Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 23.1888

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Korrespondenz.

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neben jenem Postwagen einherzugehen, dieselbe kühle,
neblige Luft mit dem dort arbeitenden Steinklopfer
zu atmen; die Stimmen der „strohflechtenden Müd-
chen vor den elenden Bauernhäusern" tönen bis zu uns
herüber, und dieselbe Luft, die in dem „Olivengehölz"
die wassertragenden Mädchen erfrischt, umweht auch
uns. Mit überzeugendster Wahrheit sprechen diese
Landschaften zu uns, als treueste Wiederholungen der
Natur. Jn ähnlicher Art und Weise malt Luigi
Gioli seinen „Regentag auf dem Ponte alla Carraia
in Florenz", Professor Gelati „Portoferraio auf
Elba", Gradi seinen „Felspfad", Nobili den „alten
Markt in Florenz", Ancilotti seinen „Regentag in
Paris", Simonetti einen ähnlichen in den Bergen,
und Mazzoni seine sehr sorgfältig und stimmungs-
voll ausgeführten Landschaftsskizzen und seine beiden
größeren Ölgemälde, „der Stier im Wasser mit
Schneelandschaft" und „die Dorfstraße". Der Genre-
maler Professor Bruzzi wählt ländliche Episoden
für seine Bilder: „Dorfkinder Schafe hütend", „Schafe
im Stall" und „auf der Weide", „eine kleine Hirtin"
u. s. w. und verbindet mit ausgezeichneter Technik
humorvolle Auffassung. Jm allgemeinen verschwindet
auch auf dem Gebiete der Genremalerei, was den
Jnhalt anbetrifft, die Schönheit vor der Wahrheit.
Die alleralltäglichsten und die allertrivialsten Vor-
gänge werden gemalt, und meist in recht anspruchs-
voller Art und oft aufdringlichem Format, so die sich
heftig mit Seife „waschende Alte" (Casini), der „zu
spät kommende Schuljunge" (Moro), eineder allerun-
schönsten toskanischen „Banernfamilien bei der Mahl-
zeit" (Pesenti) u. s. w. Bei vielen dieser Genrebilder
entschüdigt in keiner Weise außergewöhnliche Technik
und lebenswahre Wiedergabe von Personen und
Situationen für den sehr gewöhnlichen Jnhalt. An-
ziehender und charakteristischer malt der Cavaliere
Professor Guzzardi eine „Scene zwischen einem
schmollenden sizilianischen Liebespaar", Ancilotti
seine „Frauengestalt am Meere", Pastega „die inter-
essante Lektüre" (zwei Mädchen im Bauernzimmer
einen Brief lesend), Ciardi „die Jagd auf der
Lagune", Da Pozzo „die junge Neuvermählte", Cei
Cipriano sein „ohne Mutter" (ein armes Bauern-
mädchen auf einen Stab gestützt), Professor Faldi
„die üble Nachrede", Holländer sein „Landmädchen
im Beichtstnhl". Letzterer stellte außerdem einen der
interesfantesten Porträtköpfe der diesjährigen Samm-
lung aus: „ein Landmädchen von der Riviera". An-
dere Studienköpfe bringen Gradi, Gairoard
(Selbstporträt), Valentini, Volpini, Birelli,
Mussi u. a.; Blumen- und Fruchtstücke haben Nico-
lini, Giulietta Corazzi, Laporte, Professor
Trionfi, Alice Danyell rc. gemalt. Die Skulptur

ist anf der diesjährigen Ausstellung nur wenig ver-
treten, meistens durch Bronzen. Tempra stellt den
Kopf eines Straßenjungen in Bronze aus, de Mat-
theis einen Bulgaren in Bronze, Sarti die Büste
Marco Minghetti's in bronzirtem Gips, Lombardi
einen lachenden Mädchenkopf in Marmor, Gnidi ein
Terrakottarelief und Lavezzari einen Knaben mit
Angelschnur in Bronze.

Aorrespondenz.

Dresden, Anfang Januar 1888.

8. ll. Noch vor Jahresschluß ist in Dresden
eine stüdtische Angelegenheit in Fluß gekommen, welche
nach ihrer Durchführung wesentlich dazu beitragen
dürfte, das allgemeine Jnteresse für die bildende Kunst
und das Kunstgewerbe in der süchsischen Hauptstadt
zu beleben. Der Stadtbaumeister Hermann August
Richter hat nämlich dem Rate eine Denkschrift über
die geplante Errichtung einer Ansstellungshalle
in Dresden überreicht. Dieselbe soll als Unterlage
für eine Konkurrenz deutscher Architekten zur Er-
langung geeigneter Pläne dienen. Als Bebauungs-
fläche ist das Terrain an der Pirnaischen Chaussee
nordwestlich vom Großen Garten ins Ange gefaßt,
auf welchem im Jahre 1885 das allgemeine deutsche
Turnfest abgehalten wurde. Die hier zu errichtenden
Bauten zerfallen in massive, für die Dauer berech-
nete und in solche für vorübergehende Zwecke, welche
abgebrochen und nach den jeweiligen Bedürfnissen
wieder aufgestellt werden können. Die Größe der-
selben ist so bemessen, daß sie sür die Zwecke einer
sächsischen Gewerbe- und Jndustrieausstellung ans-
reichen werden. Das Hauptausstellungsgebäude, das
auch als Festhalle und Versammlungsranm für 5000
bis 6000 Personen dienen soll, wird sich auf einer
Grundfläche von 2500 bis 3000 cjm erheben. An
dasselbe schließen sich zwei gleichfalls massive Pavil-
lons von je 1500 bis 2000 c^m bebauter Grundfläche
an, die durch Hallen unter fich und mit dem Haupt-
gebäude zu verbinden sind. Der übrige zur Ver-
fügung stehende Ranm ist zum Teil für die interi-
mistischen Bauten zu verwenden, zum Teil in Park-
anlagen zu verwandeln, wobei die Hoffnung besteht,
daß der Staatsfiskus einen Teil des von der Stadt
angekauften Areals zur Anlegung eines botanischen
Gartens erwerbe. Die Kosten für die auf die Dauer
zu errichtenden Bauten, einschließlich der Kosten für
die Einfriedigung und für die Herstellung des Parkes,
dürfen die Summe von einer Million Mark nicht
übersteigen. (Näheres in der 8. Beilage zum Dres-
dener Anzeiger vom 21- Dezember 1887.)

Hat so der Stadtrat zu Dresden durch Aus-
schreibung dieser Preisaufgabe aufs neue deutlich be-
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