestreitbaren Erfvlg haben wird, da es an Quali-
tät des Gebotenen alle Ausstellungen der letzten Jahre,
selbst die Berliner Jubiläumsansstellnng, weit über-
trifft.

<Lin Band Handzeichnimgeii von Iacques
Androuet Du Lerceau.

Herr l)r. Lehrs fand beim Neuordnen des
Dresdener Kupferstichkabinets einen Band architekto-
nischer Handzeichnungen, welche er mir zur Begut-
achtung vorzulegen die Güte hatte, da dieselben cine
Signatur nicht haben. Es sind nnverkennbar Ar-
beiten des Du Cercean, des berühmtcn französi-
schen Meisters, der uns neuerdings dnrch das treff-
liche Werk des Baron Henry de Geymüller (llss vn
Osrssau, Paris und London 1887) wieder näher ge-
rückt wurde.

Der Band ist in Schweinslcder gebunden, zeigt
auf seiner Vorderseite in Goldpressung das knrsächsische
Wappcn und die Jnschrift I. tt. U. A. 8. 0. 6. V.
L. (Johann Georg, Herzog zu Sachsen, Gülich, Cleve
und Berg), ist innen in Blei mit N(a) 50 bezeichnet
und etwas wurmstichig. Er enthält31 Blatt sehr feinen
Pergnments, anf dem die Zeichnungen in scharfen Tnsch-
strichen und leichter Abtuschung ausgeführt sind. Sie
sind in jenen Formen gehalten, welche der „zweiten
Manier" nach Geymüllers Darstellung entsprechen,
gehören also wohl der Zeit um 1550 an. Die Ge-
wißheit, daß die Blätter von Du Cerceau stammen,
ergiebt sich aus ihrem Jnhalt, ihrer meisterhaften und
eigenartigen Zeichnung, sowie aus der leicht erkenn-
baren Handschrift in Zweifel ausschließender Weise.
Es wäre also den Hrn. v. Geymiiller bekannten, mit
den Buchstaben bis H bezeichneten dreizehn Samm-
lungen von Zeichnnngen noch die Dresdener als vier-
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