Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 23.1888

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Kunstlitteratur uud Kunsthaudel. — Saiuinlungcn und Ausstellungeiu

üch gnnz alleiu uud sclbstäudig vum armseligsteu Holz-

ichnitzerzum großenMarmorluldhaucr herausgearbeitct,

vvin strengsten Naturalismus ausgehcud, allem aka-
^^"nschcn Konventionalismus diametral entgegeugesetzt,
"klmählich mit vollem Bewußtseiu dem cwig wahreu
^dcalismus der Antike uachhäugt und immer mehr
Üch bestrebt, II bollo nel voro zur charakteristischeu Er-
scheinttng zu bringeu. Zu dcn Werken gesellt sich als
äweite Quelle für die Biographie Duprö's eiue An-
ä"hl hinterlassener Schristeu: ucbcu Brieseu uud eiuigeu
klciuereu Aussätzeu, die Venturi herausgegebeu, die
l'onsisri bull'kirto s Riooräi ankograkoi des Küustlcrs,
>wn dencn dem Referenten die vicrte, verbesserte uud
bcrniehrte Auflage (1883) vorliegt, währeud ihm die
l^ltoro o soritti ininori bisher nvch unzugäuglich ge-
bliebcn. Die Selbstbiographie, bis znm Jahre 1878
reichend, ist ein ganz allerliebstes Buch. das uur den
ciiien Fehler allzu behaglicher Brcite hat: abcr gern
wird man das mit in deu Kanf uehmeu, gegeuüber
der chrlichen Wahrheitsliebe, der schlichten Frvmmig-
keit, der harmlosen Liebenswürdigkeit, niit deneu dcr
Küustler über sich und seiue Wcrke, seiu Riugcu uud
Streben, Deukeu uud Fühleu, seiue Fehler uud seine
Erfolge plauderud berichtet; fast will mir schciueu,
als ob Duprü der Bicusch uoch höher stehe als -rupro
dcr Künstler.

Frieze's Biographic, die in kurzcn Umrisseu cin
" 'schließeudes Bild von des Küustlers Erdenwallcn
stleb. Siena 1. März 1817; gest. Florenz 10. Jaiiuar
l'^82) und seineu Werkeu giebt, ist mit seneiu Auteil
"nl> jeuer Wärmc gcschriebeu, wclche ein Bivgraph
seincn Helden haben muß, uud doch bleibt das
''ch frei vvu jeder Überschwäuglichkeit uud Lob-
^cduerei, die uuwillkürlich zuui Widerspruch ciuzuladcu
nnd die Kritik über die Leistuugeu des Bildhancrs
t^nuszuforderu pflegen. Eiue Anzahl von Abbil-
cnngeu uuterstützen die Beschreibuugen der Haupt-
^^ke des Küustlers; die Abbilduugcn vvu Cauvva's
. ^nbiiial Clemcus' XIII., svwie vou Michelaugelo's
-'ediceergräbcru, als allgemeiu bekannt, würde uiau
hcrn eingetauscht seheu gegeu ein Mehr vou Duprä-
ichcn Arbeiteu, z. B. gcgcn deu auferstandeueu Christus,
^cr sich kxsincu und gcwiß uur sehr seltcu be-

snchten Buti bei Pisa fiudct uud den man um so mchr
berinißt, als er zusammen niit der Pietä iu Sicua
k'cn Stoff des zweiten Cvuti'scheu Dialogs bildet.
^icse beiden Gespräche, die zwischeu Duprö und Frcuud
Eouti übxx xj„ige Duprä'sche Werke uud ästhetische
'knsichten (z. B. übcr Nacktheit u. a.) uach bcrühmtcn
-iiistern gesührt werdcu, sind hcrzlich gut gemeiut,
nber doch, wie alle dcrgleicheu mvdcrue Lehrdialoge,
knngweilig, worau aber der Übersetzer uicht schuld ist.
si'alle a. S. H. Heydemann.

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Aunstlitteratur und Aunsthandel.

R. X. R. Dcr Katatog dcr königl. Gcinäldcgalcric zu
Dresdcn ovu Karl Woermann ist in den ersten Tagen
des Oktober in ctner größeren und kleineren AuSgabe er-
schtenen. (Preis: Mk. 4 und l,bv.) Während letztere sich
damit bcgniigt, die Ergebnisse der neueren Forschungen ohne
nähere Begrüudung zn verzeichnen und ftir diejenigen be-
stiimnt ist, welchs die Bilder der Galerie überhaupt kennen
lernen wotlen, ivendet sich die gröszere Ausgabe znnächst an
die kunstwissenschaftlich gebildetcn Besucher, dcnen sie auf
alle bei dcr Betrachtung sich ergebenden Fragen nach Mög-
lichkeit Rede zu stehen bemiiht ist. Zu diesem Zwcck enthätt
sie nach eincm geschichtlichen Überblick über die Entwicklung
der Sammlnngj genane, weun auch knapp gefaßte, Bilder-
beschreibungcnj wvdurch etner der grvßten Mängel der
sriiheren Kataloge beseitiqt ist. Kurze Angaben über die
Lebensgeschichtc der elnzeincn Meister, deren Facsimiles in
größtenteils »eu hergestellten Zeichnungen dcs Jnspektors
Gustav Müller beiqegeben sind, bieten willkvmmene Be-
lehrung, zumal zur Begründung neuerer Ansichtcn stets die
nötigen litterarischen Nächweisnngen mitgeteilt werden. Die-
selben sind besonders zahlreich bei denjcnigcn Bildern zu
finden, bei dcnen sich eine ltmtaufe oder Neubenennuug not-
wendig erwies. Eine besondere Sorgfalt ist auf die Ermit-
telnng der Herkunft der einzclnen Bilder verwendet worden.
Schließlich wird anf die Vervielfältigungen der Gemälde in
Stichen, Holzschnilten und Phvtogräphien hingcwicsen, eine
Neuerung, die jeder Kunstfreund dankbar willkommen heißen
wird. — Die wissenschaftliche Bedentnng des Kataloges läßt
sich in dieser knrzen Anzcige selbstverstündlich nicht darlegen,
dazn bedarf es ciner eingehcnderen Prüfung, welche die
engeren Fachgenossen Wocrmanns sich nicht entgehen
lasscn werden. Doch läßt sich auch schon nach flüchtiger
Durchmnsternng behaupten, daß sich der Katalog Woer-
manns denen seiner Kollegen in Müncheu und Ber-
lin ebcnbürtig anschließt. und daß die an dem Berzeichnis
seines Vvrgttngers Julins Hübncr vielfach vermißte wissen-
schaftliche Gründlichkeit und Schärse der Kritik in seiner Ar-
beit in vollstem Maße znr Anwenduug gekommen ist.

5ammlungen und Ausstellungen.

Die italicnischc Kunstausstettung in Vcncdig soll nach
cincr Mitteilnng der „Frankf. Ztg." bisher cin Defizit von
280 ggg FrancS ergeben habcn. Dic Maler haben schlcchte
Geschäfte gemacht. insofern verhältnismäßig wcnig Bildsr
Absatz fanoen. Nicht besser crging es den Ansstellern in
der Mailänder Brera; bis zum letzten September, drei Tage
Vvr Schluß der Ausstcllung, wärcn nur l8 Kunstwerke
verkauft.

jj: Östcrrcichischcr Kunstvcrcin. A. Böcklins ncnes
großcs Gemälde „Nator äolorosa." ist gegenwärtig das Er-
cignis in der Abendansstelluiig. Das wnndersame Werk,
welches in eincm votlständig finstcren Saäl zwischen Ge-
stränch und Blumen bei flackerudcm Gaslicht ausgestellt ist,
verfehlt nicht, auf dic Bcschaner eine tiefe Wirküng anszu-
übcn. Der tote Christus und die darüber gebeugte, ganz
in ihren blauen Mantel cingehüllte Maria, die beiden Ge-
stalten mit der tiefgestimmlen Landschaft des Hintergrundes,
sind Schöpfungen von vollendeter Meisterschaft. Es ist der
ergreifende Momcnt dargestellt, wie die im tiefsten Seelen-
schmcrze zusammengebrochcne Mutter sich mit dcm Antliti
auf die Brust des "Dahingeschicdencn wirft, nnd dcn cnt-
feeiten Körpcr nvch eliimal in unsäglicher Licbe krampfhast
in die Armc schließt. Der Verlassenen, in Gram Verlorenen
naht himmlischer Trost in einer cigentümlich visionären Er-
scheinuilg, dic der Künstler als vcrsöhnendes Motiv über
der Grnppe erscheinen laßt. Die dunklen Wolkcn habcn sich
gcöffnet und in der Glorie, von Engeln nmgeben, neigt sich
Christus als Knabe zn der Maria nteder, sie aus ihrem Leid
zir wecken: cin glückseliges Wicderschen nach schmerzvoller
Trennung! Wie schön änch dcr Gedanke an und sür sich
ist : so wie ihn Böckün auf dem Bilde zur Anschanung bringt,
wirkt er überraschend, wcnn nicht gar störend. Der Be-
schauer ist zu sehr von dcr schrecklichen Wirklichkeit gefesselt,
als daß er dieser naiv crfnndenen Allegorie den nötigen
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